#kunstderwoche: Ein Bild für Frau Novemberregen

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Tag 80 von 366 – Frau Direktorin Novemberregen hat Probleme mit Bildern und bittet ihre Timeline, ihr jede Woche ein Bild vorzustellen. Ich schreibe hier gern etwas zu Henri Rousseaus „Schlafende Zigeunerin“ (La Bohémienne endormie, 1897), denn das ist eines meiner liebsten Bilder. Da die urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen und das Bild public domain, also gemeinfrei ist, darf ich es hier oben zeigen, was ich sehr gerne tue. Ich hatte sogar schon ein paar Male die immer genutzte Gelegenheit, es live zu sehen, es hängt im MoMa in New York, ist überraschend groß (ca. 1,30 m x 2,00 m) und ich gäbe sonst etwas darum, es einmal hier in Hamburg z.B. anlässlich einer Wanderausstellung in der Kunsthalle sehen zu können. Ich wäre jeden Tag dort.

Ich möchte das Bild und den Künstler hier gar nicht groß kunsthistorisch auseinandernehmen, too much information ist nicht gut bei Dingen, die man liebt oder gerade erst kennenlernt und ich denke, das ist auch nicht interessant für Frau Novemberregen. Ich erzähle einfach, warum es mir so gut gefällt, oder was ich dachte, als ich es als Kind das erste Mal betrachtete.

Es ist recht leer: Wüste, Himmel, Löwe, Frau, Krug und Laute, das ist es im Großen und Ganzen. Die Farben sind alle recht warm, allen voran das dominante Blau des Himmels, obwohl es nachts ja kalt ist in der Wüste (das hat mich als Kind kirre gemacht, „das weiß man doch, nachts ist es in der Wüste eiskalt!“). Aber hier ist nichts kalt, trotz der Leere. Die Frau lächelt im Schlaf, sie ist sicher erschöpft von der Wanderung, sie hat geschwollene Füße und sich mit dem irdenen Wasserkrug und sogar einem Musikinstrument abgeschleppt. Aber sie träumt etwas Schönes, glaube ich. Vielleicht träumt sie den Löwen ja auch nur? Der ist kein bisschen bedrohlich, obwohl er über ihr steht und sie beschnuppert (etwas, was auch die coolsten unter uns wohl nervös machen würde). Als Zuschauerin weiß ich einfach, dass er ihr jedenfalls nichts tun wird. Vielleicht beschützt er ihren Schlaf? Vielleicht würde er sie tagsüber sogar fressen, aber nachts gelten andere Gesetze, erst recht bei Vollmond, und der Schlaf ist auch ihm heilig.

Das Bild zählt wahlweise zur Naiven Malerei oder zum Post-Impressionismus, es ist jedenfalls so ziemlich alles daran falsch, was man falsch machen kann, wenn man etwas realistisch abbilden will. Die Perspektive stimmt vorn und hinten nicht, die Proportionen schon gar nicht, die Gewandfalten sind nonexistent, von der Anatomie will ich gar nicht erst anfangen. Rousseau konnte offensichtlich nicht malen, wenn wir seine Werke mal mit denen der berühmte Renaissancemaler vergleichen oder „malen können“ mit einem Anspruch auf Realismus gleichsetzen. Und doch wage ich zu sagen, dass gerade die vielen, zum Haare raufenden Fehler hier den Charme ausmachen, wenn nicht sogar die Voraussetzung dafür sind, diese Idylle abzubilden.

Ich habe mich als Kind gefragt, wie sie das ganze Geraffel bloß mitgeschleppt hat, so rein logistisch betrachtet. Eine Hand stützt sich auf den Wanderstab, die andere trägt den Wasserkrug, ob sie sich die Laute wohl umgehängt hat? Wahrscheinlich. Warum sie eine Laute mitschleppt, die Frage habe ich mir hingegen nie gestellt. Natürlich, weil sie Musik machen will! Alles geht besser mit Musik. Welche Lieder sie wohl spielt? Und vielleicht ist ihr der Löwe gefolgt, weil er mehr davon hören möchte?

Das Bild lässt mich mit mehr Fragen als Antworten zurück, regt meine Fantasie an, ich kann es stundenlang betrachten und werde es nicht leid.