Essen

und so weiter

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Anne schreibt über ihre fast fleischlose Fastenzeit und ihren klugen und genussbetonten Umgang mit Fleisch. Ich überprüfe ja auch immer mal wieder meine Ernährungsgewohnheiten und beobachte, wie sich mein Geschmack und mein Fokus immer mal wieder verändert. Es ist schon sehr lustig, wie ich mich plötzlich dabei erwische, Dinge zu essen, die ich früher™ nicht mit dem Besenstiel berührt hätte und dafür ehemalige Lieblingsgerichte sang- und klanglos vom Speiseplan verschwunden sind. Wobei der Begriff Speiseplan hier ohnehin nicht zutrifft, ich habe keinen Plan. Da ich nur für mich koche, mein Tagesablauf mir genügend Raum für spontanes Einkaufen lässt, ich esse (nicht einkaufe!), wenn ich hungrig bin und mich nicht an starre Mittagspausenregeln eines Arbeitgebers halten muss, kann von Planung keine Rede sein.

Ich erinnere mich noch daran, wie wir mit meiner Großmutter in ihrem Pflegeheim – in das sie glücklicherweise erst mit ca. 97 Jahren zog – die Speiseplanung für die Woche durchgingen. Es gab Pläne mit drei oder vier Alternativen pro Tag, grundsätzlich lecker klingende Gerichte, die, wenn auch weit weg von der gewohnten eigenen Küche, auch alle gar nicht mal soooo schlecht waren. Es war aber alles recht fleischlastig und man musste schon eine Woche vorher wissen, ob man nächsten Mittwoch lieber das Kasseler mit Sauerkraut und Salzkartoffeln oder die Spiralnudeln mit Schinken-Sahnesauce essen wollte. Ich hatte nach Lesen des Plans erst einmal überhaupt keinen Appetit mehr (und hab‘ mir geschworen: Du kommst niemals in ein Pflegeheim, da gehst du ein wie eine Primel im Februar, eher gibst du dir die Kugel).

Dennoch braucht es eine gewisse Planung, zumindest die Vorräte an Zutaten aus der zweiten Reihe, wie ich sie nenne, müssen im Haus sein: Gewürze, Zucker, Essig, Oliven- und neutrales Öl, ein Gläschen Kapern, ein Gläschen Sardellen, Tomatenmark und Harissa, ein Töpfchen Schmand oder Crème Fraîche, ein halbes Pfund Butter im Gefrierfach, Eier, Zwiebeln oder Schalotten, Knoblauch, die Kräutertöpfe mit Rosmarin, Thymian, Basilikum auf der Fensterbank bzw. im Balkonkasten, zwei Sorten Senf (scharf und süß), zwei Sorten Reis (Basmati und Sushi), eine Dose Pumpernickel, getrocknete Nudeln der Sorte, die ich nicht mal eben rasch selbst frisch und lecker machen kann (Penne, Rigatoni) und ein paar Dosen Sardinen oder Thunfisch für Tage, an denen man so gar nichts im Haus hat und zu schnöden Pellkartoffeln oder nackten Nudeln oder Onigiri irgend etwas zaubern muss (die man aber auch sorglos jahrelang hinten im Schrank vergessen kann). Das meiste davon habe ich tatsächlich immer da. Auch fast immer im Haus sind Gläser von selbstgemachtem Chutney und Tomatensugo, das ich irgendwann im Spätsommer mal eingekocht habe und das bei Bedarf als Basis für beispielsweise eine schöne Lasagne herhalten kann.

