Meine Tweeties

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Tag 45 von 366. – Ich frage mich oft, was mich nach bald 13 Jahren auf Twitter eigentlich noch dort hält. Ich kriege statt lustiger Wortspiele und cleverer oneliner fast nur noch Politik in die Timeline gespült, oft Mutticontent oder absurde und hitzige Debatten über aktuelle non issues und in jedem siebten Ei Tweet ist Werbung für Dinge, die mich null interessieren oder die ich gar downright offensive finde. (Hier beliebigen Witz über Künstliche Intelligenz und Algorithmen einfügen.) Wenn ich bislang hier im Blog über Twitter geschrieben habe, dann meist über das, was mich daran nervt.

Und doch.

Ich folge nicht vielen Accounts, nur noch etwa 300 (ich war mal bei über 500, aber das war mir von der Schlagzahl her zu stressig, einfach viel zu viel Geräusch). Davon sind etwa ein Drittel internationale Künstler und Illustratorinnen und Verlagsaccounts. Das zweite Drittel sind Leute, die irgendwie schon immer da waren. Zu Forumszeiten in den 90ern, zu Bloganfangszeiten um die Jahrtausendwende, ein paar handverlesene ehemalige KollegInnen aus Firmen, in denen ich mal gearbeitet habe oder von Projekten, für die ich mal gebucht war. Das letzte Drittel sind Leute, die mir irgendwann retweeted wurden und deren Tweets ich meist interessant finde, oder die ich offline mal auf einem Event kennengelernt habe. Viele sind nur stille Mitleser.

Mein Twitterfeed ist eine bunte Mischung, nicht wenige unter den Protagonisten sind inzwischen auch KundInnen bei mir, allerdings bei Weitem nicht alle. Es sind Angestellte, Freiberufler, Arbeitgeber und Führungskräfte, Arbeitslose, Hausfrauen (die Männer sind natürlich mitgemeint), Motorradfans, Fahrradfans, Formel 1 Fans, Laienbahnfahrerinnen und Bahnprofis. Menschen vom Land, Kleinstädterinnen, Prenzelbergschwaben, Elbletten und St. Paulianer. Leute mit Kindern und solche mit Katzen, Wellensittichen, Kaninchen, Hamstern, Hunden, Pferden. Da gibt’s Ossis und Wessis, New Yorker und Angelinos, Pastorinnen genau wie „Weihnachtschristen“ oder flammende Atheisten. Die meisten lesen gern und viel, nicht wenige schreiben oder illustrieren selbst Bücher, oft hauptberuflich. Waldorfkindergarten- und Zuckerkügelchenfans treffen auf leidenschaftliche Impfbefürworter und Mediziner. Militante Veganer sind darunter, und Leute, die jeden Abend Grillparty haben und ein T-Bone-Steak in die Kamera halten. Es gibt LBGTQetc Aktivist*en und Leute, die mit alternative lifestyles nicht viel anfangen können. Der sich politisch äußernde Teil ist Traditions-SPDler, links, oder aber wählt grün oder „Die Partei“, in den USA die Demokraten, in UK Labour. Doch auch diejenigen, die ich im Geiste mehr so bei der FDP oder CDU/CSU verorten würde, sind ehrlich angewidert von Braunblau und dem weltweiten Trend zum Nationalistentum. Allen gemeinsam ist: Sie sind authentisch und ganz normale Menschen.

