Hatte Jesus einen Fahrstuhlführer?

659 Aufrufe

Tag 142 von 366 – Himmelfahrtstag, in der Schweiz ‚Auffahrtstag‘ genannt, wie ich unlängst lernte, als ich für eine Schweizer Kundin etwas in Druck gab und auf der Website darauf hingewiesen wurde, dass sich durch den ‚Auffahrtstag‘ die Produktion bzw. Lieferung entsprechend verzögern würde. Vor meinem inneren Comiczeichner erscheint Jesus, wie er in den Fahrstuhl tritt und zum Fahrstuhlführer „nach oben, bitte“ sagt. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob es einen Fahrstuhlführer gab. Heute ist der Beruf ja eher ausgestorben, ich habe noch ein paar Fahrstuhlfahrten mit Fahrtstuhführer erlebt – allerdings nicht in ganz so luftige Höhen. Obwohl ich gerne an den – natürlich türkisfarben – livrierten, älteren Schwarzen im Fahrstuhl des Stammhauses von Tiffany & Co. zurückdenke, der die beste Freundin und mich in die oberen Etagen chauffierte. (Sagt man da ‚chauffieren‘?) Der Mann hatte eine Stimme wie Sam Elliott und wir sind allein seinetwegen mehrmals rauf- und runtergefahren, um seine Ansagen zu den einzelnen Etagen zu hören, und haben uns die Tischwäsche, Hochzeitstische und Wunschlisten der Reichen und Schönen New Yorker Pärchen angeschaut. Das war 1993, Tiffany war noch Tiffany und hatte noch keinen billigen Ramsch und kein Parfum im Portfolio oder in jedem Kuhdorf eine Franchisefiliale, allerdings auch keinen „echt silbernen Telefonwähler, der natürlich äußerst erstrebenswert“ gewesen wäre. Wo war ich?

Ach ja, Himmelfahrtstag. Mein Vater legte aus mir unerfindlichen Gründen großen Wert auf diesen Tag, er hätte kein Problem damit gehabt, wenn ich seinen Geburtstag vergessen hätte, aber wenn ich ihn nicht zum Vatertag anrief, war er beleidigt. Dabei gehörte er nicht zu diesen merkwürdigen „Männern“, die den Tag mit Bollerwagen und Bier im Grünen verbrachte, das hat und hätte er nie getan, er hatte kein Verständnis für diese Art Verhalten. Ich habe ihn nie betrunken gesehen, obwohl er durchaus Bier, Wein oder einen Whisky goutierte – und auch rauchte wie ein Schlot – das war zu seiner Zeit völlig normal. Mein Vater war (in vielerlei Hinsicht, wenn auch nicht äußerlich) mehr so der Typ Don Draper: Weißes, gestärktes Hemd mit Manschettenknöpfen, Flannellhose und perfekt geputzte Schuhe, stets sauber rasiert mit kurzem Haar, höflich, äußerst unterhaltsam wenn er wollte, aber grundsätzlich eher verschlossen, ein Enigma. Er war ein echter Mann und keiner dieser ewigen Jungs in € 250 Euro teuren workwear Jeans und mit cleveren Tattoos auf den was-mit-Medien-Händen, die sich im Gesicht einen fusseligen Salat stehen lassen und für 30 Euro eine 80g-Dose mit vintage Bartwachs erstehen, die der unterbezahlte Packungsdesigner mithilfe einer Clip-Art-Sammlung viktorianischer Bartträger im Vektorformat und dazu passenden Fonts in Schwarz auf Sepia gestaltet hat.

He was a man’s man. Und ein guter Vater.

***

Ich verbringe den Tag zur Hälfte am Zeichentisch und zur anderen Hälfte mit Videoschnitt. Das Wetter ist meh, nicht kalt, nicht warm, kein Regen, keine strahlende Sonne, so wie gestern. Schön, dass wir gestern bei dem strahlenden Wetter draußen essen konnten und auf dem Deich waren.

***

Lieblinks:

Und, wie geht’s dir so? (via @swissmiss)