Grafiktabletts und aktuelle Geschichte

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Tag 38 von 366 – Digitales Malen macht bescheiden, lehrt Demut. Ich habe fast 3 Monate nicht mehr ernsthaft digital gearbeitet, seit mein großes Grafiktablett nach Update auf Mac OSX Catalina nicht mehr richtig arbeitete. Inzwischen habe ich mir übergangsweise ein kleines Intuos Pro zugelegt, da der Zustand langsam unhaltbar wurde.
Heute habe ich für eine simple, klassische Tonwertübung eine halbe Stunde gebraucht und das Ergebnis sah am Ende trotzdem nicht gerade überzeugend aus. Es ist wie mit allen anderen Tätigkeiten – wenn man sie nicht übt, vergisst man wie’s geht. Use it or lose it, das gilt für den Sport wie fürs Malen.

NB: Das Supportteam des Herstellers des großen Tablets antwortete auf meine Anfrage, wann zum Teufel es endlich den aktualisierten Treiber für das Tablet gäbe, das ich vor einem Jahr gekauft habe und seit November nicht benutzen kann, mit „sorry, wir sind dabei, es dauert so lange, wie’s dauert, wir melden uns“. Mir kommt Rauch aus den Ohren. Ja, das Ding hat ein Viertel dessen gekostet, was ich für ein gleich großes Wacom bezahlt hätte, insofern … klar, wer billig kauft, kauft zweimal. Aber: Es hat die paar Monate, die es funktioniert hat, perfekt funktioniert, es gab wirklich keinen qualitativen Unterschied zum Wacom Cintiq (und glaubt mir, ich habe das ausführlich getestet und kann es beurteilen).

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In der „Zeit“ einen Bericht über eine Literaturveranstaltung. Ich frage mich, welche Art Texte vom literarischen Nachwuchs zu erwarten sind, wenn er sich schon im Studentenalter mit Anfang 20 solch enge Grenzen des Sagbaren steckt. Und ich kann dieses Blabla zu political correctness, von wegen das sei ein rechter Kampfbegriff und allein schon deshalb verboten, nicht mehr hören, es wird durch Wiederholung nicht wahrer. Den Begriff gab’s schon zu meinen Abizeiten, die immerhin bald 35 Jahre her sind und er wurde damals völlig unironisch und unwitzig von der Linken gebraucht, um Denk- und Sprechverbote festzutackern, ein Sport, in dem sie ja unangefochtene Weltmeister sind. PC ist eben nicht dasselbe wie, ist kein Synonym für Anstand, es ist eine in Teilen anmaßende und herablassende, in weiten Teilen lächerliche, groteske und, ja, in Teilen auch richtige Haltung und es ist meiner Ansicht nach absolut wichtig, die anmaßenden und lächerlichen Aspekte klar als solche zu benennen.

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Ich lese zur Zeit Barbara Tuchmans “The Proud Tower: A Portrait of the World Before the War, 1890-1914” (affiliate link), ein schon etwas älteres Werk (1966) und interessante Begleitung zu ihrem vier Jahre älteren Klassiker “The Guns Of August” (affiliate link), über den ersten Kriegsmonat. Eines der Essays darin ist den Deutschen gewidmet, insbesondere dem in jenen Tagen populären Kult um Nietzsche, Strauss, Wagner und Bayreuth, und ich stolpere über diesen Abschnitt:

Realism was a German passion. Brünhilde at Bayreuth was always accompanied by a live horse which, affected by equine stage fright or the galloping music of the Valkyrie, invariably misbehaved in the middle of the stage to the relish of the German audience if not of visiting foreigners.

Schallend gelacht, sofortiges Kopfkino.

Tuchmann beschreibt das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts so:

Architecturally, Berlin, Europe’s third largest city, was new and not beautiful. It belonged in style to what in America was called the Gilded Age. Its main public buildings, streets and squares, built or rebuilt since 1870 to house suitably the new national grandeur, were heavily pretentious and florid with gilding. Unter den Linden, a mile long with a double avenue of trees, was laid out with obvious intent to be the biggest and most beautiful boulevard in Europe. It ended naturally in an Arch of Triumph at the Brandenburg Gate. The gate led in turn to the famous Sieges Allee in the Tiergarten, with its glittering marble rows of helmeted Hohenzollerns in triumphant attitudes. When the statues were raised at the Kaiser’s direction, Max Liebermann, who had a studio overlooking the Tiergarten, lamented, “All I can do is to wear blue goggles but it is a life sentence.” The imposing Reichstag building was of maximum size to make up for its minimum powers. Along the Leipzigerstrasse and Friedrichstrasse, department stores and the head offices of banks and mercantile houses bulged with the rich excitement of business that was growing daily. The city was spotlessly clean and the population so orderly that a Berlin landlady’s bill included three pfennings for sewing on a trouser button and twenty for removing an inkstain. Police were efficient, though an English visitor found them “extremely rough and even brutal.” The lure of vice was aggressively flaunted, food was uninteresting, ladies unfashionable. Prussian thrift stifled elegance. Berlin women of the middle class wore homemade clothes with plaid blouses, muddy-brown skirts, sack coats like traveling rugs, square-toed boots and nondescript hats that went with everything and matched nothing. They had stout figures, raw complexions and wore their hair pulled back and pinned in a braided coil.

Society, owing to the lack of intercourse between its rigidly maintained categories, was stiff and dull. Unless ennobled by a von, businessmen, merchants, professional men, literary and artistic people were not hoffähig, that is, not received at court and did not mix socially with the nobility. Nor did they mix among each other. Every German belonged to a Kreis, or circle of his own kind whose edges were not allowed to overlap those of the next one. The wife of a Herr Geheimrat or Herr Doktor did not speak to the wife of a tradesman, nor she to the wife of an artisan. To congregate or entertain or marry outside of Kreis borders invited disorder, the thing Germans feared most. Perhaps to compensate for social monotony, some Germans, according to one report, ate seven meals a day.

Geht es nur mir so, oder hat sich da in über 100 Jahren wenig geändert? Ich frage mich, zu welcher guten, alten Zeit diese besorgten Bürger so gern zurückkehren wollen … Haben die sich mal umgesehen? Die Texte über England in den anderen Essays derselben Sammlung lesen sich für mich ebenfalls wie aktuelle Zustandsbeschreibungen. Was, um Himmels Willen, wollen diese Nationalisten, hüben wie drüben, eigentlich genau? Gehören sie doch in aller Regel zu der Klasse, die in jedem System am Ende den höchsten Preis für den ganzen Mist bezahlt, aber ganz besonders in einem so festzementierten Klassensystem wie dem des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Ein paar Seiten weiter stoße ich auf diese Zeilen:

The undercurrent of morbidity in Germany […] grew more apparent in the first decade of the new century. It increased in proportion as Germany’s wealth and strength and arrogance increased, as if the pressure of so much industrial success and military power were creating an inner reaction in the form of a need to negate, to expose the worms and passions writhing within that masterful, prosperous, well-behaved, orderly people.

Tja.