Hautfarben

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Tag 160 von 366 – Heute fiel ich über diesen Tweet:

Zum Thema ‘White Privilege’ kann ich u.A. beisteuern, dass auch ich den klassischen „Hautfarben“-Buntstift bzw. -Farbnapf im Tuschkasten noch unter diesem Namen kennengelernt habe. (Für die Erwachsenen unter uns: Die Farbe nennt sich Neapelgelb (rötlich) und besteht zumeist aus den Pigmenten PW6/PW4/PR242/PY42 (z.B. bei Schmincke Horadam Aquarellfarben).

Weiße Hautfarbe war in meiner Kindheit der Standard. Bei rund 33-36 Kindern pro Klasse (wir waren der letzte Babyboomer-Jahrgang) hatten wir nicht ein einziges Kind mit anderer Hautfarbe dabei. Nicht eines. Natürlich lernten wir, dass es in fernen Ländern Menschen mit anderen Hautfarben gibt. Afrikaner sind schwarz, Indianer sind rot, Chinesen sind gelb, Südseebewohner sind braun, Eskimos sind … schwer zu sagen, jedenfalls in Robbenfelle gehüllt. Was man halt so über Kinderbücher, Fernsehen und Theater mitkriegt. Das erste Schwarze Kind habe ich im Fernsehen gesehen: Den kleinen Jungen aus der Sesamstraße, der mit Bob und Bibo und den anderen spielte. Ich bin durch dreizehn Jahre Schule gegangen, ohne auch nur ein Kind mit anderer Hautfarbe in der Klasse zu haben. Auch im Studium waren wir eine rein weiße Ansammlung, sowohl die Studierenden als auch  die Dozenten. (Ich brauche nicht mal zu gendern, Dozentinnen gab’s auch keine.) Das mutet rückblickend erstaunlich an, heute vermutlich absolut unvorstellbar, aber so war es halt.

Die Sesamstraße kam in Deutschland pünktlich zu meiner Einschulung an, nur synchronisierte US-Folgen, deutsche Folgen gab es erst drei Jahre später, da war ich schon aus dem Sesamstraßenalter raus. Die konservativen Politiker und Eltern waren empört darüber, dass wir hierzulande jetzt mit US-amerikanischen Eindrücken aus den Slums von New York konfrontiert werden sollten, wo Leute (bzw. Monster) in Mülleimern wohnten! Die „Slums“ waren eine Kulisse einer ganz normalen Backsteinhausstraße in Brooklyn, ähnlich der Gegend, in der Jahrzehnte später die Cosbys wohnten. Gutbürgerlicher geht’s kaum. Aber der Krieg war noch keine dreißig Jahre aus und CDU-Deutschland stellte sich unter Multikulti damals wie heute vor, dass man auch mal beim Italiener essen geht, das sollte ja wohl reichen.

Will sagen: Weiß und deutsch mit deutschen Eltern war in weiten Teilen Westdeutschlands der frühen 70er Jahre des letzten Jahrhunderts very much die Norm. Voll normal. Wenn da also 30+ Kinder im Kunstunterricht den hautfarbenen Stift suchen, dann war allen klar, welcher gemeint ist.

Was im Deutschland von 1973 vielleicht nicht okay, aber zumindest logisch nachvollziehbar war, geht heute einfach nicht mehr. Und ja, man muss genau dort ansetzen, im Kleinen, oder bei den Kleinen, denn „drin ist drin“. Ich sage so ungefähr seit 40 Jahren auch aus anderen Gründen nicht mehr „Hautfarbe“ zu Neapelgelb, aber wenn jemand von einem hautfarbenen Stift spricht, dann erscheint vor meinem inneren Auge diese Farbe. Und das ist einfach nicht gut.

Schon vor einiger Zeit wurde ich auf die Hautfarben-Buntstifte aufmerksam. Ich habe sie nicht und kann nichts zu ihrer Qualität sagen, ich bin als professionelle Illustratorin wohl auch nicht wirklich Zielgruppe, das sind mehr Kinder im KiTa- oder Grundschulalter, außerdem ihre ErzieherInnen und Eltern. Aber ich hoffe, sie werden der neue Standard in den Schulen und KiTas.