Fair game

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Dies ist ein sehr, sehr langer, sehr wahrscheinlich viel zu langer Text über meine Begegnungen mit und meine Gedanken zu Marie Sophie, die wir auch unter Fräulein bzw. Mademoiselle ReadOn kennenlernen durften. Meine Gedanken mäandern noch schlimmer als sonst vor sich hin, ich schreibe seit fast einer Woche daran, und Ihr dürft gern weiterblättern, bis wieder kurzer, knackiger, lustiger Bärencontent kommt. Der kommt bestimmt. Nur heute nicht.

Ihr braucht diesen Artikel weder zu lesen noch zu teilen, eigentlich wäre es mir sogar am liebsten, Ihr würdet ihn nicht teilen, denn man muss zu dieser Tragödie rein gar nichts mehr sagen oder lesen. Nur ist dies hier mein Blog, in das ich halt so meine Gedanken tackere. Es ist mein persönliches Blog mit meinen persönlichen Gedanken, auch wenn ich gelegentlich auch Berufliches hier reinschreibe.

Vielleicht ist das auch ein Teil des Dilemmas: In diesen Zeiten (und zumal in diesem Land) muss man sich entscheiden, ob man ein berufliches Blog schreibt oder ein persönliches, und wenn man selbstständig ist oder im Internet irgendwie auch nur einen Hauch von Erfolg hat (lies: mehr als drei Follower hat oder einen Affiliatelink im Blog), wird eh alles als Selbstmarketing bewertet, juristisch wie auch journalistisch. Plötzlich ist man dann eine Person öffentlichen Interesses und Leute dürfen relativ gefahrlos deinen Namen und deine Adresse veröffentlichen und dich fotografieren und das auf Insta und sonstwo posten und, wenn du richtig Pech hast, rotzen sie auch noch einen Wikipediaeintrag zu dir ins Netz. Der erzählt dann künftig Die Wahre Geschichte über dich. Und du kannst nichts dagegen tun, rein gar nichts. Dein Leben, wie du es kanntest, ist vorbei. Der entstellende Zeitungsartikel oder das Geschmier im Goldenen Blatt ist nächste Woche nur noch auf dem Boden des Vogelkäfigs zu finden. Wikipedia hingegen, Wikipedia is forever.

Nehmt Euch also einen Eimer Tee oder Kaffee und ein paar Kekse mit aufs Sofa und lehnt Euch bequem zurück, es dauert ein bisschen.

Es war im Frühjahr 2016, als ich überlegte, wo ich wohl während der re:publica (#rp16) in Berlin übernachten würde. Ich hatte die Speaker-Zusage für meinen Workshop relativ spät bekommen und alle bezahlbaren Hotels in der Nähe des Veranstaltungsorts waren ausgebucht. Aus heiterem Himmel plumpste die Mail einer mir unbekannten Bloggerin in mein Postfach, mit dem höflichen Angebot, doch bei ihr zu übernachten, falls ich noch kein Hotel gefunden hätte. Das kam sehr unerwartet, denn ich hatte das zu jenem Zeitpunkt weder auf Twitter noch im Blog thematisiert und es kam mir wie Hellseherei vor.

Ich zögerte etwas, schaute nach, ob eines „meiner“ Lieblingsblogs ihr Blog auf der Blogroll hatte und fand es u.A. bei Herrn Buddenbohm verlinkt. Ich las mich fest, der Stil war mir oft etwas zu blümerant, die Inhalte drückten manchmal zu sehr auf die Tränendrüse, aber es waren auch einige echte Perlen dazwischen, sie hatte ein Auge für Situationskomik und wusste, wie man interessante Charaktere anlegt. Ich verstand das Blog von Beginn an also als literarisches Projekt und nicht als autobiografisches Tagebuch, dafür waren viele Geschichten zu rund und zu extrem, aber der Mensch hinter den Zeilen kam als leicht verschrobener, aber sympathischer Sonderling rüber, der das Herz wohl auf dem rechten Fleck trug.

Ich sagte kurzerhand zu, warum nicht mal etwas total außerhalb der eigenen Komfortzone liegendes machen? Denn ich übernachte schon nicht gern bei Bekannten, geschweige denn bei völlig Fremden. Andererseits lernt man auf dem heimischen Sofa auch zumeist keine neuen, spannenden Leute kennen.

Ich fuhr also nach Berlin, das ich ausschließlich von maximal zweieinhalb Tagen Messe-, re:publica-, Popkomm- und Museumskurzbesuchen kenne und das mir immer wieder wie ein grauenhaft riesiger Moloch vorkommt, der mich extrem erschöpft, besonders an so heißen Tagen wie dem Starttag der #rp16. Nach dem Akkreditierungsbesuch auf der #rp16 setzte ich mich in die S-Bahn zum Nikolassee und wanderte ein Weilchen durch das kühle, großzügige Villenviertel, das mich ein wenig an Hochkamp und Flottbek im Hamburger Westen erinnerte, mit vielleicht ein paar mehr Alleen und etwas mehr Kopfsteinpflaster zwischen den Gründerzeitvillen. Dies war das Berlin des Vorkriegsgeldes, schien mir. Ich klingelte an einer hübschen Villa und Fräulein ReadOn öffnete die Tür.

