In The Air Tonight

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Susanne schreibt hier schön übers Radio und NDR 2 und lässt mich leicht nostalgisch werden.

Wenn man mich fragt, ob ich gern Radio höre, antworte ich meist ohne mit der Wimper zu zucken mit „geh’ mir wech!“.
Aber beim längeren Nachdenken habe ich eigentlich immer mal wieder und in ganz unterschiedlichen Phasen meines Lebens gern Radio gehört.

Als Kind, zu Beginn/Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, war meine erste Radiobegegnung ein riesiger Weltempfänger. Mein Vater drehte oft stundenlang an der Kiste herum, während ich daneben saß und er erklärte mir dann, woher welcher Sender kam und wir haben gemeinsam den Atlas aufgeschlagen und ich durfte die Orte suchen, aus deren Funkhäusern gerade, oft in fremden Sprachen, eine Stimme in unser Wohnzimmer drang. Wenn er einen lateinamerikanischen Sender erwischt hatte, auf dem ein Bossa Nova kam, dann tanzten wir und sangen mit.

Auf langen Urlaubsfahrten mit dem Auto, auf dessen Rückbank der Bär und ich in die Decke gemummelt lagen (nein, es gab damals noch keine Kindersitzpflicht, meist nicht einmal Kindersitze), war ich fasziniert vom Radio und den verschiedenen Dialekten und Sprachen, die es aus der Welt da draußen vor dem Autofenster hinein zu uns brachte. Wenn ein Sender immer leiser, kratziger und entfernter klang, bis irgendwann nur noch Rauschen zu hören war, und dann ein paar Kilometer weiter ein anderer Sender seine Stelle einnahm, andere Stimmen, andere Musik, andere Werbung. Obwohl ich mich nicht an viel Radiowerbung erinnern kann. Entweder, die war zu dezent zu der Zeit (kaum vorstellbar eigentlich), oder ich habe sie nicht wahrgenommen. Wahrscheinlich haben meine Eltern auch einfach weitergedreht oder ausgemacht, wenn Werbung kam. Oder es gab keine Radiowerbung, kann auch sein, schließlich gab es nur gebührenfinanziertes öffentlich-rechtliches Radio hierzulande, damals kam ja auch noch das Fernsehen mit so wenig Werbung aus, dass meine Generation heute noch jeden Spot im Schlaf aufsagen kann.

Man drehte damals noch. Das Radio, ein Becker Mexiko mit einem sehr hübschen Schriftzug, hatte zwei große Knöpfe: Einen für die Lautstärke, einen für die Sendersuche, sowie ein paar dicke Tasten vorne, beschriftet mit L, M, K, U, U. (Ich habe immer gerätselt, wofür wohl das zweite U stehen sollte … Langwelle, Mittelwelle, Kurzwelle, UKW  – und dann was? WAS?)
Die geheimnisvolle, gelblich-orangefarbene Beleuchtung, die abends zu mir auf meinen Platz auf der Rückbank schien, in Kombination mit beispielsweise einem spanischen oder französischen Nachrichtensprecher und dem monotonen Singsang der Reifen, lullte mich oft in den Schlaf. Verkehrsfunk war damals so sinnlos wie heute – der Sprecher warnte eindringlich vor dem Stau, in dem man schon stand, aber in jenen Tagen gab es kaum Staus und so hielt sich der Stress in Grenzen.

Einen Kassettenschacht hatte dieses Radio nicht, aber das machte nichts. Zum einen lag die Macht über das Radio bei meinen Eltern vorne. Wenn ich heute mitbekomme, wie genervt sich die Eltern lange Fahrten über mit „Conni“-Hörspielen abgeben, kratze ich mich schon etwas am Kopf. Meine Eltern haben mich fraglos sehr geliebt und verwöhnt, aber sie hätten sich niemals mir zuliebe stundenland den „Kleinen Muck“, „Die Hexe Schrumpeldei“ oder „Tom Sawyers Abenteuer“ anghört; mein Reich war der Fond, so wie das Fernsehen ab 20 Uhr den Erwachsenen gehörte, keine Diskussion. Ich hatte hinten auf dem Rücksitz meinen eigenen Kassettenrekorder mit Monokopfhörer (den man wahlweise ins linke oder rechte Ohr stecken konnte), ein ausrangiertes Gerät meines Vaters, auf dem nun meine Märchenkassetten nudelten, gespeist von sechs oder acht dicken Baby-C Batterien. Wenn die Stimme von Hans Paetsch anfing zu leiern, hieß es hauszuhalten. Nicht jede Raststätte hatte Batterien, schon gar nicht im Ausland.