Was ich grundsätzlich nicht vorrätig habe: gekaufte Pastasaucen, Tütensuppen, Tiefkühlpizzen oder andere Fertiggerichte (zu schlechte Qualität, völlig überteuert, zu sehr angereichert mit Geschmacksverstärkern und Zucker), sehr selten Kartoffeln (ich esse viel lieber Nudeln und Kartoffeln jeder Art keimen bei mir gefühlte fünf Minuten nach dem Kauf, obwohl ich sie in einem großen, dunklen Tontopf aufbewahre), keine Sachen, in denen sich Lebensmittelmotten wohl fühlen könnten. Mehr als 1 kg Mehl, Hülsenfrüchte oder Haferflocken sind nie im Haus, das kaufe ich lieber frisch, nachdem ich vor vielen Jahren mal entsprechenden Befall hatte und kurz davor war, aus Ekel die Bude hinter mir zuzumachen und abzufackeln.

Das hört sich alles nach sehr vielen Vorräten an, aber de facto stehe ich auch oft  grübelnd vor der offenen Kühlschranktür und schaue ins kalte Nichts. Dann gehe ich auf den Markt oder zum Supermarkt und lasse mich inspirieren. Ich esse sehr gerne Fleisch (kein Schwein, nicht aus religiösen Gründen, aber der Eigengeschmack liegt mir einfach nicht) und liebe Fisch (keine Meeresfrüchte, die finde ich einfach eklig), aber ich möchte kein Quälfleisch kaufen und gebe lieber ein paar Euro mehr aus beim Schlachter meines Vertrauens, dessen Rindviecher und Gänse ich manchmal am Wochenende auf seiner Wiese bei Fährmannsand stehen sehe, und die glücklich hinterm Deich grasen und soweit recht zufrieden aussehen. Mir ist schon klar, dass auch die nicht totgestreichelt werden, aber ich bin da recht unsentimental: Manche Tiere fressen halt andere Tiere, und der Mensch ist eines von ihnen, genau, wie er auch selbst von anderen Tieren gefressen wird, wenn die Umstände es ergeben. Wurst und Schinken zähle ich übrigens zu Fleisch und setze da dieselben Maßstäbe an.

Da ich jedoch weder täglich Fleisch oder Fisch essen möchte, noch es mir täglich in der von mir bevorzugten Qualität leisten könnte, komme ich im Schnitt auf nicht einmal ein solches Gericht in der Woche und selbst dann in Maßen – ein kleines Kalbsschnitzel in Salbeibutter, ein paar Lammkoteletts unter der Kräuterkruste, eine Hühnerbrust im Thaicurry, alle halbe Jahre mal ein Steak im Steakhaus. Ich habe eben überlegt, wann ich mir das letzte Mal Fleisch oder Fisch gekauft habe und komme auf Ostern, das ist gut drei Wochen her. Was esse ich also dann?

Gemüse und Obst. Ich mag Gemüse und Obst, ich liebe Brokkoli und Blumenkohl, Avocados, Möhren, Kohlrabi, junge Erbsen und frische Bohnen, Sellerie … you name it. Pilze hingegen mag ich generell überhaupt nicht; Rührei mit Pfifferlingen schmeckt zum Beispiel am besten, wenn man die Pfifferlinge weg lässt und dafür Schnittlauch nimmt. Tomaten! Spargel (lieber grünen als weißen)! Erdbeeren, Himbeeren, Blaubeeren, Zitronen und Kiwis! Äpfel, Birnen, Pflaumen, was die Saison und Region so hergibt.

Hülsenfrüchte, als Grundlage für ein Curry zum Beispiel – rote Linsen mit Kartoffeln oder Süßkartoffeln, Zwiebeln oder Schalotten und selbstgemachter Currypaste in Kokosmilch, dazu Basmatireis: Ein Gedicht!

Hach.

Und dann Pasta. Seit ich gelernt habe, mein „Teig-an-den-Fingern-Problem“ zu überwinden und Pastateig frisch zuzubereiten und zu kneten, steht die Nudelmaschine, die mir die beste Freundin vor Jahren schenkte, nicht mehr still. Frische Ravioli mit Ricotta und Basilikum, dazu frisch geriebener Parmesan, ein paar Tropfen leckeren Olivenöls und in Butter geschmorte, fein gewürfelte Schalotten – himmlisch! Lasagne mit Roter Bete, Möhren, Sellerie, Zwiebeln und Béchamelsauce … ein Traum. Rasch ein paar Spaghetti durchgenudelt, in fix selbst gemachter Sardellenbutter und Knoblauch geschwenkt, Pfeffer aus der Mühle drüber … so lecker!

