Kaffeezeiten

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Tag 135 von 366 – Ich brauche neue Espressobohnen für La Bella Macchina, und statt die paar hundert Meter zur Elbgoldrösterei am Mühlenkamp zu pilgern und vor Ort zu kaufen, schaue ich aufgrundderaktuellensituation (© Frau @novemberregen), ob man Kaffee inzwischen nicht auch online bekommt. Ich geh’ da nicht raus, wenn ich es irgendwie vermeiden kann; der wöchentliche Ausflug in den Supermarkt ist der pure Stress für mich. Niemand trägt seine Maske richtig, niemand hält Abstand, alles potenzielle Zombies. Ich geh’ da nicht raus.

Aber natürlich bekommt man Kaffee im Internet: Dutzende von Kaffeeröstereien und -hökern buhlen im Netz um meine Aufmerksamkeit; Kaffee ist das große Hipsterding, wie’s aussieht. Schau an. Aber es gibt inzwischen ja auch Brot- und Mineralwassersommeliers, habe ich mir neulich sagen lassen. *glucks* What a time to be alive!

Ich trinke sehr gerne Kaffee, ich habe die 90er gefühlt komplett zur Hälfte im Kino und zur anderen Hälfte im Café verbracht, zumeist im Katelbach, ums Eck meiner kleinen Ottensener Studentenbude, am Nebentischchen täglich Hannelore Hoger in prä-„Bella Block“-Zeiten und Karl-Heinz v. Hassel in fast schon post-„Tatort“-Zeiten. Den Laden gibt’s noch, inzwischen umgebaut, deutlich vergrößert, in Anpassung an das inzwischen stramm durchgentrifizierte Ottensener Publikum mit einer Bistrokarte und recht okayer Steinofenpizza im Angebot. Damals aber konnte man nachmittags zum inhouse gerösteten Kaffee zwischen drei Sorten Kuchen wählen (Käsekuchen, Butterkuchen, Apfelkuchen) und abends zwischen einer Tomaten- und einer Kartoffelsuppe, beide hausgemacht und lecker, ich wüßte nicht, welche besser war. Und man bekam sie auch noch nach dem Kino. Ich war da quasi in Vollpension.

Aber seit rund zwanzig Jahren trinke ich hauptsächlich Tee, meist eine ganz normale Assammischung, verächtlich builder’s tea – Bauarbeitertee – genannt, ja, mit Milch. Denn Koffein gegenüber bin ich lustigerweise immun, ich kann nachts um zwei geweckt werden, einen Espresso trinken und bin zwei Minuten nach zwei wieder im Tiefschlaf. Nur Tee „wirkt“ bei mir. Schockierend, ist es nicht. Aber ein schöner Cappuccino oder café macchiato (neudeutsch: flat white) gehört für mich besonders in den wärmeren Jahreszeiten zum Frühstück dazu. Meine liebsten Sorten sind diese dunklen, neapolitanischen Röstungen, die erinnern mich an die Handvoll Italienurlaube meines Lebens, die drei Tage Rom mit dem frühmorgendlichen caffé im La tazza d’oro in einer Seitenstraße des Pantheons, zwischen all den Einheimischen auf dem Weg zur Arbeit, bevor die Touristen den Laden übernehmen würden. Und an die kleine Bar in Neapel, wo wir nach der fantastischen Pizza hingingen. Und an Ischia, wo man in der letzten Bretterbude am Strand besseren Espresso bekommt als in der angesagtesten Bar in Hamburg. Italien ist wahrlich von den Göttern geküsst, es gibt kein Land, in dem ich besser gegessen habe und keine Küche, die mir mehr liegt oder die gesünder wäre. Wahrscheinlich, weil man dort hemmungs- und reuelos genießt. Das kriegen wir ja hierzulande nicht so richtig hin.

Ich mag Kaffee mit viel Aroma und einem ordentlichen Robusta-Anteil und wenig Säure. Ehrlich, kräftig, ohne Gedöns und ohne Gequatsche vom Barista oder, schlimmer noch, vom Kellner. Und der Kaffee muss stark genug sein, um sich auch mal durchzusetzen gegenüber der Milch in einem caffé latte. Der Passalaqua Vesuvio ist so ein Kaffee – ein Schluck und ich bin wach (nicht vom Koffein, s.o., sondern vom kräftigen Geschmack) und bereit für alles, was da heute so kommen mag.

Aber man könnte ja auch mal eine andere Sorte ausprobieren, nicht wahr? Und so surfe ich Webseiten ab, ignoriere mühsam das belehrende Geschwafel und Fotos mit  jungen Männern mit gewachsten und gezwirbelten Urgroßvaterbärten und karierten Flannell- oder doch wenigstens geknöpfter Henleyhemden, „Väter der Klamotte“-Protagonisten, deren Erfahrung mit manueller Arbeit weniger in Holzfällerei, Bärenjagd oder wenigstens im Eisenbahnbau liegt, sondern mehr so in Instagrammerei,  wasmitMedien™ oder Softwareentwicklung.