Später dann, als Teenagermädchen in Hamburg, bekam ich die alte Stereoanlage meiner Eltern vermacht: Ein großer Elac-Röhrenverstärker in Echtholz mit eingebautem Radio darin, an dem ein Dual Plattenspieler hing, den ich heute noch im pfleglichen Gebrauch habe. Ich hatte wenig Geduld mit dem belanglosen Schlagerprogramm von NDR 1 und NDR 2, und das Gelaber im Deutschlandfunk interessierte mich auch nicht. Nur „Der Club“ auf NDR 2 war interessant, da spielten sie die Charts, und mit etwas Glück bekam ich an manchen Tagen die BBC oder BFBS in Germany rein, die hatten meist richtig gute Musik. Da saß man dann mit dem Finger über dem Aufnahmeknopf und betete, dass der dämliche Moderator nicht wieder in den Song quatschte oder das Gitarrensolo abschnitt. Es gibt eine eigene Hölle für Radiomoderatoren, die bei “Hotel California” oder “Another Brick In The Wall” das Gitarrensolo abschneiden, ich weiß es.

Aber in aller Regel hörte ich lieber Schallplatten und machte mir mein eigenes Programm.
Und ich hörte NDR 3, das heute NDR Kultur heißt. Da gab’s schöne, klassische Musik ohne großes Gesülze dazwischen, ganze Sinfonien, Opern und Konzerte und wochentags morgens um halb neun „Am Morgen vorgelesen“. Letzteres habe ich erst später regelmässig auf dem Weg ins Büro gehört, damals haben sie noch ungekürzt monatelang Thomas Mann vorgelesen, heute vermutlich undenkbar.

Inzwischen gab es auch private Radiosender, ich glaube, RSH (Radio Schleswig-Holstein) war der erste in Hamburg erhältliche private Sender. Irgendwann kam Radio Hamburg und der erste Ostermarathon der Top 800, das muss anlässlich des 800. Hafengeburtstags gewesen sein, wenn ich mich richtig erinnere, also 1989. Diese privaten Sender bestanden, wie ihre ebenfalls noch jungen Fernseh-Pendants SAT.1 und RTL gefühlt ausschließlich aus Werbung und waren in erster Linie laut. Sie heißen heute noch „Krawallsender“ bei uns und werden höchstens zufällig eingeschaltet, wenn man durchzappt und gerade ein gutes Lied läuft. Neue Musik entdeckte man damals auf MTV, nicht im Radio. Mein erstes eigenes Auto, ein alter Bundeswehrkübel VW 181, hatte natürlich ein (deutlich jüngeres) Radio, aber, was noch viel toller war: Einen Kassettenschacht und eine Standheizung. Nichts focht mich an.

Zwischen 2003 und 2008 etwa habe ich fast jeden Sonnabend nachmittags im Auto die große Bundesligakonferenz auf NDR 2 gehört. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Fussball, aber das wurde so spannend und unterhaltsam dargebracht, dass ich nach wenigen Wochen schon fast mitfieberte. Aber wie unfassbar spannend Sport im Radio sein kann weiß man erst, wenn man den Ryder Cup auf BBC verfolgt. Ja richtig gelesen: Golf im Radio. Das ist alle zwei Jahre das Allergrößte für mich, jedenfalls so lange, wie ich keinen Live-Videostream im Internet finden kann.

Jenseits des Ryder Cups käme ich im Traum nicht auf die Idee, zuhause das Radio einzuschalten. Zum einen, weil ich nicht gut arbeiten kann, wenn im Hintergrund Musik läuft oder jemand dauerquasselt. Ich danke meinem Schöpfer, dass ich in meinem Arbeitsleben nur sehr selten in einem Großraumbüro arbeiten musste, bei dem den ganzen Tag das Radio lief; ich wäre wohl Amok gelaufen. – Aber manchmal erinnere ich mich an die Stunden mit meinem Vater und seinem Weltempfänger, dann suche ich im Internetradio einen Lokalsender aus Texas, Yokohama oder São Paulo und summe leise mit.