Käse und Milchprodukte, natürlich. Ein frisch gebackenes Topfbrot (oder ein von Broterbe Gaues gekauftes Brot) mit einem cremigen Camembert, würzigen Gruyère oder simplen Quark mit Radieschen und Schnittlauch sind doch der Himmel auf Erden. Die Ethikdebatte ist mir wohl bekannt, aber es gelten bei mir die gleichen Maßstäbe wie für Fleisch und Fisch, Die Preise sind ja auch entsprechend.

Dazu jeweils ein Glas passenden Weins oder auch mal (seltener) ein herzhaftes Bier und ich bin luxuriös und gesund ernährt und glücklich. Weshalb ich auch nichts vom Lieferdienst bestelle. Zum einen ist das Zeug viel zu teuer. Zum anderen weiß ich nicht, was drin ist bzw. dass garantiert nicht die Qualität drin ist, die ich haben möchte. Und zu guter Letzt dauert das alles viel zu lange: Eine halbe bis dreiviertel Stunde? In der Zeit hab‘ ich doch rasch selbst was in die Pfanne geworfen und es nicht selten auch schon aufgegessen.

Durch meine Twittertimeline geisterte unlängst das Thema #zuckerfrei. Ich will gar nicht auf die Pros und Cons und semantischen Spitzfindigkeiten oder Begriffsdefinitionen eingehen, das überlasse ich den jeweiligen quasireligiösen Fanatikern. Aber ich esse nicht so gern Süßes, das ist nicht meine Geschmacsrichtung. Ich habe wirklich so gut wie nie Schokolade im Haus, ich trinke meinen Tee oder Kaffee ohne Zucker, ich gebe meist eine Prise an die Sauce, genau wie eine Prise Salz, aber ich backe mir keine Kuchen und arbeite mich ein halbes Jahr lang an einer Tüte Gummibärchen ab (bei Lakritze hingegen habe ich keine Fressbremse). Die Ausnahme bildet der Ahornsirup, von dem ein Glugg über die Pfannkuchen oder in den Porridge kommt; Honig oder Marmeladen sind auch nie im Haus. Jüngst hatte ich einen Anfall von Ovomaltinebrotaufstrichsucht, vermutlich ein Flashback zu den Skiurlauben meiner Kindheit, wenn ich für den Skikurs einen Ovomaltineriegel bekam, den ich im Lift verschlang.

Ich glaube, wir essen meist am liebsten das, was wir als Kinder gegessen haben. Ich koche das und etwa in der Art, wie meine Großmutter und meine Mutter gekocht haben – frisch, schnell (eher in der Pfanne und auf dem Herd als stundenlang im Ofen), mit Butter, Sahne, Schmand statt fiesen, künstlichen Light-Produkten. Zum Essen gibt’s immer einen frischen Salat und zu trinken ein Glas Sprudelwasser, Milch, Wein oder Bier, aber keine Limonaden oder Colas, die gab es in meiner Kindheit nicht in unserem Haus. (Ich glaube, wir hatten Apfelsaft direkt vom Obsthof, aber der war mir schon als Kind zu süß.) Nachtisch gab’s bei uns selten bis nie, wer nach dem Essen noch hungrig war, aß ein Stück Obst.

Ich wurde gesund ernährt und regelmässig und es wurde gemeinsam und am Tisch gegessen, nie zwischendurch, „to go“ oder auf die Faust. Wenn man damit groß wird, dass gemeinsam gefrühstückt wird, am gedeckten Tisch, wo nicht Butter, Käse, Wurst noch in der Packung liegen, wo auch das Mittag- und Abendessen gemeinsam und am Tisch stattfindet, das Essen also ein Ritual ist, bei dem man sich gegenseitig erzählt, wie der Tag so lief, dann ist das eine gute Grundlage für ein Leben, in dem man sich zumindest bemüht, „richtig“ zu essen, mit Ruhe, Genuss und wenn’s geht auch etwas Stil. Ich rede nicht von Messerbänkchen oder Zuckerzangen, aber Messer, Gabel und Servietten dürfen’s schon sein, finde ich.

