Instagram 2017: Freude und Frust

Wie ich es nutze und warum ich mir bei der Benutzung die Haare raufe und wie leicht sich das ändern ließe.

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Ich bin begeisterte Instagram-Nutzerin, und bislang konnte Instagram das nicht ändern, auch wenn sie sich redlich Mühe geben. Aber vielleicht bin ich auch gar nicht erwünscht bei Instagram, von Instagram – ich zähle mich nämlich zu den Instagram-Hackern.

Wer bei Hacker nun an junge Männer mit Fusselbärten, Tunnel in den Ohrläppchen und schwarzen Hoodies denkt, die sich nächtens mithilfe ihrer linuxbetriebenen Subnotebooks gesetzeswidrig in fremde Netzwerke hacken um dort Schabernack zu treiben, der kennt mich nicht so gut (und weiß nicht, was „hacken“ bedeutet): Ich nutze Instagram lediglich nicht ganz so, wie von Instagram geplant, sondern so, wie ich diese Plattform bzw. dieses Werkzeug für mich sinnvoll und spaßig finde.

Was heißt das genau?

Ich veröffentliche kaum Fotos, sondern in erster Linie Zeichnungen und Illustrationen. Wobei … viele darunter sind mit Stift und/oder Pinsel auf Papier entstanden und dann von mir fotografiert worden, insofern fotografiere ich schon. Nur halt nicht mein Essen oder klassische Sonnenuntergänge oder Entenschnutenselfies.

Ich benutze keine Filter. Instagram hat tolle Filter, nur verfälschen sie halt meine Arbeit, insofern lasse ich sie links liegen. Sehr selten einmal nutze ich einen, um die Schwächen der Kamera meines ollen iPhone 5 auszugleichen und ein etwas naturgetreueres Abbild des Werks hinzukriegen, das ich da gerade fotografiert habe, aber ich nutze die Filter nicht, um Stimmungen oder dramatische künstlerische Effekte zu erzielen. Meist spiele ich höchstens etwas an den Helligkeits- und Kontrastreglern.

Der Bär spielt mit Knallfolie. #instaart #dailybear #watercolor

Ein von Kiki Thaerigen (@kiki_thaerigen) gepostetes Foto am

Ich schaue kaum und veröffentliche selbst keine “Moments”, und zwar deshalb nicht, weil ich sie für meine Zwecke nicht inhaltlich sinnvoll nutzen kann. Instagram Moments sind die von Snapchat geklaute nachgeahmte Funktion, viele kleine Schnappschüsse oder kurze Videoclips hintereinanderweg zu einem Video zu verbinden, das sich binnen 24 Stunden selbst wieder löscht. Das ist für mich aus diversen Gründen nicht interessant – Hochkantvideos von Illustrationsarbeiten sind nicht so prickelnd wie hochauflösende YouTube Videos im korrekten Bildformat ist einer davon – aber der gesamte obere Bereich der App wird auf dem iPhone von den letzten “Moments” meiner Kontakte belegt. Das ist sehr viel ”screen real estate“ bzw. Bildschirmfläche, die verlorengeht. Immerhin verschwindet der Bereich neuerdings, wenn man runterscrollt.

Ich folge fast ausschließlich professionellen KünstlerInnen, ComiczeichnerInnen, MalerInnen, zwei oder drei professionellen FotografInnen und nicht, oder nur einer Handvoll Accounts der Freunde, denen ich auch auf Facebook oder Twitter folge. Das liegt daran, dass ich deren Bilder zumeist auch auf Facebook oder Twitter sehen kann (wie man umgekehrt übrigens auch viele meiner Bilder dort findet), aber ich möchte eben gern auf Instagram wirklich gute und interessante Bilder sehen, die ich sonst nirgends so schnell sehe. Und die dritte Begegnung mit demselben Bild eines Nutellabrötchens oder desselben philosophischen Yogiteebeutelschildchens zum Frühstück wäre dort definitiv eine zuviel für mich.