Sie entschuldigte sich wortreich für ihren Aufzug, T-Shirt und Jogginghose, sie käme gerade aus der Dusche und hätte auch eben erst fertig gepackt. Ihr Flug nach Dublin ginge am frühen Abend. Ich war etwas sprachlos, denn sie hatte kein Wort davon erwähnt, dass sie selbst gar nicht anwesend sein würde während meines Aufenthalts bei ihr – sonst hätte ich auch definitiv nicht zugesagt. Sie machte uns Tee und wir stellten uns kurz vor, das heißt, in erster Linie erzählte sie von sich und ihrer Familie und ich kam kaum zu Wort.

Ich war irritiert, dass sie in der ersten halben Stunde unseres Kennenlernens sehr persönliche Details über ihre jüdische Großmutter in Ausschwitz erzählte und über ihre französische Mutter, die sich das Leben genommen habe als sie – Marie Sophie – noch klein war. Nicht so wirklich typische Konversationsthemen für eine erste Begegnung zwischen Wildfremden, aber so war es halt. Wir haben ja alle unsere kleinen Macken.

Sie sei in Israel im Kibbuz aufgewachsen, Gastfreundschaft sei ihr also quasi in die Wiege gelegt und nach ihrer Pflichtzeit bei der israelischen Armee sei sie als Sanitäterin mit einem befreundeten Arzt nach Indien und später allein nach Deutschland gegangen, sagte sie. Aktuell schreibe sie nach Studienaufenthalten in den USA und Japan am Trinity College an ihrer Dissertation über das koloniale Irland des 17. Jahrhunderts. Sie entschuldigte sich für ihr schlechtes Deutsch, das habe sie erst als dritte Sprache gelernt, nach Französisch und Hebräisch, aber noch vor Arabisch und Englisch. Ihr Deutsch war so gut oder schlecht wie mein eigenes, ich konnte keinen Akzent heraushören und wusste wirklich nicht, was sie meinte, aber je nun.

Ich war etwas erstaunt über so viel Erlebtes in einem doch noch relativ jungen Leben (ich schätzte sie – korrekt –etwa 20 Jahre jünger als mich) und lächelte über ihre etwas altmodische Wortwahl und ihre Vorliebe für Kafka, Kleist und Thomas Mann. Das war ungewöhnlich, aber da ich selbst jemanden im engsten Freundeskreis habe, der zwar deutsche Eltern hat, jedoch in Italien eingeschult wurde und danach in Deutschland, Großbritannien, Kenia, Indien und andernorts gelebt hat, ebenfalls mindestens fünf Sprachen fließend spricht und Deutsch hauptsächlich über Goethe & Co. lesen und lieben gelernt hat, habe ich darüber nicht weiter nachgedacht. Nicht jeder führt ein so vergleichsweise ruhiges und beschauliches Leben wie ich (und meines war vor meinem freiwilligen Rückzug an den Zeichentisch ja nun auch nicht gerade arm an Action).

Wir machten eine kurze „Schlossbesichtigung“, ihre Wohnung war gutbürgerlich und im Biedermeier eingerichtet, das Klavier wurde offensichtlich geliebt und gespielt, die Wände bestanden aus Bücherregalen voller gelesener Klassiker, Kunstbänden und Fachliteratur in mindestens fünf Sprachen und von ihrem Schreibtisch aus hatte sie einen schönen Blick über einen kleinen Balkon hinweg in hohe Tannen und einen hübschen Garten.

In einem großen Wohnzimmerschrank mit gläsernem Buffett standen zwei komplette Porzellanservices, eines für Fleischiges, eines für Milchiges, wie bei orthodoxen Juden üblich und sie bat mich, falls ich kochen wolle, darauf zu achten die beiden nicht zu verwechseln. Den Schlüssel sollte ich bei Abreise einfach in den Briefkasten werfen, die Nachbarn oben im Haus würden ihn dann rausnehmen. Ich versicherte ihr, dass ich schon rein zeitlich und logistisch gar nicht dazu kommen würde, hier zu essen oder gar zu kochen, meine Frühstücks- und Essenstermine waren so fest verplant wie meine restliche Zeit auf der Konferenz. Sie wünschte mir viel Spaß auf der re:publica und viel Erfolg für meinen Workshop und verschwand.

Ich hatte zwei schöne Tage auf der re:publica, malte ihr abends an ihrem hübschen, großen Schreibtisch ein Dankeschön-Bild mit Bär (Geld für die Übernachtung lehnte sie kategorisch ab, sie sei ja kein airbnb) und fuhr wieder nach Hause, voller überwältigender Eindrücke von der Veranstaltung sowie dieser etwas skurrilen, aber doch sehr netten Begegnung.

Fortan lasen und kommentierten wir gelegentlich unsere Blogs und tauschten uns auch gelegentlich über Twitter aus, dem sie im Dezember 2016 beitrat. Ihre Blogartikel erschienen nunmehr immer häufiger auf Deutsch statt auf Englisch und häufig drehte es sich um irische Geschichten wie aus der englischen 70er Jahre TV-Serie um den „Doktor und das liebe Vieh“: Sie schrieb bildhaft über eine pittoreske irische Dorfgemeinschaft und ihre Freundschaft mit dem Priester der Kirche hinter ihrem Cottage, in dem sie mit dem an Anorexia erkrankten Tierarzt sowie einer Katze und einem Hund lebte. Die Geschichten waren oft kurz und lustig, öfter kurz und traurig und es schwebte eine stetige Melancholie über allen Beteiligten.

