Irgendwo zwischen Klassenfahrt und „Herr der Fliegen“

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Tag 76 von 366 – St. Patrick’s Day. Ich bringe die gestern bestellten Bücher etc. lieber heute schon zur Post; normalerweise ist der Freitag mein Verpackungs- und Versandtag für Bestellungen aus dem Artstore, aber was ist schon normal in diesen Tagen? Außerdem gibt es mir eine Ausrede, Treppen zu steigen und an die frische Luft zu gehen; ich hänge direkt eine große Stadtparkrunde dran, danach geht es mir besser und es atmet sich etwas leichter. Die Bundesregierung hat, ein, zwei Tage nach Hamburg, ebenfalls das öffentliche Leben stark eingeschränkt und obwohl Lebensmittelläden und Post und Friseure (warum?) noch geöffnet haben dürfen, kann sich das täglich ändern. Dem Paketboten, der mich gestern bat, ein Paket für die Nachbarn anzunehmen, stand die Angst im Gesicht; ich musste nicht einmal unterschreiben auf dem Bazillenschleuderdisplay, das ich schon in normalen Zeiten nur högschd widerwillig berühre.

Heute ist St. Patrick’s Day, ein Tag bzw. Abend, den ich vor wenigen Jahren noch traditionell mit lieben Freunden bei Whisky und gemeinsamen Boondock Saints-Anschauen verbracht hätte. Aber Whisky trinke ich schon lange nicht mehr und die lieben Freunde wohnen inzwischen zu weit weg. Alleine gucken mag ich auch nicht, also werde ich wohl das Konzert der Dropkick Murphys im kostenlosen Livestream gucken. Ansonsten erinnert mich der St. Patrick’s Day an das Fräulein aus Dublin, das diesen Tag so verabscheute (und vor Ort muss es folkloretechnisch auch wirklich absurd zugehen, wobei die Amerikaner in Boston, New York und Chicago ja den Vogel abschießen mit ihren Paraden und grün gefärbten Flüssen, was dieses Jahr allerdings ausfällt).

Der Einblick ins Homeofficeleben der Anderen ist schon etwas skurril. Ein Gefühl wie zwischen Klassenfahrt und „Herr der Fliegen“ (für die Jüngeren unter meinen LeserInnen: So eine Art LOST, nur als Buch und ohne Eisbären und unfassbar viel grauenhafter); die ersten paar Tage ist noch alles ganz sutsche (wie wir hier oben sagen), aber mir verkrampft sich etwas der Magen bei dem, was noch kommen wird. Dennoch gilt: Bange machen gilt nicht, das Einzige, wovor wir uns fürchten müssen ist, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt.

Der Corona-Tweet des Tages:

Und wenn man dann „geistige Gesundheit“ in Verbindung mit den Stichworten Haushalt, Homeschooling und Erziehung mal ein paar Jahrzehnte oder Generationen weit zurückdenkt (also, wenn man Glück hat; wenn man Pech hat, ist das alles noch viel frischer) und sich fragt, wie das wohl unsere Großmütter hingekriegt haben – mit drei Kindern am Schürzenband, der Mann ist an der Front oder schon gefallen oder in Gefangenschaft, es gibt kein Durchkommen zu den Eltern in der anderen Stadt, alle sechs Brüder sind im Krieg, alles ist rationiert, sofern es überhaupt irgend etwas gibt, die Wohnung ist ausgebombt, jede Nacht geht es in den Luftschutzkeller mit den Kindern, die „Große“ (fünf Jahre alt und damit quasi erwachsen und „vernünftig“) kümmert sich darum, dass die Kleinen (drei und vier Jahre alt und schreiend wie am Spieß) fertig angezogen sind und am Händchen auch brav mit runter in den Keller gehen. Gern auch zweimal pro Nacht.

Das relativiert hier dann etwas den eigenen Stress. Und ja, es ist ein unfairer Vergleich und nein, ist es eigentlich nicht, denn die Mutter, die mit fünf Jahren die „große“ und „vernünftige“ sein musste, ist jetzt meine Mutter und ich glaube, ich höre jetzt besser auf über Stress nachzudenken, denn das tut mir nicht gut und meine weltmeisterlichen Künste im Verdrängen von Ängsten hab’ ich von ihr und meiner Omi.

Zurück an den Zeichentisch. Das Bärenkochbuch malt sich nicht von allein. *Tür ganz energisch zuklapp*