This cat loves when we do watercolor… #ateliersento #cat #watercolor

Ein von Atelier Sentô (@ateliersento) gepostetes Video am

Ich betrachte die Bilder meiner Instagramtimeline fast ausschließlich im Browser meines Desktoprechners, nicht auf dem iPhone. Das rührt daher, dass ich und meine Augen über 40 sind – ach, was soll ich drumherum reden: Wir werden dieses Jahr hoffentlich 50 – und Instagram erst seit kurzer Zeit freundlicherweise das Zoomen bzw. Vergrößern in der App erlaubt. Bis dahin konnte ich auf dem iPhone schlicht keinerlei Details erkennen, wenn ich eine tolle Zeichnung im Stream hatte, nur im Browser entfaltete sich die volle Pracht. Die App lässt sich auch nicht ins Querformat drehen, so dass man die Bilder deutlich größer angezeigt bekäme.

Instagram ist es egal, dass ich die App nicht wie geplant nutze. Leider – denn die Benutzerfreundlichkeit könnte so viel besser für mich und andere NutzerInnen wie mich sein, ohne, dass es sie etwas, oder viel kosten würde.

Instagram könnte damit aufhören, mich täglich x-mal daran zu erinnern, dass mein/e FacebookfreundIn XYZ unter dem Namen xyz auch auf Instagram ist und mir deren Accounts empfehlen. Ich weiß das, aber es interessiert mich nicht. Warum kann ich diese Funktion nicht einfach abschalten?

Instagram könnte mir gestatten, Bilder im Webbrowser hochzuladen. Das würde mir sehr viel Zeit sparen, statt sie erst umständlich per Mail an mich selbst zu schicken, auf dem iPhone zu öffnen, den Dateianhang abzuspeichern und, in aller Regel auch noch mit Kompressionsverlusten, in der Instagram App zu veröffentlichen.

Instagram hat seit ein paar Monaten einen Algorithmus, der nach undurchsichtigen Kriterien bestimmt, welche Bilder mir (zuerst) angezeigt werden. Das können Bilder von den paar wenigen FacebookfreundInnen sein, denen ich auch auf Instagram folge, mit denen ich allerdings auf Facebook nicht notwendigerweise viel interagiere (was übrigens auch meinen Facebookstream völlig irrational hin- und herspringen lässt. Ich vermute, die intelligenten Computer von Herrn Zuckerberg verzweifeln langsam an mir: Warum finde ich von FacebookfreundIn X fast alles supertoll, was sie auf Instagram postet, aber kommentiere oder like nie etwas von ihr oder ihm, wenn ich auf Facebook bin, ja, habe seine oder ihre Beiträge auf Facebook nicht einmal abonniert?). Mit der intelligenten Bilderkennung ist es hingegen offenbar noch nicht sehr weit her, denn sonst wären Facebook und Instagram vielleicht inzwischen aufgefallen, dass ich nur bestimmte Bilder von einem Account mag, sagen wir mal, seine Zeichnungen und Skizzen, nicht aber die Sonnenuntergangs- oder Essens- und Urlaubsfotos desselben Accounts. Instagram stellt ratlos fest: Sie hat jetzt vier Fotos nacheinander von Account X geliked, warum keines der zwanzig nachfolgenden desselben Accounts, obwohl die doch z.B. viel mehr Likes von den anderen FreundInnen des Accounts bekamen?

Instagram könnte mir gestatten, diesen Algorithmus wahlweise ab- und auf chronologische Anzeige umzustellen.
Was auf eine Art noch lustig ist, weil man den Computer so schön zum Grübeln bringen kann, nervt aber nur noch, wenn man z.B. Künstlern folgt, die der Reihe nach die verschiedenen Stadien eines neuen Werks posten (oft #wip gehashtaggt, für “work in progress”). Zuerst den Scribble, dann die Bleistiftzeichnung, dann den Tuschvorgang, zuletzt die Farbgebung – das durcheinanderzubringen ist irgendwie witzlos, nur weil Instagram denkt, das Bild des Tuschvorgangs sei das interessanteste, weil dazu halt die meisten Kommentare oder Likes kamen.

Instagram ist ein tolles Spiel- und Werkzeug und könnte so viel besser sein, wenn es seine Fans ernst nehmen und ihnen mehr Entscheidungsbefugnis zugestehen würde. Wenn es sich an der Mutterfirma Facebook orientiert, wird es zunehmend belangloser werden. Das ist okay, es wird bald etwas Neues an seine Stelle treten, so ist das halt. Aber ich fände es trotzdem schade.

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