Ich habe, wie gesagt, die allermeisten Einträge immer als Ergebnisse dichterischer Freiheit wahrgenommen und nicht als autobiografische Notizen, wenngleich sie sicherlich einen wahren Kern hatten. Gelegentlich gab es meist traurige Geschichten aus Indien zu lesen, oder traurige Geschichten über ihre Großmutter, die in Ausschwitz gewesen war, oder über die hochbetagte Mali-Tant, die in Wien lebte und eine Vorliebe für Chanel, Champagner und ihren jüngeren Liebhaber hat. Manchmal erzählte Marie Sophie lustige Geschichten aus dem Alltag an der Uni, wo sie sich mit einer störrischen Auszubildenden und mürrischen Fellows (Dozenten) plagen musste.

Irgendwann begann sie damit, täglich eine Postkarte an die in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Denis Yüczel und Mesale Tolu zu schreiben, damit diese nicht in Vergessenheit geraten würden und, wichtiger noch, damit das Regime vor Ort sähe, dass sie hierzulande nicht in Vergessenheit geraten seien. Sie fotografierte die meisten Karten und veröffentlichte sie täglich mitsamt aufgeklebter Briefmarke auf Twitter oder Instagram, ich habe auch deshalb keinerlei Zweifel daran, dass sie diese Karten geschrieben und verschickt hat. Sie fand auf Twitter einen kleinen Ring von „Postkartenschwestern“, die es ihr gleich taten und, wenn doch nicht täglich, so doch mindestens wöchentlich eine Karte an diese beiden politischen Gefangenen schrieben. (Ich selbst gehörte nicht dazu, ich war nicht überzeugt von der Aktion.)

Diese Postkartenaktion machte sie auf Twitter zu einer kleinen Berühmtheit, aber in sehr homöopathischen Grenzen, sie hatte lange Zeit keine 2.500 Follower. Auch ihr Blog hatte selten viele Kommentare, meist waren es „die üblichen Verdächtigen“ die unter sich blieben. Nicht selten beantwortete sie jeden einzelnen Kommentar, was natürlich die Kommentaranzahl verdoppelte. Das Blog war bis zuletzt werbefrei und erkennbar privat, es gab sehr lange kein Impressum (mir gegenüber erklärte sie, sie verzichte aus Sicherheitsgründen darauf, eine Erklärung, die wohl jede Frau mit eigener Webpräsenz und mehr als 100 Followern ohne mit der Wimper zu zucken versteht) und sie hatte auch sehr lange keine eigene URL oder eigenen Hostinganbieter sondern schrieb auf der kostenlosen .com-Version von WordPress. Ich bezweifele sehr stark, dass es an Veröffentlichungstagen mehr als einige hundert, höchstens tausend Aufrufe am Tag hatte, etwa vergleichbar meinen eigenen Zugriffszahlen hier im Blog. Die Zugriffszahlen mögen um die Zeit der „Goldenen Blogger“-Verleihung und später, nach der Veröffentlichung des von ihr herausgegebenen Büchleins „Kunstgeschichte als Brotbelag“ kurzfristig stark angestiegen und direkt darauf wieder auf den Normalzustand gefallen sein, aber ihre Followerzahlen auf Twitter (zuletzt 3.580, der Account wurde erst am Tag ihrer letzten Beiträge auf privat gestellt) oder Instagram (1.046 Follower) unterstützen diese These. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit dem Thema auskennt, weiß: Die vom Spiegel genannte nicht näher belegte Zahl von „zuletzt 240.000 regelmäßigen Lesern“, die fortan von allen weiteren Medien ohne Nachfrage übernommen wurde, ist lächerlich zu hoch gegriffen und passt hinten und vorne nicht zu allen anderen Umständen. Sie hat mein Blog hier ein paar Male auf ihrem verlinkt und der Traffic war nicht nennenswert höher als sonst, man konnte da nun wirklich nicht gerade von einem Heise-Effekt sprechen.

Im Sommer 2017 veröffentlichte sie den Text „Eine Banane“ (über die waybackmachine hier noch auffindbar, etwa auf Mitte der Seite). Dieser Text brachte ihr erstmals etwas größere Bekanntheit ein und wurde nicht zu Unrecht viel geteilt und gelobt, denn er war wirklich gut. Ich bin nicht ganz sicher, ob es um dieselbe Zeit gewesen ist, zu der sie auf mich zukam und mich fragte, ob ich sie verfremdet portraitieren/zeichnen könne, sie würde unter Pseudonym einen Text über ihre Arbeit mit Flüchtlingen in der ZEIT veröffentlichen und man habe sie nach einem Foto von sich gefragt, das sie jedoch aus naheliegenden Gründen nicht gedruckt sehen wolle. Sie bekomme auch so schon genügend Morddrohungen und Vergewaltigungsfantasien von Bekloppten im Netz. Wie gesagt, als Frau, die im Netz präsent ist, wundert man sich über gar nichts mehr aus dieser Richtung, traurig, aber wahr. Ich bekomme nicht so häufig böse Post und Dickpics, aber ich male ja auch einen Bären und schreibe nicht über meinen jüdischen Hintergrund oder meine Aufklärungsarbeit mit Flüchtlingen, da wird einer garantiert mehr Dreck angespült.