Mir ist schon klar, dass diese Kindheit in jeder Hinsicht ein absoluter Luxus war und in einer Zeit, in der meist beide Elternteile arbeiten gehen müssen  – um zusammen von der Kaufkraft her vielleicht halb so viel zu verdienen, wie in meiner Generation der Vater meist noch allein nach Hause trug – das gemeinsame Mahl, gar zwei- oder dreimal täglich die absolute Ausnahme geworden statt die Regel geblieben ist. Kaum zu glauben, dass diese Kindheit gerade mal anderthalb Generationen her ist. Aber es macht mich traurig, dass wir gesamtgesellschaftlich nicht zu hinterfragen scheinen, ob wir nicht vielleicht ein wenig  den Fokus aufs Wesentliche verschoben haben. Es irritiert mich, wenn ich sehe wie Kindergartenkinder immer „schnell was vom Bäcker“ in die Hand gedrückt kriegen statt auf eine gemeinsame Mahlzeit warten zu lernen, und nicht mal von einem guten Bäcker, sondern von einem, der aus China angelieferte Teiglinge erwärmt und fertig angelieferte Nussecken verkauft. Hauptsache, Muttern wird nicht genervt und das Kind hat was im Mund.
Es irritiert mich, wenn Erwachsene klaglos vier Euro für lauwarme Milch mit einem Schuß Kaffee und zwei Schuß eines süßen, künstlichen Aromasirups in einem Pappbecher mit ihrem, oft auch noch falsch geschriebenem, Namen durch die Stadt zur Arbeit tragen, um dann vorm hochfahrenden Rechner ein € 2, 50 teures Aufbackbrötchen mit Margarine, Formfleischschinken und einer geschmacksfreien Gurkenscheibe drauf zu frühstücken.

Es irritiert mich, wenn ich meterweise Diätprodukte, vegan, gluten- und laktosefrei im Supermarktregal sehe. Es irritiert mich, wenn ich in einer alten Zeitschrift oder in einem alten Film Menschenmengen sehe, auf denen die meisten Menschen rank und schlank sind, statt – wie heute – übergewichtig, teils grotesk übergewichtig. Ich habe unlängst Wattstax gesehen, einen Konzertfilm über das „schwarze Woodstock“, der sich nicht nur aus musikalischer Sicht lohnt. Die Zuschauer dort waren ein Querschnitt des arbeitenden, teils armen Amerikas, der schwarzen Bevölkerung von Los Angeles. Ich musste lange suchen, um dicke Leute darunter zu finden (übrigens auch im Woodstock-Film). Wenn ich heute einen Kameraschwenk über das Publikum eines x-beliebigen Footballspiels in den USA sehe, oder auch nur einen Nachrichtenbeitrag aus einer beliebigen US-Stadt, muss ich lange suchen um idealgewichtige Menschen zu finden. Was ist passiert seit 1970? Eine Menge, natürlich. Aber in erster Linie Fast Food. Die Zerstörung der Esskultur in jeder Hinsicht. Der perfekte Sturm aus künstlich herbeigeführtem Streß durch unwürdige Lebensumstände, künstlich hergestellter oder angereicherter Nahrung und mangelnder Bewegung. Weltweit.

Huch, jetzt bin ich abgeschwiffen. Will sagen: Ich esse gerne und ich esse gerne gut. Ich bin zu arm und zu geizig für schlechtes Essen. Es schmeckt mir doppelt so gut, wenn ich mir den Tisch schön decke zum Essen. Ich fürchte, ich bin ein Dinosaurier.

Macht nix.

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