Fernwehende Fensterrentnerin

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Tag 56 von 366 – Ich stolpere über einen schon ein paar Tage alten Twitterthread von sandsturmbedingt auf den Kanaren gestrandeten Urlaubern, die sich laut und umfangreich über den Mangel an Kommunikation und Hilfe seitens der Fluglinie, des Reiseveranstalters, des Hotels, des deutschen Konsulats und wahrscheinlich auch des Lieben Gottes beschweren; immerhin waren die wichtigen Medikamente im aufgegebenen Koffer und der ist nicht da! Und, schon klar, „selber schuld“ ist ein dämlicher Kommentar, aber herrje! Das lernt man doch selbst in der Baumschule, oder? Wer am Urlaubsort dringend Medikamente braucht und diese für den Flug im eingecheckten Koffer und nicht im Handgepäck unterbringt, dessen Ableben fällt ja wohl auch unter „natürliche Auslese“.  (Entspannt Euch. Soweit ich weiß, ist niemand verstorben, zumindest konnten sie ja noch empört auf Twitter rumhupen.)

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Die Birke im Hof, in deren Zweige ich gern beim Einschlafen geguckt habe, wurde radikal heruntergesäbelt; ihre verstümmelten Arme schauen vorwurfsvoll gen Himmel und das Taubenpärchen, das es sich dort gerade bequem gemacht hatte und den Nestbau begonnen, stand auch eine Weile fassungslos vor den auf dem Rasen liegenden Ästen. Ich nehme an, die letzten drei zu trockenen Sommer haben den Baum zu gefährlich werden lassen, bei den letzten Stürmen hab’ ich schon gedacht ‚ohauerha, wenn das man gut geht‘ und man will ja nicht warten, bis der vierte zu trockene Sommer in Folge dann dazu führt, dass die darunter spielenden Kinder oder picknickenden Mütter erschlagen werden. Und ich weiß, Birken wachsen relativ schnell und sie kommt wieder. Aber es ist dennoch ein herzzerreißender Anblick.

Die Tür der Laube im Schrebergarten gegenüber steht morgens um halb sieben bei Temperaturen um null Grad sperrangelweit offen und kein Mensch der dazugehörigen Familie ist weit und breit ist zu sehen; ich vermute, da hat jemand eingebrochen.  Dagegen spricht, dass die Lauben links und rechts davon verschlossen sind. Oder die Besitzer haben die Tür nicht richtig verschlossen und der Wind hat sie aufgeworfen. Hm. (Komme wie eine nörgelnde Fensterrentnerin rüber, merke ich gerade, gleich wächst mir ein Kissen. Aber da ich nicht mehr in den Innenhof schauen mag, blicke ich halt vom Balkon und da fällt es mir halt ins Auge.)

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Buddenbohms planen die Sommerferien und es ist kompliziert. Ich überlege, wo ich gerne Urlaub machen würde, träume mich kurz vier Wochen weg. Mir fällt meist zuerst der Norden ein. Skandinavien. Schottland, Irland. Nordsee. Dann, man muss ja auch ans Essen und die Kultur denken, Italien. Aber Italien im Sommer? Nee, lass mal. Frankreich vielleicht. Die Normandie wäre was. Die Schweiz hat nicht genug Meer und zu viele von diesen die Aussicht versperrenden Dingern, ist unbezahlbar, aber das Essen ist gut und sie ist nicht so weit weg, hm. Australien, Afrika, Neuseeland, Chile ist alles zu weit für alles unter drei Monaten, Fernost kann ich nicht leiden (viel zu viele Menschen und fiese, feuchte Hitze), Nahost und Indien kannste knicken als allein reisende Frau und die Küche dort ist auch eher nicht so meins. Dito Lateinamerika. Der ehemalige Ostblock verbietet sich von selbst, dito der Balkan, China hat die Pest, die Küche dort Hühnerfüße im Reisrand und sie haben einen Überwachungsstaat à la Matrix.  Die USA sind seit 9/11 ein no go territory (und kochen können die auch nicht). Kanada ist schön, besonders Vancouver, aber da kann ich auch gleich zuhause bleiben: Dasselbe Wetter, dasselbe Essen, dieselben Bären. Also doch Schottland? Beste Landschaft, wunderbare Leute, ausgezeichnetes Essen, perfekte Golfplätze und, würde ich noch Whisky trinken, besten Whisky. Irland dasselbe in grün (no pun intended) und man kann da sogar Reiterferien machen. Skandinavien ist leider unbezahlbar.
Am Ende lande ich selbst im Tagtraum dann doch wieder an der Nordsee, auf meiner Insel. Oder der anderen. Oder dieser anderen. Jedenfalls: Dort, wo mein Herz zuhause ist.

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Ansonsten: Gezeichnet, geschrieben, gefilmt.

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Der Himmel sah heute aus wie ein ‚Simpsons‘-Vorspann.