Meine zwo cent

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Es ist ja ganz nett, dass jetzt doch mal gelegentlich die eine oder andere Stimme zur Introspektion aufruft und sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass man mit zynischen Witzen vom hohen Ross aus zwar in der eigenen, kleinen, engen Filterblase punkten kann, aber am Ende der Arschtritt der Verachteten nur umso mehr weh tut.

Ich habe bis heute nicht kapiert, worauf die linke Intelligenzia ihre Überheblichkeit eigentlich stützt. Vereinfacht gesagt, sitzt sie doch exakt im selben Boot wie der White Trash, der weiße Abfall aus den Industriebrachen Dunkeldeutschlands, des US-Rostgürtels und den „Flyover-States“, den unterminierten Hügeln Englands und Wales’, den Gassen Neapels, den Trabantentädten Frankreichs.

Die „Wir nennen es Arbeit“-Romantiker, zumeist Akademiker aus dem, was wir in der Schule „Laberfächer“ nannten, bei denen es mehr auf Meinungen denn auf Fakten ankam, die Soziologie, Psychologie und Gendergedöns studiert haben oder mit ihren Macbooks im Café sitzen, Erdnussflips ironisch essen und sich ihr mehr oder weniger freiwillig minimalistisches Leben schönsaufen, die sind doch genauso betroffen von den negativen Auswirkungen der Globalisierung.

Akademiker an Universitäten kriegen schon lange keine festen Stellen mehr sondern halten sich mit drei Jobs über Wasser, denn niemand braucht Geisteswissenschaftler, danke der Nachfrage. Genauso wenig wie man noch Bergleute, Weber, KfZ-Mechaniker oder Setzer braucht. Das sind alles Berufe aus dem vorletzten Jahrhundert, hinweggefegt von der 1. und 2. industriellen und digitalen Revolution, Heerscharen von Menschen, die ehemals mit einem einzigen Einkommen als Busfahrer, Bäcker, Postbote oder Polizist eine Familie ernähren und sich ein Häuschen bauen konnten.

Sie wurden wegrationalisiert und anschliessend entwürdigt und verarscht von den Sozialdemokraten unter Führung von Gazprom-Gerd. Die SPD und Grünen haben sich getraut, das durchzusetzen, was nicht einmal FDP, CDU oder CSU in dieser Gnadenlosigkeit gewagt hätten: Die de facto Abschaffung des Sozialstaats. In den USA waren es die Clintons, die die Grundlage für die Trump-Wähler geschaffen haben. Ganz ehrlich? Wenn die SPD bei der Bundestagswahl 2017 mehr als 15% der Stimmen bekäme, wäre ich sehr enttäuscht.

Ja, das ist etwas vereinfacht dargestellt, ja dazu kann man noch viel mehr sagen und schreiben und von Hündsken auf Stöcksken kommen, aber wozu? Der Drops ist gelutscht, das Undenkbare, das ganz offensichtlich von genügend Menschen gedacht wird, denen die selbsternannten Denker jeden Landes die Fähigkeit oder das Recht zum Selberdenken absprechen, ist eingetreten.

Was ebenfalls sehr deutlich wurde: Journalisten, Welterklärer, Torwächter in der Form, wie sie aktuell von den Medienunternehmen beschäftigt werden, braucht auch kein Mensch mehr. Die können ganz offensichtlich weder Fakten einordnen noch Stimmungen lesen. Das kann alles weg. Alles schreit nach Programmierern, bzw. „Entwicklern“ oder „Software Ingenieuren“, wie man sie nennt, wenn man sie braucht. Aber auch die vergammeln noch schneller als ein Joghurt in der Sonne, deren Wissen hat zero Halbwertszeit, ein Gutteil ihrer Arbeit besteht ohnehin darin, sich selbst überflüssig zu machen.

Die Globalisierung hat uns reichen weißen Menschen der Nordhalbkugel für eine ganze Weile einige nette Dinge beschert und ansonsten dem Planeten den Tritt gegeben, mit dem die Lawine den Abhang hinunterrast. Neokapitalismus, Neoliberalismus, Neodingsbums … alles egal. Wie man es nennt: Wir schaffen uns ab.

Die klassische Linke in ihrem Elfenbeinturm, die in den Städten wohnt und sich als quasi-Hüterin der Moral und des Rechts begreift, die auf Twitter die spitzesten Formulierungen, die schärfsten Zungen, die zynischsten Kracher raushaut, Kolumnen schreibt und es für würdig hält, in Stein gemeißelt (oder wenigstens in der SZ zitiert) zu werden, sie zeigt angewidert mit dem Finger auf die Wählerschaft von Trump, AfD, Front National, UKIP, Lega Nord und wie sie noch alle heißen, die rechten und jenseits von Rechts formierten Gruppierungen zwischen Moskau und Dublin, Oslo und Ankara.

Sie halten ihre hehren, gebildeten Gefühle für die einzig akzeptablen, lachen über die Landeier, Ossis, Dunkeldeutschen, anatolischen Bauern, Balkanspacken. Sie sind erschrocken und empört wenn rechtsnationale Einzeltäter Attentate verüben, rasend schnell mit Hitlervergleichen bei der Hand, wenn jemand CDU wählt und merken gar nicht, was sie da gerade tun.