Ich war jedoch etwas verwundert, denn Anfragen zur Illustration eines Artikels kommen normalerweise über die (Bild)redaktion bzw. das Art Buying des Verlags und nicht über die Autorin, wobei dann auch über das Budget gesprochen wird, aber vielleicht hatte sie ja da auf dem kurzen Dienstweg einen Draht und es sollte mir recht sein. Mein visueller Konzeptvorschlag wurde jedoch abgelehnt und ich vergaß die Sache wieder, bis der Artikel dann im Herbst erschien, mit einer – wie ich fand – doch recht platten Illustration, aber je nun. Win some, lose some. Der Artikel warf bei mir allerdings so einige Fragen auf, irgend etwas passte da nicht so recht zusammen, aber ich dachte nicht weiter darüber nach – zumal ja auch kaum ein Zeitungstext freier AutorInnen unredigiert gedruckt wird und wer weiß, was die Redaktion aus Gründen der Lesefreundlichkeit noch alles eingebaut, geändert oder weggelassen hatte. Inzwischen wissen wir: Auch diese Geschichte war eine Lüge, eine, die die ZEIT sicherlich nur zu gerne ohne auch nur rudimentäre Recherchearbeit glaubte. (Mit ein, zwei Telefonanrufen wäre die Sache umgehend aufgeflogen, aber je nun. Qualitätsjournalismus ist teuer.)

Im Herbst 2017 gewann ich überraschend ein Ticket für die re:publica in Dublin. Ich fragte meine Mutter, ob sie Lust hätte mitzukommen, ich selbst würde zwar hauptsächlich in den Vorträgen sitzen aber sie könne ja währenddessen die Museen und Ausstellungen besuchen. Meine Mutter war sehr angetan von der Idee und ich schrieb folgerichtig Marie Sophie an, ob sie in den fraglichen Tagen zufällig in Dublin sei und Lust auf einen Tee hätte. Sie freute sich sehr und wir trafen uns bei schönstem Wetter am Trinity, wo Marie Sophie meine Mutter und mich kurz und unbürokratisch an allen Touristenschlangen vorbei mithilfe ihres Dozentinnenausweises in die berühmte Bibliothek und die Ausstellung zum “Book of Kells” schleuste. Wir luden sie in der Stadt zum Tee ein und unterhielten uns ganz fabelhaft zu dritt, auch meine Mutter war sehr angetan von diesem etwas aus der Zeit gefallenen Fräulein, das auch live und nicht nur im Blog mehr ins 19. Jahrhundert als in unsere Zeit zu passen schien. Wir schrieben uns Karten, sie schickte mir Tee und Lakritze und unterschrieb stets mit „Marie und auch Sophie“, ganz, als sei sie mindestens zwei Personen; ich schickte ihr Bücher und Nußschokolade, auch mit meiner Mutter schrieb sie sich Karten zu Weihnachten bzw. Hannukkah.

Ebenfalls im Herbst wurde sie mit ihrem klugen Essay über die Zukunft Europas als eine der fünf GewinnerInnen eines Wettbewerbs der Financial Times prämiert; ein Livestream der Preisverleihung fand im November statt und wurde auf Twitter viel geteilt und beachtet. Bei dieser Preisverleihung bezog sie sich auf ihre jüdische Großmutter und auch, wenn ich das streckenweise etwas overkill fand, passte es natürlich zum Thema Europa und Migration. Ihre Followerzahlen wuchsen, ihr Ansehen auch – aber wir reden hier immer noch von homöopathischen Dosen, nicht von „Germany’s Next Top Model“- oder „Bibis Beauty Palace“-Regionen. „Weltberühmt auf Twitter“ heißt ja auch soviel wie „Millionär beim Monopoly“. Nämlich gar nichts.

Kurz darauf wurden die Nominierungen für die „Goldenen Blogger“ bekannt. Das ist eine eigentlich vor zehn oder elf Jahren als Witzveranstaltung auf einem Sofa als Livestream (zu 240p-Zeiten) gestartete „Gala“, wo sich die BloggerInnen der ersten Stunde aus 2001 bis ca. 2006 gegenseitig bauchpinseln und ein bisschen abfeiern. Der Unterhaltungswert war mehr so mittelprächtig, wer kein Insider war, hatte nicht viel von den Witzchen, das Ganze hatte in etwa die Bedeutung des Schützenkönigtitels von Sankt Dingenskirchen, aber wie heißt es doch so schön? Wir hatten ja nix. Es war ein Experiment aus unschuldigeren Zeiten, was geht im Netz, sicherlich auch als Gegenstück zu den bombastischen Echos, Bambis und anderen esoterischen Eierschaukelwettbewerben der traditionellen Medienkonzernen, die zunehmend bissiger auf die vermeintliche Konkurrenz durch Blogs reagierten.

[Es folgt ein kurzer Exkurs ins historische Klein Bloggersdorf:
Jede/r kannte damals jede/n Blogger, zumindest dem Namen nach oder vielleicht von der anderen Gemeindeversammlung, der re:publica. Lyssa. Knüwer. Franzi. Johnny. Anke. MC Winkel. Niggi. Lobo. Pia. Das Nuf. René. Ix. Gilly. Der Schockwellenreiter. Modeste. Percanta. Merlix. Don D. Don A. Und so weiter, und so fort. Twitter gab’s noch nicht, bzw. es steckte in den Kinderschuhen. Es gab wie überall dicke Freunde und Lieblingsfeinde und von außen oder für Neuankömmlinge war das alles etwas undurchschaubar, aber recht unterhaltsam, wie jede Daily Soap, für eine Weile jedenfalls. Nicht alle hatten etwas mit den Goldenen Bloggern zu tun, natürlich, aber man las sich halt mehr oder weniger regelmäßig. Der Pool war klein und überschaubar. Es mag für einige überraschend klingen, aber man kann durchaus den teils verfeindeten Lagern folgen und beide toll finden, zumindest in Teilen. Auf Twitter, wo viel transparenter ist, wer wem folgt, wer wen retweeted und wer wen gut findet, ist das Kindergartenspiel „Sippenhaft“ a.k.a. „wenn du dem folgst, dann blocke ich dich!“ zu neuen Höhen perfektioniert worden. Auch so kann man den Diskurs zerstören, Chancen auf interessante Unterhaltungen und Begegnungen vertun.]

