Engel allenthalben

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Tag 79 von 366 – Ich falle über Tweets von Leuten, die wegwerfende, herablassende Sprüche reißen über Podcaster, Zeichner, Videomacher, welche ihre Kunst teilen und bin erstaunt, wie wütend es mich macht. Ich finde, ja, wer seinen Atem, seine Reichweite, seine Energie nur zu solchem Geläster nutzt und um billige Lacher von anderen, nichtsnutzigen Lappen abzugreifen, sollte einfach still sein und zur Seite treten für diejenigen, die sich und andere in kreativer Form motivieren wollen.

Experimentieren mit neuen Medien, lernen, hinfallen, sich lächerlich machen, das kann man gerade allenthalben beobachten und recht gefahrlos unternehmen. Der Kontrollverlust lacht uns alle aus, auch die Topchecker auf ihrem Thron aus Toilettenpapierrollen.

Keiner weiß, wie lange das hier alles dauern wird, sicher länger als zwei oder drei Wochen. Keiner weiß, ob und wie wir am anderen Ende des Tunnels wieder rauskommen und wie die Welt dort aussehen wird. Wir gehen einen Schritt nach dem anderen.

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Mama Bär meint lapidar, sie sei fast drei Jahre alt gewesen, nicht schon fünf, als die Bomben 1940 aufs Ruhrgebiet fielen und sie „die Große“ wurde. Mein Onkel und meine Tante, die beiden Kleinen, waren fast 2 Jahre bzw. 6 Monate alt.
(Mama Bär geht es sehr gut, sie sitzt auf dem Sofa und strickt, hat alles, was sie braucht und genießt den Blick auf die „gelbe Villa“, den Meisenkasten auf ihrem Balkon, wo offenbar jemand eingezogen ist.)

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Das Finanzamt hat angerufen, das ich tagelang nicht erreicht hatte und dem ich am Ende mit Mühe und viel technischer Trickserei ein verzweifeltes Fax schicken konnte (meine Faxsoftware funktioniert nicht mehr unter Mac OSX Catalina und die FritzBox hat erst im drölfzigsten Anlauf kooperiert). Genauer gesagt: Eine unfassbar freundliche Mitarbeiterin in einem der gefürchtetesten Finanzämter der Stadt hat mich angerufen. Abends um kurz vor sechs, und sich bei mir entschuldigt (!), dass ich telefonisch nicht durchgekommen sei, aber es sei gerade recht viel los und sie sei alleine vor Ort und eigentlich hätte sie auch schon Feierabend, aber der Beschluss der Bundesregierung sei inzwischen eingetroffen und sie wollte mir sagen, dass ich mir vorerst keine Sorgen mehr zu machen brauche. Ich hab’ es gerade noch so eben geschafft mich vielmals bei ihr zu bedanken und ihr alles Gute und Gesundheit zu wünschen, bevor ich auflegen konnte und einen Heulkrampf bekam. Die Engel sitzen nicht nur an den Supermarktkassen, in den Busfahrerkabinen, in den Krankenhäusern, in den Serverräumen der Internet Service Provider, in den Anwaltskanzleien, bei den Müllabfuhren, in den Seenotrettungskreuzern. Die Engel sitzen auch im Finanzamt, wer hätte das gedacht?

Und die Engel sitzen überall da draußen und haben bei mir eingekauft. Ich danke Euch für Eure Buch- und Abobestellungen, Ihr habt mir sehr geholfen und ich hoffe, der Bär macht Euch so viel Freude wie mir und ich gehe jetzt wieder an den Zeichentisch und mache am #Bärenkochbuch weiter, bevor das hier alles in peinlicher Rührseligkeit ausartet.

Danke.

P.S.: Der Tweet des Tages zu Corona: