Gedanken zu TikTok. Außerdem Kaffeesortenbemerknisse

1357 Aufrufe

Tag 188 von 366 – Wenn man so lange online ist wie ich, nicht zuletzt professionell (rund 12 Jahre im strategischen, digitalen internationalen Marketing), hat man langsam echt alles gesehen und weiß es einzuordnen. Erst die Zeit des Wilden Westens (FIDOnet, Usenet, The Well), dann Walled Gardens (CompuServe, AOL), wie das Web 1.0 aufkam, ebay und amazon starteten, wie Foren und Blogs aufkamen, wie das Web 2.0 aufkam mit MySpace, Friendster, StudiVZ, The Facebook, Twitter, YouTube, Snapchat, twitch … wie der running gag „Mobile ist die Zukunft!“ nach ersten Gehversuchen mit WAP und Tweets via SMS tatsächlich mit dem ersten iPhone wahr wurde, wie nacheinander die social networks kamen und gingen, aufgekauft wurden, sich konsolidierten …

Der Rhythmus ist immer derselbe: Im ersten Schritt sind alle begeistert und installieren sich die App, im nächsten folgt todischer der Datenschutzskandal, die Spaßbremsen mahnen laut in der Wüste, und dann verschwindet der Dienst entweder wieder in der Versenkung oder hat sich als so dermaßen nützlich (Zoom, Slack) oder unwiderstehlich (Instagram, WhatsApp) erwiesen, dass man auf die Risiken und Nebenwirkungen halt pfeift. Oder man gehört halt zu den gebatikten Jesuslatschenträgern von der Piratenpartei, diesen Aluhut tragenden Online-Amish, für die halt alles Neue Teufelswerk ist und nur code, der selbstgeklöppelt, vegan und open source ist, darf genutzt werden.

Der heiße Shyce des Tages ist also TikTok, eine chinesische Kopie von Vine (die Älteren unter uns werden sich erinnern™ ), einem Kurzvideodienst mit hohem Suchtpotential. Bei TikTok steht angeblich die chinesische Regierung dahinter, in jedem Fall massives Investorengeld und die Wachstumszahlen sind atemberaubend. Das hat man zuletzt bei Facebook gesehen. Die View- und Abozahlen, die veröffentlicht werden, sind so irrsinnig, man weiß halt nicht, ob man sie glauben soll, aber das ist halt so mit solchen Zahlen: Die stehen da im Raum und dann berichtet die Presse und macht aus irgend welchen Kiddies mit drei Wochen altem TikTok Account und zwei viralen Videos mit je 500 Millionen Views die nächsten Rockstars. Wurstegal, ob die Zahlen stimmen, an diesem Punkt ist das halt Fakt. Überprüfen kann es eh niemand.

Die weißen Ritter unter den Hackern haben den App Code reverse engineered und festgestellt: Alles böse. Die App kopiert sich alles, was auf dem Telefon noch so interessantes ist, die Inhalte der Zwischenablage, hat Zugriff auf alles, und DAS ALLES LIEST DIE CHINESISCHE REGIERUNG!!!! und man dreht auch besser keine Videos zu Protesten in Hong Kong, dem Lockdown in Wuhan oder dem Tian’anmen-Massaker oder redet ungebührlich über die Regierung, aber wen interessiert’s? Die App macht Spaß. Lästige Urheberrechtsfragen sind auch kein Thema, weil: China halt. Anything goes.

Für die Künstler, die Creators, ist TikTok eine echte Chance, einem größeren Publikum bekannt zu werden. Alles, was es braucht, ist eine gute Idee.
Selbst wenn die tatsächlichen Abruf- und Abozahlen frisiert sind, sind sie immer noch eindrucksvoll genug. Und wer binnen zwei Monaten 20 Millionen Follower auf TikTok generiert hat, zieht einen großen Teil davon mit zu Instagram, YouTube oder Twitter. Diese drei sind inzwischen so mit Werbung, pardon, zugeschissen, dass sie kaum noch Freude bringen. Und kaum noch Geld, denn Werbegelder per Views von YouTube oder Twitter sind lächerlich gering (meist maximal 1 cent pro view, vor Steuern, und man muss eine absurd hohe Anzahl an Mindestviews erreichen, um überhaupt für eine Ausschüttung in Frage zu kommen), bei Instagram gibt’s schon gleich gar nichts.

TikTok selbst bietet ebenfalls kein Geld an, aber die Werbeindustrie wird natürlich angelockt von den irren Zahlen und wer jetzt Influencer bei TikTok ist, kann ordentliche Werbedeals abschließen bzw. eine Karriere darauf aufbauen – schauen wir nur auf Sarah Cooper, die Trumps Blabla hinreißend komisch lip synct, einmal durch die Presse gereicht wurde, inklusive New York Times und Ellen de Generes’ oder Jimmy Fallons Talkshows und inzwischen angeblich mit Netflix zu einem Special in Verhandlungen steht.

Einen kleinen Boost in Sachen Publikum kann man ja immer gebrauchen. Und wenn’s nicht klappt, hat man halt Spaß gehabt. Ich gehe eh davon aus, dass alles auf meinem Handy kopiert wurde und wird, weshalb ich darauf auch nichts inhaltlich Wertvolles lagere bzw. betreibe. Kein Mobile Banking, keine kompromittierenden Fotos, kein Sexting, nix. Wenn ich es morgen verlöre, wäre das ärgerlich aber kein Weltuntergang. Wenn China Fotos von norddeutschen Disteln, Wolken, Schafen und Balkonpflanzen sammelt … hey, knock yourselves out. 别客气

TikTok ist die totale no risk – no fun Sache. Und wie alle diese Apps wird auch TikTok irgendwann uninteressant oder Routine und die nächste App kommt. Bis dahin schaue ich mir das mal näher an.

***

Bevor ich das wieder vergesse, halte ich hier mal eben meine Meinung zu den jüngst getesteten Kaffeesorten fest. Das ist nötig, weil ich mir so etwas einfach überhaupt nicht merken kann und sonst garantiert versehentlich noch einmal einen kaufe, den ich nicht mag, das wäre sehr ärgerlich. So schlage ich einfach bei mir im Blog nach, das hab’ ich ja quasi immer dabei. 🙂

Aktuell laufen hier diverse Kaffeesorten in Rotation. Ich trinke gern dunkle, kräftige Röstungen, die nussig-schokoladig-malzig schmecken, keinen sonderlich fruchtigen Charakter haben und sich auch gut in einem Flat White gegen die Milch durchsetzen können. 100% Arabica ist mir i.A. zu fein, ich bevorzuge einen soliden Robusta-Anteil.

Hervorragend abgeschnitten haben hier: Passalaqua Vesuvio, Coffeeman Espresso (goodkarmacoffee.de), Tre Forze Espresso, Barbera Gold.

Okay, aber nicht sonderlich bemerkenswert waren: Gorilla Superbar Crema, Kimbo Espresso Napoletano, Drago Mocambo Brasilia, Elbgold Guatemala El Moreno, Lucaffé Classic (zu schlapp).

Wirklich schlimm und überhaupt nicht mein Ding: Elbgold Neunbar (sehr fruchtig), Illy E.S.E. Pads (die Dinger sind eh problematisch, aber die von Illy ganz besonders. Was seltsam ist, denn die haben das Prinzip angeblich erfunden).

Die Liste wird aktualisiert.