Irgendwann fanden sich ein paar Sponsoren und die ganze Nummer wurde deutlich größer, man nahm sich deutlich ernster, der logistische Aufwand artete in Stress aus, es wurde etwas unentspannt, auch wenn man sich (vergeblich) erkennbar bemühte, das Ganze nicht zur Parodie seiner dilettantischen Selbst zu machen. Der Charme war weg, der Lack war ab, aber die Aufmerksamkeit war nun da, dank Xing, Telekom, Daimler und Co., und ein Livestream für ein paar tausend, statt ein paar Dutzend ZuschauerInnen sowie ein Raum für ein paar hundert statt ein paar Dutzend LivezuschauerInnen will ja auch irgendwie finanziert werden, klar.

Und im Januar 2018 war es dann soweit: Den Titel „Twitterer des Jahres“ gewann ein gut aussehender junger Mann, der sehr medienwirksam seinen obdachlosen Vater suchte und ihn gerade noch rechtzeitig zur Preisverleihung fand, damit er auch ein passendes Foto hatte (sein Buch über die Geschichte erscheint demnächst). Nominiert für den Blogtext des Jahres war u.A. der Text über „Eine Banane“ von Fräulein ReadOn und da die Nominierungsvorschläge für einige Kategorien durch das Publikum gemacht wurden, war sie auch für den Titel „Bloggerin des Jahres“ im Rennen. Sie hatte mit ihren Geschichten über Tierarzt, Auszubildende, Mali-Tant, Kälbchen, die Großmutter sowie Indien und Irland eine feste Fangemeinde gefunden und war durch den Gewinn des Essay-Wettbewerbs der Financial Times und ganz besonders durch die Postkartenaktion auch mehr ins Rampenlicht gedrängt worden, als das normalerweise der Fall gewesen und es ihr selbst vielleicht lieb gewesen wäre. Dass der Artikel aus dem Herbst, über Aufklärungsarbeit mit Flüchtlingen, in der ZEIT auch von ihr war, wussten zu jenem Zeitpunkt nur ein paar Eingeweihte (oder sehr genaue BeobachterInnen), sonst wäre der Rummel sicherlich noch sehr viel größer gewesen.

Den Preis für den Blogtext des Jahres gewann an jenem Abend dann nicht Fräulein ReadOn mit dem Bananentext, sondern die Notaufnahmeschwester für ihren erfrischenden Text „Ihr Lappen“. Marie Sophie jedoch wurde zur „Bloggerin des Jahres“ gewählt – per Onlinevoting, also durch die Öffentlichkeit und keine geheime Jury.

Als sie auf die Bühne ging um den Preis entgegenzunehmen, widmete sie ihre Redezeit der Forderung der Freilassung von Denis Yüczel. Sie war erkennbar keine Rampensau sondern ein Eierkopf, der die Gelegenheit nutzte um auf eine Unrechtsituation hinzuweisen. Ihre flammende Rede, die sie vom Blatt las, war vielleicht etwas zu lang und etwas zu ungeschickt vorgetragen, aber sie verfehlte ihre Wirkung nicht: Alle sprachen über die Aktion und fatalerweise, wie man inzwischen wohl sagen muss, wurde sie nun von Interview zu Interview gereicht. Marie Sophie war keine Influencerin, kein hauptberufliche Social Media Berühmtheit, sondern erkennbar eine Privatperson, die beruflich sowie mit ihren persönlichen Hobbies und Interessen gerade einen kleinen Lauf hatte und irgendwie ins Rampenlicht gefallen war. Sie hatte sich nicht um die Nominierung bemüht, sondern war von den Fans ihres gut geschriebenen Blogs nominiert worden und hatte gewonnen. Sie hat sich über den verdienten Preis sehr gefreut und ihre 15 Minuten Ruhm Denis Yüczel gewidmet. Nachdem der Spuk vorbei war (längstens eine Woche nach der Veranstaltung) hat sie weiter an ihrer Dissertation gearbeitet und natürlich weiterhin gebloggt und getwittert, z.B. die Aktion #KunstgeschichteAlsBrotbelag angestoßen, die zunächst nur das Sommerloch für drei Tage füllte und ein gutes Dreivierteljahr später zum Buch werden sollte.

Im September 2018 „starb“ der Tierarzt. Rückblickend glaube ich auch, ähnlich wie Don Alphonso, dass sie sich den Ballast der erfundenen Geschichten und Figuren, die sich irgendwie verselbstständigt hatten und lebendig geworden waren, vom Leib schaffen wollte, aus der Zauberlehrlingsituation herauskommen wollte. Sie war dabei, ein neues Kapitel ihres Lebens aufzuschlagen, ihre Dissertation stand kurz vor der Abgabe, sie würde bald eine neue Arbeitsstelle finden (und fing auch kurz darauf bei Intel an). Vielleicht war sie der Geschichten einfach überdrüssig, vielleicht ahnte sie auch, dass sie sich da irgendwie verheddert hatte, denn parallel wurde sie wohl immer mal wieder von Dritten auf den Wahrheitsgehalt ihrer Blogeinträge hin angesprochen, was Marie Sophie als Angriff auf ihre Person wertete und scharf abwehrte. Vielleicht ging ihr langsam auf, dass manche Menschen ihre Texte für bare Münze nahmen und nicht nur als gute Geschichten verstanden. Vielleicht war sie inzwischen sogar so tief drin, dass sie ihre eigenen Geschichten glaubte. Wir werden es nie erfahren und es ist letzten Endes auch egal, denn es ändert nichts mehr.