Ich vergleiche Mengen und Preise. Die schiere Auswahl erschlägt mich: Herrje, ich will doch nur einen guten Espresso, wie schwer kann das sein? Das Geseier der Hipster aus der Texterakademie geht mir auf die Nerven; jede Bohne kriegt ihre eigene, verschwurbelte Ode, man wird schier kirre ob dieses Überangebots an Non-Informationen. Es gibt Videos, die dir erklären, wie man eine Aeropress richtig benutzt! Das ist ein billiger Plastikpömpel, funktioniert wie die French Press (Stempelkanne): Kaffee rein, Wasser drauf, umrühren, kurz ziehen lassen, Pömpel runterdrücken, fertig. Ich meine, okay, die Nachrichten zeigen uns ja, dass inzwischen weltweit mehr auf gefühlte Bildung und Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten oder wenigstens SEO, statt Vermittlung von elementarem Wissen Wert gelegt wird. Hauptsache, die Keywords und Hashtags stimmen und kein Text ist länger als 140 Zeichen, kein Video länger als eine Minute.

Aber was für ein irrer Kult ist das bitte inzwischen? Nach drei Seiten gebe ich erschöpft auf, klicke mit glasigem Blick auf irgend welche Sorten unspektakulärer Barmischungen und mache den Browser zu. Wer hätte gedacht, dass Onlineshopping inzwischen fast so anstrengend ist, wie in der Stadt einzukaufen?

Ich werde berichten.

Kaffeezeiten

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Mir ist nach selbstgemachter Pizza. Ich habe ein Glas passierte Tomaten („aber was ist den Tomaten denn nun passiert?“), Oregano, Knoblauch, Mozzarella, 00 Mehl (kommt nur mir das so vor, oder gibt es das aktuell an jeder Ecke, wo man früher fünf Läden nach abklappern musste?), aber keine Hefe. Ich müsste los, Hefe kaufen, aber, siehe oben, ich geh’ da nicht raus. Jedenfalls nicht für einen Hefewürfel.

Gna.

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Lieblinks:

Herr Buddenbohm sieht einen Tisch. – Delial Sonnenmilch. Ist es nicht irre, wie ein Wort eine Geruchserinnerung auslöst und diese wiederum die Erinnerung an Strandurlaube, wo man teerfleckiges Gedöns sammelte, für einen Tag als Schatz ansah, bevor man es wieder wegwarf. Teerflecken unter den Flipflops, die damals nicht Flipflops sondern einfach nur Cheppels hießen, die einem in den ersten Urlaubstagen die Haut zwischen den Zehen wegscheuerten, bevor das Salzwasser alles heilte und man mit Füßen wie ein Eingeborener knackebraun und verhornt am letzten Tag verwirrt in Socken und Schuhe stieg, weil es wieder nach Hause ging, wie weit weg und unfassbar das auch war.

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Die NY Times hat sich des absurden, wilden Drehs von Mad Max – Fury Road angenommen. Ich hab’ nur den ersten Film gesehen, mit Mel Gibson, auf einer abgenudelten VHS-Kassette bei unserem Bandgitarristen, und war damals von dem Ende so abgestoßen und traumatisiert, dass ich mir den zweiten Teil direkt geschenkt habe. Auch vom dritten Teil kenne ich nur das Musikvideo zu Tina Turners “We don’t need another hero”, das zu MTV-Zeiten 24/7 rauf- und runter lief (und Jahre später schön zitiert wurde von Dr. Dre und Tupac in ihrem “California Love” Video). Die Neuverfilmung bzw. Teil 4 habe ich mir nach Ansehen des Trailers geschenkt; ich verabscheue Gewaltfilme dieser Art, sowas verstört mich nachhaltig. Aber die Entstehungsgeschichte hier liest sich sehr spannend. Die meisten Filme mit absolut irrsinnigen Entstehungsgeschichten sind Filmklassiker, Apocalypse Now, Lawrence of Arabia, Cleopatra, Casablanca … you name it. Als Zuschauer merkt man oft, dass hinter den Kulissen der Wahnsinn tobte, wenn wirkliche Profis am Werk waren, sowohl vor als auch hinter der Kamera, dann ist das Ergebnis in aller Regel sehenswert. Dennoch, es gibt Dinge und Filme, die will ich einfach nicht sehen.

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Hier gibt es Worte, die es nicht gibt.

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Hier ist jemand nach Hong Kong geflogen und beschreibt mal kurz und anschaulich, wie strikt, freundlich und effizient man dort in Zeiten einer globalen Pandemie mit Einreisenden umgeht, während wir hierzulande von Diktatur faseln, weil wir zwei Monate lang nicht zum Friseur dürfen.