Ich mag diese Mischung. Einige können sich untereinander nicht ausstehen und blocken sich, das ist okay. Ich mag auch nicht alles von allen lesen, mir sind manche zu reaktionär und andere zu anarcho, das bin ich für viele da draußen auch, lustigerweise gleichzeitig … ich wurde schon als linksgrünversiffte Schneeflocke beschimpft und stehe auf Blocklisten mit Naziaccounts, also scheine ich irgendwas richtig zu machen. Ich folge z.B. dem Herrn vom Tegernsee, hauptsächlich wegen der Fotos und Geschichten über seine Fahrradlieben und Mille Miglia Oldtimer, man könnte sagen „ich lese ihn ja nur wegen des Sportteils“, und dabei bin ich bekennende Fahrrad(fahrer)hasserin. Aber ich erkenne echte Leidenschaft, wenn ich sie sehe, da springt ein Funke über. Ich weiß zufällig auch, dass er ein gutes Herz hat und sehr großzügig ist und wenn er gern provoziert und Heuchlerixe aller Parteien auf den Pott setzt und mich gelegentlich damit zur Weißglut bringt … ja nun. Ich folge z.B. dem Herrn aus Kiel, weil ich ihn hinreißend unterhaltsam finde und so dermaßen schräg, er bringt mich mindestens einmal am Tag zum Lachen und seine Marbella-Angeberinstagramstories und dumme-Jungs-Sprüche sind oft einfach zu komisch. Ich weiß zufällig auch, dass er ein gutes Herz hat und sehr großzügig ist und wenn er ein bisschen zu sehr und zu laut auf die Sahne haut und den Dicken macht und mich gelegentlich zum Fremdschämen bringt … ja nun.

Ich muss nicht über jedes Stöckchen springen, das mir hingehalten wird. Und auch in meinem Bücherregal stehen AutorInnen friedlich nebeneinander, die sich gegenseitig nicht ausstehen konnten oder können, und von denen ich wahrlich nicht jedes Buch mag, aber an denen ich bestimmte Werke oder auch nur ihre Sprache schätze.

So, wie ich Künstler und Werk gut trennen kann (denn, ganz ehrlich, wenn man das nicht kann, wird man nur sehr, sehr wenig Freude an seiner Bibliothek, Videothek, Musiksammlung oder einem Museumsbesuch haben …), finde ich auch bei Twitter an fast jedem Account irgend etwas sehr klasse und irgend etwas eher ärgerlich. Ich kann das recht genau bei jedem einzelnen Account benennen und mich auf die in meinen Augen positiven Aspekte fokussieren und die für mich ärgerlichen augenrollend ausblenden, jedenfalls meistens. Und ich denke mal, es geht vielen mit mir umgekehrt nicht anders. Ich polarisiere auch. Und viele können nicht so gut mit diesem Facettenreichtum umgehen. Das ist okay, jeder setzt für sich andere Schwerpunkte und unverhandelbare Grenzen. Aber die Welt ist nicht schwarz oder weiß, es gibt eine Menge Grautöne dazwischen. Oder Regenbogenfarben. Und je älter ich werde, desto mehr Farben nehme ich wahr. Schubladen sind was für Socken.

Es gibt keinen Account in meiner „Liste der Verfolgten“, den ich nicht aus Ärger über einen Tweet mindestens einmal für eine Weile stumm geschaltet habe oder den ich nicht zwischendurch einmal entfolgt habe, bevor ich wieder zurückkehrte. Ich lasse mich leicht provozieren, aber das muss ja auch nichts Schlechtes sein. Wenn man sich z.B. zum Nachdenken provozieren lässt und nicht zu Gewalttaten. Und wenn mich einer so nachhaltig geärgert hat, dass ich „alles anzünden“ will, dann gucke ich lange und hart in den Spiegel und frage mich, auf welchen Knopf er oder sie gedrückt hat, und woran ich jetzt bei mir arbeiten muss. Ich bin wütend, aber letztlich dankbar. Ich nehme das als Chance, gelassener zu werden oder auch mal meine eigenen oft starrren Ansichten zu überprüfen und komme dabei oft zu überraschenden Ergebnissen. Oft ist es nur die Erkenntnis: Manche Tweets sind halt einfach nicht für mich bestimmt. Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.

Was ich also eigentlich sagen wollte: Ich <3 Euch alle, Ihr Tröten. Ein bisschen. Meistens jedenfalls. Namaste, motherfuckers!