Kleiner Rant am Nachmittag

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Tag 167 von 366 – Schönstes Sommerwetter zum Wochenauftakt.

Christian hat einen guten Artikel über Schule und Computer and all that jazz geschrieben. Und ja, es ist kompliziert. Wir leben alle in einer Staffel von The Wire, nur ohne die Drogen und die Waffen. Noch.

Auf Twitter lese ich hingegen nur Geläster über Kritik an LehrerInnen, Tenor: „Macht’s halt besser oder haltet das Maul“, bzw. „jeder war mal in der Schule, also hält sich auch jeder für’n Experten“. Zum ersten Punkt kann ich nur sagen: Nein. Ich muss kein Experte sein um Verbesserungswünsche äußern zu dürfen, ich muss auch nicht kochen können wie Gordon Ramsey um mich über versalzenes, angebranntes Essen beschweren zu dürfen. Kriegt Euren Scheiß auf die Kette, statt Euch darüber zu beschweren, dass wir uns über die miesen Zustände beschweren, die Ihr zumindest zum Teil auch mit zu verantworten habt.

Zum zweiten Punkt möchte ich sagen: Fuck, yeah. 13 Jahre Schulzeit, das ist ziemlich genau ein Viertel meines Lebens, verteilt auf 5 Schulen mit insgesamt rund 20 LehrerInnen … (von der Grundschule bis zum Abi), da kann man schon von einer gewissen Expertise reden. Hätte ich 13 Jahre bei einer Firma gearbeitet, dürfte man wohl mit Fug und Recht erwarten, dass ich von der Branche und den Produkten dieser Firma eine Ahnung hätte und das Produkt beurteilen kann, auch wenn sich inzwischen die Produktionsabläufe geändert haben.

Und ich hab’ noch nicht einmal eigene Kinder; als Mutter schulpflichtiger Kinder hätte ich dann noch einmal deutlich frischere und ausführlichere Erfahrungen, sowohl von den Berichten meiner Kinder her als auch von den regelmäßigen Begegnungen mit den LehrerInnen. Ich habe immerhin ein halbes Dutzend schulpflichtige Kinder im engsten Freundeskreis (gehabt; die letzten haben gerade letztes Jahr Abitur gemacht) und genügend Gespräche mit deren Eltern über dieses Thema. Ich hab’ etwas die Schnauze voll davon, dass man disqualifiziert wird, etwas zum Thema Schule und LehrerInnen zu sagen, nur weil die eigene Schulzeit schon vorbei ist, das ist lächerlich. Die Unterrichtsmethoden mögen teilweise modernisiert worden sein (nicht all zu sehr, wie man liest und sieht und hört), Frontalunterricht ist jetzt verpönt (also, wenn nicht gerade Corona ist) sondern die Lehrkraft schleicht nun durch die Gruppen im Klassenzimmer und die Blagen müssen ihre Referate mit Hilfe von Powerpoint halten (vereinfacht gesagt), aber ansonsten hat sich genau null geändert, es ist alles wie immer:

• Kinder, Eltern und Lehrkräfte werden nach wie vor für politische Zwecke eingesetzt, zum Stimmenfang, als Spielball, zu Experimenten.

• Budgets sind nach wie vor absurd knapp, Improvisation ist gefordert aber gleichzeitig verboten.

Was sich geändert hat: Lehrkräfte sind nun nicht mehr standardmäßig verbeamtet und unkündbar. (Keine Sorge, sie sind immer noch HerrInnen über Wohl und Zukunft des Nachwuchses und können Leben nachhaltig ruinieren.)

Mobbing ist immer noch Alltag, jetzt neu: Besuchen Sie uns im Internet! Stimmen Sie ein in den Spaß geschlossener Facebook- und WhatsApp-Gruppen, in denen über [$KIND] gelästert wird, jenseits jeglichen Zugriffs seitens der Schulen oder Eltern! („Ja, das ist ein sehr ernstes Problem, aber da sind uns leider die Hände gebunden.“)

Für LehrerInnen gilt dasselbe wie für PolizistInnen und PilotInnen: Das ist ein Job, in dem es keine faulen Äpfel geben darf. Und wenn es welche gibt, dann ist es verdammt noch eins die Pflicht des Kollegiums, diese faulen Äpfel rauszuschneiden und sich nicht in falsch verstandenem Corpsgeist hinter sie zu stellen.
Ihr LehrerInnen habt von den vielen hundert oder tausend Kindern in Eurer Berufslaufbahn am Ende vielleicht ein halbes Dutzend in Erinnerung. Jedes Kind hat sein Leben lang jede Lehrkraft präsent, die es im Stich gelassen hat, als es sie am meisten brauchte.

Ich will keine Entschuldigungen mehr lesen oder hören, kein #notallteachers-Gejammer mehr über böse Pauschalverurteilungen in den Medien. Keine bedauerlichen Einzelfälle mehr. Eure Kollegin hat jetzt drei Monate Coronaferien gefeiert und sich in der ganzen Zeit genau einmal bei den Kindern gemeldet, in der Woche vor Ferienbeginn? Raus mit ihr.