Sie berichtete im Blog vom Abschied vom kleinen, irischen Dorf und seinen Charakteren und es traten nach und nach neue Figuren auf, die jedoch auch nach längerer Zeit seltsam blutleer wirkten und keine echten Konturen bekamen, vielleicht auch, weil sie ihr noch zu ungewohnt waren oder sie keine echte Sympathien für sie entwickeln konnte: Der verehrte Herr Direktor der Mondsteinscheibenfabrik, die neue Auszubildende in der Mondsteinscheibenfabrik, die eine Zwillingsschwester der alten Auszubildenden an der Uni hätte sein können. Wer schon einmal Auszubildende im Job gehabt hat, zweifelt diese Geschichten nicht an, ich selbst hätte ein gutes Dutzend ähnlicher Geschichten aus einer Reihe von Werbeagenturen zu erzählen, auch mit verschiedenen Auszubildenden. Aber ob Fräulein ReadOns Charaktere nun auf wahren Menschen oder Amalgamen beruhten oder nur komplett gut erfunden waren, nicht zuletzt auch deshalb, um die wahren Identitäten dahinter nicht zu outen, das war mir einfach egal. Eine Geschichte, ein Charakter muss nicht wahr sein, um gut zu sein.

Im Sommer 2018 begann sie ihre Arbeit in der „Mondsteinscheibenfabrik“, bei Intel Ireland. Im Dezember 2018 erhielt sie die Doktorwürden für ihre Dissertation. Im Frühjahr 2019 erschien im DuMont Verlag das Büchlein zum Hashtag #KunstgeschichteAlsBrotbelag, bei dem sie als Herausgeberin fungierte und das allenthalben gefeiert wurde. Ihr Leben hatte sich binnen der vergangenen 18 Monate sehr verändert, von außen betrachtet würde ich sagen: Zum Positiven. Die Zukunft lag glänzend vor ihr.

***

Während sie dabei war, ihr Leben neu zu ordnen (oder sich neu zu erfinden), wandten sich eine Teltower Historikerin und das Stralsunder Stadtarchiv mit den Ergebnissen ihrer Recherchen zu den Angaben Marie Sophies über ihre jüdische Familiengeschichte an den Spiegel. Ganz offensichtlich gab es für Eingeweihte erkennbare Ungereimtheiten und die persönliche Ansprache habe nichts gebracht bzw. sei abgeblockt worden. Der Spiegel schickte einen Profi zum Thema jüdische Großmütter mit Ausschwitzvergangenheit. Vorgeblich, um über den Überraschungserfolg der Saison zu sprechen, das Büchlein „Kunstgeschichte als Brotbelag“, eine Taktik, die man wohl getrost als armselig bezeichnen darf. Tatsächlich konfrontierte der Redakteur Marie Sophie jedoch mit den Ergebnissen der Recherchen zu ihrer Familiengeschichte und der Tatsache, dass diese Ergebnisse Gegenstand eines gedruckten Berichts im Spiegel vom 1. Juni sein würden – inklusive des wohl übelriechendsten Teils, ihrer Fälschung bzw Erfindung von fast zwei Dutzend Opfernamen, die sie sechs oder sieben Jahre zuvor als Opfer des Holocausts bei der Gedenkstätte Yad Vashem eingereicht hatte. Marie Sophies glänzende Zukunft war jäh zu Ende, sie war ab dieser Sekunde erledigt. Als Historikerin, als Privatperson, im Netz, überall. Wer ihren Namen googeln würde, fände auf ewig zuallererst diese Geschichte. Denn nun begann die Hetzjagd. Und es war der perfekte Sturm.

Wir, die wir auf Twitter Fräulein ReadOn folgten, sahen am 31. Mai ihre kurze Serie von Tweets, in denen sie etwas kryptisch das Ende ihres Blogs bekanntgab und von einer bevorstehenden Veröffentlichung des ‚Spiegels‘ zu ihrem Leben und ihrem Blog sprach. „Mein Blog hat er dabei zum Archiv erklärt.“ twitterte sie, und „Dass Familiengeschichten komplex sind, ist wenig überraschend. Darin unterscheidet sich auch meine nicht. Wohl aber darin,dass ein Journalist meint,er hätte sie gefunden und mir nebenbei noch Fälschung und Archivmanipulation unterschiebt.“. Weiter: „Wenn es einem passiert,dass man zum Lügner gemacht wird, aber fühlt man nur noch eines: Scham und unbedingte Hilflosigkeit.“ Zu diesem Zeitpunkt lag der gedruckte ‚Spiegel‘ noch nicht vor und die Onlineversion des Artikels war noch nicht live (sie ging etwa eine Stunde später live, aber hinter einer Bezahlschranke, nur AbonnentInnen zugänglich). Ich ging also, wie wohl viele andere ihrer Follower davon aus, dass der ‚Spiegel‘ sich mit dem Vorwurf der Archivfälschung ausschließlich auf ihr Blogarchiv bezog und fand das, gelinde gesagt, absonderlich.

