Land of Confusion

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Heulen und Zähneklappern, wohin das Auge reicht. Ich kann mich nicht mehr groß über Trumps Wahlsieg echauffieren und vielleicht ist das auch eine Altersfrage. Mir kam heute irgendwo zwischen zwei Abschnitten eines Marketingkurses, den ich gerade referiere, der Gedanke, dass ich als Kind des Kalten Kriegs – bzw. besser gesagt: meine ganze Generation der allerletzten Babyboomer, die der vor 1970 geborenen – vielleicht genauso unter posttraumatischen Störungen leide wie die Veteranen eines heißen Krieges.

Als ich auf die Welt kam, war die Zeit der oberirdischen Atomtests in der Wüste Nevadas, französisch-Polynesien und Gegenden in der UdSSR, die ich heute noch Schwierigkeiten hätte, fehlerfrei auf der Karte zu benennen. Meine Mutter ist so ziemlich der positivste Mensch, den ich kenne und hat den letzten heißen Krieg auf deutschem Boden als Kleinkind erlebt. Neulich sagte sie mir, sie habe sich immer Kinder gewünscht (und ich war fraglos ein absolutes Wunschkind), aber sie hat sich damals schon gefragt, ob es nicht unverantwortlich sei, welche in die Welt zu setzen.

Diese albernen Übungen, bei denen Kinder zum Sirenenklang des Atomalarms unter die Tische kriechen und die Arme überm Kopf verschränken müssen, die habe ich nicht mehr erlebt, das kennen wohl aber noch die Mitte/Ende der 50er Jahre geborenen Leute hierzulande und auch in den USA. Aber die beständige Gefahr durch diesen komischen Schauspieler, der US-Präsident geworden war und bei Mikrofontests witzelte, „der Angriff würde in 5 Minuten beginnen“, die schwebte über meiner Jugend wie ein Damoklesschwert. Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs sahen die Generale und Kremlbewohner aus wie aus einer Science Fiction Serie, die unter noch ärgeren Sparzwängen zu leiden hatte als „Raumpatrouille Orion“. Schlechtsitzende Uniformen, viel zu große Hüte, Monobraue, keiner von den Brezhnevs, Andropovs oder Schewardnadses sah nicht so aus, als würde er künstlich beatmet oder morgens von Hand neu aufgezogen.

In den Kinos lief When The Wind Blows, War Games und The Day After, die Stallone-Kracher Rocky IV, Rambo II und III (der erste Teil war in der Tat anders und nicht vergleichbar), es gab ein ganzen Genre, das sich dem Thema Postapokalypse verschrieben hatte, angefangen mit no budget Filmen wie Mad Max und Terminator, bis hin zu offen militaristischer Propaganda wie Red Dawn. Nachdem Top Gun in den Kinos lief, wollte jeder zweite Junge aus meiner Klasse Marineflieger werden, kein Witz.

Faschistoides Design war groß im Geschäft (z.B. von Grafikdesignpapst Neville Brody für die Trendpostille The Face, dessen platter deutscher Abklatsch Tempo nie auch nur annähernd die Qualität des Originals erreichte und heute hauptsächlich noch wegen Maxim Billers „100 Zeilen Hass“ in Erinnerung ist) und als Sting seinen Titel Russians veröffentlichte, den einzigen Missgriff auf seinem sonst musikalisch über alle Zweifel erhabenen Solodeutalbum, mit der Zeile „I hope the Russians love their children, too“, da haben wir nicht gelacht sondern gedacht ‚Himmel, ja. Hoffentlich.’ Der Pathos war rückblickend irre, an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Aber wir haben ihn gefühlt, egal ob wir musikalisch auf Seiten Stings, Billy Braggs oder – Grundgütiger! – Genesis’ standen.

Tchernobyl war nach Sellafield und Three Mile Island bwz. Harrisburg der Störfall, der alle unsere Befürchtungen wahr werden ließ, der wortwörtliche Super-GAU. Diese Angst vorm Ende der Welt, wie wir sie kannten – ich würde mich nicht gut dabei fühlen, das stand mal fest. Es gab genügend „Zwischenfälle“, die jederzeit den 3. Weltkrieg auslösen konnten: Der Falklandkrieg, Bomben auf Tripolis, Mathias Rust landet auf dem Roten Platz, der Abschuss von Korean Airlines 007, der Fall der Mauer letztlich … es ist alles gut gegangen wie wir wissen, aber das war nicht abzusehen.

Ich war 17 und hatte die Hosen zwischen 1980 und 1989 gestrichen voll, auch wenn es mir damals vielleicht nicht so bewusst war. Und das prägt. Wenn man ein Jahrzehnt unterschwellig immer mit dem Schlimmsten rechnet, legt man sich einen gewissen Fatalismus zu. Und so bin ich natürlich schockiert über die Wahl Trumps, allerdings nicht wirklich überrascht. Teile meiner Filterblase, von der die überwiegende Mehrheit zehn Jahre und mehr jünger ist als ich und den Kalten krieg nur noch aus Erzählungen kennt, sitzen gerade heulend unter ihren Betten und denken omeingottwirwerdenallesterben! Ich weiß, wie Ihr Euch fühlt. Aber ich möchte Euch auch sagen: Habt Mut, das Leben geht weiter. Wir haben einen Narzissten im Weißen Haus und der Kongress ist keine Rettung und der Supreme Court auch nicht, Europa zerlegt sich selbst, die CDU/CSU und selbst die SPD out-AfD’t die AfD, der Kalte Krieg 2.0 ist im vollen Gange, wir leben in einem Frederick Forsyth Roman – aber wir werden es gemeinsam überstehen, mit Humor, mit gegenseitiger Liebe und Toleranz und indem wir uns helfen und beistehen. Denn alles andere, als daran zu glauben, ist das Ticket in die Psychose.