Ich will keine Dauerwerbesendung von PolitikerInnen mehr sehen, die das Thema Schule nur entdecken, wenn’s um einen Listenplatz geht. Ich will sehen, was Ihr konkret tut. Was Ihr erreicht habt und welche Wahlversprechen Ihr nicht durchsetzen konntet und warum nicht. Ich will laute Unterhaltungen zwischen den Kultusministerinnen und ihren KollegInnen aus den anderen Miniterien, warum es immer genügend Geld für die Autoindustrie gibt und nie genügend Geld für die Schulen. Ich will, dass der Punkt Bildungsföderalismus zur Diskussion gestellt wird. Ich will eine Erklärung dafür haben, warum LehrerInnen aus eigener Tasche iPads kaufen sollen (die sie nicht steuerlich absetzen können), warum Eltern und Kinder die Klassenräume putzen (nicht: aufräumen oder nach dem Bastelunterricht mal fegen, sondern komplett mit Böden wischen und Fenster putzen) oder gar anstreichen müssen. Ich will wissen, wie es mit der Fortbildung bei LehrerInnen aussieht, denn ich hab’ keine Lust auf Sprüche wie „deine Schulzeit ist 30 Jahre her, du hast keine Ahnung“ wenn sie von jemandem kommen, der oder die seit dem Referendariat 1995 keine Weiterbildungsmaßnahme mehr gemacht hat, warum auch, der Lehrplan steht über Allem, und den kann man im Schlaf runterleiern.

Ich will kein Gestöhne von Eltern mehr lesen müssen, wie lästig der Elternabend ist. Herrje, Ihr seid nicht mehr die coolen Kids, Ihr wart es nie, Ihr seid jetzt die verdammten, Steuern zahlenden Erwachsenen, die etwas ändern könnten, Ihr beeindruckt genau niemanden mit Euren Tweets vom Elternabend, über den Gin & Tonic, den man sich in der Thermoskanne mitbringt, um den Scheißabend zu überbrücken, Euer zur Schau gestellte Desinteresse.

Ich will auch kein Schaulaufen der Muttis mehr, wer die schönsten glutenfreien Muffins zum Adventsbasar mitbringt. Hört auf mit der Scheiße, Ihr habt keine Zeit und keinen Bock, das Zeug zu backen. Niemand mag das Zeug essen. Nutzt die Zeit lieber dafür, den LehrerInnen aufs Dach zu steigen, die die faulen Äpfel decken. Organisiert Euch!

Hört damit auf, Eure Blagen mit dem Range Rover bis vors Klassenzimmer zu fahren und ihnen die vergessenen Turnbeutel hinterherzutragen. Hört damit auf zu protzen, dass Eure Laura und Euer Finn ja gar nicht geübt haben und ihre Einsen mit einem Minimalaufwand eingefahren haben. Fragt Euch lieber, ob das tatsächlich so ist, und bei wie vielen anderen Kindern noch. Auch bei Üzgür und Aische?

Zeigt mal etwas Solidarität statt theatralisch die Augen zu verdrehen, dass Eure Blagen mal wieder im Alleingang den Klassendurchschnitt anheben mussten. Oder fragt Euch, warum und ob das wirklich so gut ist, wenn Kinder offenbar dauerhaft nicht viel lernen müssen, um Einsen einzufahren. Und wenn Ihr tatsächlich so kleine Genies habt, dann verpflichtet sie dazu, Üzgür und Aische bei den Hausaufgaben zu helfen. Und zwar so, dass die LehrerInnen das auch mitkriegen, die Üzgür und Aische maximal eine 3 geben, weil sie halt aus bildungsfernen Familien kommen, so schade. Bringt die faulen Äpfel in Erklärungsnöte.

Oh, Ihr habt gar keinen Üzgür und keine Aische in der Klasse? Warum nicht? Glaubt Ihr wirklich, eine Klassenpatenschaft für eine Schule in Uganda oder Nepal, vermittelt von irgend einer dubiosen „christlichen“ Organisation, gibt irgendwelche Karmapunkte, wenn zwei Stadtteile weiter Kinder vielleicht fließend Wasser haben, aber nicht fließend Deutsch sprechen lernen? Vielleicht ist der Schulaustausch mit Neuseeland nicht so wichtig wie ein Schulaustausch mit einem Kaff in Brandenburg? Die Projektwoche in der Toskana oder Skifahrt zum Arlberg für die Völkerverständigung nicht so hilfreich wie eine Reise nach Litauen oder Bulgarien?

Hört auf zu jammern. Alle. Macht was! „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist kein valides Argument, weder in der Schule noch im Berufsleben. Sagt mir, was Ihr von uns erwartet, die wir keine Kinder haben, aber ein gesundes Interesse daran, dass wir hierzulande nicht so verblöden wie z.B. die USA es schon sind, weil wir unseren Fokus auf die falschen Götzen legen. Aber sagt mir nie wieder, ich hätte keine Ahnung von den Details und sollte mich mit Kritik zurückhalten. Ich brauche keine Details. Ich sehe die Ergebnisse und die stinken zum Himmel.