Da ich in jenen Tagen ein Familienmitglied im Krankenhaus und bei einem Ärztemarathon durch eine schwere Zeit begleitete, hatte ich andere Sorgen und Gedanken im Kopf und keinen Funken Energie mehr für Fräulein ReadOn übrig. Das hatte Zeit. Als ich das nächste Mal Twitter betrat, war der Hassmob bereits zu Hochform aufgelaufen. Der eingängige Hashtag #ReadOnMyFake war schnell gefunden und wurde fleißig genutzt, wir, die wir unmittelbar und mit spontan ausgedrückter Solidarität auf die Tweets von Fräulein ReadOn reagiert hatten, wurden (und werden tw. heute noch) als naive Dummchen angesehen, die sie verteidigen, ohne den Artikel gelesen zu haben – wohlgemerkt, den Artikel, der zu dem Zeitpunkt unserer Antworten noch gar nicht online war und auch bis heute nur mit einem Abozugang abrufbar ist. Auf der anderen Seite hatte Fräulein ReadOn inzwischen ein Schloss vor ihren Account gehängt, so dass nun die Informationen auf beiden Seiten hinter verschlossenen Türen lagen. Dann kam der Kommentar der ZEIT, dass man den Verdacht habe, auch dieser Artikel sei eine Fälschung (hier dürften viele Menschen erstmals davon erfahren haben, dass Marie Sophie hinter dem Pseudonym Sophie Roznblatt steckte). Und schließlich Fräulein ReadOns letzter Tweet: „Keine Kraft mehr übrig.“

Ich hatte nicht zuletzt aufgrund der Erstbegegnung in ihrer Wohnung, in der eine Menorah auf der Fensterbank stand, eine Mezuzah am Türrahmen befestigt war und sie die erwähnten zwei Sätze Geschirr in der Vitrine stehen hatte keinen Grund, an ihrem jüdischen Familienhintergrund zu zweifeln, aber er hat mich auch nicht sonderlich interessiert, muss ich gestehen. Oder sagen wir so: Im weiteren Verlauf unserer Konversation kam das Thema nach der ersten Begegnung nicht erneut auf, wir redeten über Literatur, Kunst, den Brexit und seine voraussichtlichen Auswirkungen auf Irland und über tausend andere Themen. Wenn mir jedoch eines klar zu sei scheint an dieser ganzen Tragödie, dann dies: Sie glaubte und lebte ihr „Judentum“.

Niemand von uns hat eine Antwort darauf, was Marie Sophie veranlasst haben mag, 22 gefälschte Identitäten an Yad Vashem zu übermitteln und sich als Jüdin auszugeben, oder all die anderen Geschichten zu erfinden, und wir werden auch nie mehr eine Antwort bekommen. Sie hat keinen materiellen Schaden angerichtet, der immaterielle Schaden ist m. E. nach schwer, wenn überhaupt bezifferbar. Ich für meinen Teil halte ihn nicht für ganz so groß wie andere, aber das ist natürlich eine persönliche Wertung. Dennoch: Das geht einfach gar nicht. Es ist wohl unbestritten, dass diese Lüge aufgedeckt und auch, dass sie damit konfrontiert werden musste.

Die Frage, die ich mir jedoch stelle, lautet: Musste das auf diese Art und Weise geschehen, wäre das nicht diskreter gegangen? Wohlwissend, dass es nach einer Veröffentlichung in dieser Größenordnung keinerlei Zukunft mehr für Marie Sophie mehr geben würde? Denn, das muss dem ‚Spiegel‘ klar gewesen sein, diesen Artikel auf diese Art und Weise – gedruckt, online UND später dann noch in englischer Übersetzung (ohne Bezahlschranke) – zu veröffentlichen war ihr Todesurteil – bildlich gesprochen zu hundert Prozent was ihren Beruf anging, und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch ganz wörtlich, wie ja auch leider geschehen.

Ich habe mich mit einigen Menschen ausgetauscht, die Marie Sophies Lüge unverzeihlich finden. Das sei ihnen unbenommen, niemand wird gern belogen und getäuscht. Auch ich war überrascht vom Ausmaß ihrer Fantasie und verärgert. Aber ist diese Lüge wirklich so riesengroß gewesen, dass man sie mit einer Millionenauflage unter voller Namens- und Ortsnennung, sowie groß abgedruckten Fotos im Heft und Online (dort gleich zweisprachig) widerlegen musste? Nun, man konnte sich bei ihr natürlich immerhin ziemlich sicher sein, dass sie keine teure Medienrechtskanzlei beauftragen würde, ihre Privatsphäre zu wahren. Sie war fair game.

Der irische Journalist Derek Scally interviewte Marie Sophie und beschloss, auf einen Artikel zu verzichten, denn diese Frau hatte für ihn klar erkennbar ein psychisches Problem, zu dessen Verschlimmerung er nicht beitragen wollte. Auch der ‚Spiegel‘-Autor muss das erkannt haben, aber es war ihm egal, er hatte offenbar Interessen ganz eigener Art. Als promovierter Historiker mit einem hervorragend rezensierten Buch über seine jüdische Großmutter, die in Ausschwitz starb fühlte er sich ganz vielleicht auch bemüssigt, sein Terrain zu verteidigen gegen eine 1. dreißig Jahre jüngere und 2. Frau und promovierte Historikerin. Sprachlich so zu entgleisen, wie in den letzten beiden Sätzen seines Artikels? Ein bisschen Spaß muss schließlich sein, oder?

Und wir wollen auch das Thema Claas Relotius nicht außer Acht lassen: Ein hauptberuflicher Journalist, der für preisgekrönte Artikel und seine Karriere Geschichten erfunden hat und die der ‚Spiegel‘ und andere Medien, darunter auch die ZEIT, nur zu gerne gedruckt haben, mit denen sie sich nur zu gern geschmückt haben. Relotius ist nur kurz vor Marie-Sophies „Outing“ aufgeflogen und hat insbesondere dem ‚Spiegel‘ und seiner berühmten Rechercheabteilung einen ziemlich fetten Kratzer in den Lack gemacht.

Mein persönlicher Eindruck ist auch deshalb der, hier sollte ein größtmögliches Exempel statuiert werden. Flugs wurde aus einer privaten Bloggerin, die einen lustigen tongue-in-cheek-Nischenpreis gewonnen hatte und Herausgeberin eines kleinen Kunst-Geschenkbüchleins mit einer Erstauflage von vielleicht 3.000 Exemplaren war, eine Person öffentlichen Interesses, die man ob ihrer fraglos sehr dämlichen Lügen auf der ganz großen Bühne auseinanderpflücken und mit großer Geste auf den Müllhaufen der Geschichte werfen durfte. Fraglos musste Marie Sophie mit ihrer Lüge konfrontiert werden, aber es gab keinen Anlass für die mediale Hinrichtung, wie sie der ‚Spiegel‘ für nötig befand. Es hätte m.E. nach genügt, Yad Vashem zu informieren und das ganze Thema in einer halben Spalte, ohne volle Namensnennung und ohne ihr Foto irgendwo als Nachricht zu bringen.

[Nachtrag, 2.8.19] Wer auf ‚Spiegel Online‘ die vielen Artikel zu ihrer Aufarbeitung des Relotius-Betrugs anschaut, wird dort übrigens kein Foto von ihm finden. In keinem der vielen verlinkten Beiträge zum Thema. Nicht einmal ein kleines Portraitfoto irgendwo im Text. Statt dessen sind die Aufmacherfotos der Artikel Bilder des ‚Spiegel‘gebäudes, Fotos des getäuschten Verlags. Hätten sie also nicht auch die Fotos von Yad Vashem zur Bebilderung des Artikels über Marie Sophie nehmen können, statt eines schönen Portraitfotos, das vermutlich zu Beginn des Treffens entstanden ist, als sie noch davon ausgehen durfte, das folgende Gespräch würde sich – wie verabredet – um „Kunstgeschichte als Brotbelag“ drehen?

Die Historikerin, die – zusammen mit Historikern des Stralsunder Archivs – die eigentliche Recherchearbeit gemacht hat und, warum auch immer, breit grinsend mit einem jüdischen Grabstein auf einem bizarren Foto auf ihrer Internetseite posiert, hat noch wieder ganz andere Interessen – ihr Geschäftsmodell ist jüdische Ahnenforschung und Werbung kann man ja immer gebrauchen. Vielleicht bin ich jetzt wieder zu zynisch, mag sein, aber das sind eben so meine unmittelbaren, ganz persönlichen Eindrücke und Vermutungen.

Die „Goldenen Blogger“ aberkannten ihr den Preis, den sie für ihr Blog bekommen hatte. Das Blog, das gegen kein Kriterium der Ausschreibung verstoßen hatte (schon allein deshalb, weil es keinerlei Ausschreibungskriterien gab). Wir erinnern uns: Ihre Fans und LeserInnen hatten ihr Blog vorgeschlagen und es per Onlineabstimmung zum beliebtesten Blog des Jahres erkärt, sie hatte fair and square gewonnen, wie man so schön sagt. Aber was nicht sein kann, darf nicht sein. Man will ja auch schließlich im nächsten Jahr noch Sponsoren finden.

Die Art und Weise, wie auch hier das Fräulein unter den Bus geworfen wurde, stößt mir übel auf und erinnert mich ein wenig daran, wie Muhammad Ali sein Weltmeistertitel im Schwergewicht aberkannt wurde, weil er den Kriegsdienst in Vietnam verweigerte – eine rein politische Entscheidung von Feiglingen. Und natürlich schrieben alle Medien geifernd darüber, dass ihr der Preis aberkannt worden sei, als habe man ihr den Nobelpreis wieder weggenommen. Das muss dieser Qualitätsjournalismus sein, von dem man so viel hört.

Yad Vashem kennt sicherlich einige Fake-Fälle, die werden vermutlich nicht sonderlich erschüttert sein sondern die Akten seufzend bereinigen und fertig. Die Nazis und ewigen Holocaustleugner aus der blau-braunen Ecke haben den Ball dankbar aufgegriffen, natürlich – aber es ist ja nun auch nicht so, als hätten die für ihre Hetze einen echten Anlass nötig. Sie krakeelen nicht mehr oder weniger als vorher auch. Den Toten wiederum ist eh alles egal, ob sie nun jüdische Opfer waren oder deutsche Täter. Marie Sophie hat bei Licht betrachtet niemandem wirklich geschadet, außer sich selbst – und vielleicht noch den Nachfahren echter Ausschwitz-Opfer, aber ist das ein Grund, sie zu Tode zu hetzen? Denn genau das ist hier passiert – vom ‚Spiegel‘, von den Wikipedia-AutorInnen ihres Eintrags, von anderen Medien inklusive Twitter. Christian hat übrigens hier einige kluge Worte zum Medium Twitter und unser aller Verantwortung dort geschrieben.

Heute wird Marie Sophie in Wittenberg nach viel zu kurzen 31 Lebensjahren zu Grabe getragen. Welch eine tragische Verschwendung von Geist und Genie.