Selbst jetzt noch bagatellisieren, verharmlosen sie die Ohrfeige vom Mittwoch: „Eine Stimme gegen Hillary ist eine Stimme gegen Frauen!!einself!“ – Nein, ist und war es nicht. Hillary ist ein massiver Teil des Problems und das seit Jahrzehnten, sie kann nicht für eine Lösung stehen, sie ist verlogen und korrupt, sie hat die echte Alternative Bernie Sanders durch Tricks, Mauscheleien und Hinterlist aus den Vorwahlen gedrängt. Hillary ging einfach ganz und gar überhaupt nicht, und dass die Linke und die Feminismusblase hier und anderswo ernsthaft glaubt, eine Vagina sei ein echtes Wahlkriterium, das zeigt schon, wie bekloppt und merkbefreit die sind.

Eine Frau an der Spitze eines Landes gab und gibt es seit Ewigkeiten in großen und kleinen, wichtigen und nicht so wichtigen Ländern, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Was haben denn Indira Ghandi, Benazir Bhutto, Margaret Thatcher, Angela Merkel, Theresa May, Vigdís Finnbogadóttir, Isabel Péron und alle anderen weiblichen Stattsoberhäupter gemeinsam? Eine Frau an der Spitze einer Regierung ist kein Qualitätskriterium per se und diese Frau hier war’s schon mal gleich überhaupt nicht. Das haben die Wähler da drüben kapiert und quittiert. Sie wurden sozusagen getriggert, man könnte drüber lachen, wenn es nicht so zum Weinen wäre.

Ach so, Trump ist viel schlimmer? Mag sein, aber das ist egal. Trump stand für Veränderung und er war unterhaltsam dabei. Wenn Hillary für eines nicht steht, dann für Veränderung, und dass sie sympathisch rüberkäme oder auch nur unterhaltsam erzählen könnte, das kann man auch nicht behaupten. Und wenn dein Leben so im Arsch ist und du null Hoffnung mehr hast, es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann, denn du kannst deine Hypothek nicht mehr bedienen, in deiner Gegend gibt’s keine Arbeit mehr, deine Kinder kommen nie aufs College, dein Auto kannst du dir auch langsam nicht mehr leisten, deine Meinung ist nichts wert und wird nicht gehört oder ins Lächerliche gezogen, dann wehrst du dich mit dem letzten, dir noch verbliebenen legalen Mittel vor dem Amoklauf oder Selbstmord: Deiner Stimme in der Wahlkabine.

Ich habe Michael Moores “Trumpland” Film geschaut und die ganze Zeit nur gedacht: Was für ein Idiot. Steht da vorne, sülzt rum von „wir können doch über alle und jeden etwas Nettes sagen, kommt Leute, sagt doch mal was“ und vergisst dabei ganz, dass er selbst Jahrzehnte lang genau diese Leute beleidigt und sich über sie lustig gemacht hat, die er nun anfleht, doch Hillarys Lebenswerk zu würdigen. Und diese Bauerntrampel lehnen sich zurück, lassen ihn herumhampeln und gehen anschliessend hin und wählen Trump. Denn ihr eigenes Lebenswerk ist ihnen dann doch etwas wichtiger als das Hillarys, und das ist nicht zuletzt deshalb am kippen, weil Hillarys Lebenswerk eben daraus besteht, das der Ihren zu ruinieren. Der beste Teil des Films war der, in dem er erläutert, warum Trump Fans hat, und der ist ironischerweise ja auch viral sehr steil gegangen (siehe Video hier oben).

Ich denke, das sind in der überwiegenden Mehrheit auch keine Nazis, Rassisten, Sexisten und was es sonst noch so für -ismen gibt, die den Mann gewählt haben. Das sind Menschen, denen schlicht das Hemd näher als die Jacke ist. Und bei uns ist es nicht viel anders: Sie sind weltweit seit rund 40 Jahren trotz harter Arbeit auf dem immer schneller absteigenden Ast und wissen, dass ihnen diese Talfahrt hierzulande in erster Linie die Sozialdemokraten beschert haben, die für alle Minderheiten ein Herz und großzügige Programme haben, ganz besonders für die eigenen Tasche, nur nicht für die künftige Minderheit – die der weißen Mittelschichtklasse. Die SPD vertritt seit Ewigkeiten keine Arbeiter mehr.

Diese Wähler – drüben wie hierzulande – sind diese Leute, die immer von einem Gehalt als Busfahrer, Postbote, Polizist oder Lehrer leben konnten und sich vielleicht sogar den Traum vom eigenen Haus erfüllen konnten, für das sie nun – dank Goldman Sachs & Co. die Raten nicht mehr zahlen können, während Hillary sechsstellige Summen für ihre Vorträge vor diesen Läden einstreicht, von denen sie aus gutem Grund nicht wollte, dass sie publik wurden und Schröder sich von Putin den Lebensabend vergolden lässt.

Das geht nun alles schon eine ganze Weile nicht mehr gut, und gleichzeitig sehen diese Menschen in den USA, wie Leute mit anderer Hautfarbe dank “affirmative action” Programmen auf der Überholspur in ihre Safe Spaces in den Colleges sind, die sie selbst niemals für ihre Kinder bezahlen könnten, dass Frauen hierzulande „bei gleicher Eignung bevorzugt“ eingestellt werden, dass jeweils zwei bis drei McJobs von zwei Eheleuten hüben wie drüben nicht zu dem Leben reichen, das ihre Eltern führten und dass der schöne Parkplatz direkt vorm Einkaufszentrum in der Mitte von Kansas nicht für ihren klapprigen, zehn Jahre alten Truck sondern für den Quotenbehinderten des Dorfs reserviert ist, der nun dank Obamacare einen funkelnden Elektrorollstuhl hat (während ihre Krankenkassenprämien von monatlich 800 Dollar auf 1800 Dollar gestiegen sind).

Sich für Schwächere stark zu machen, das funktioniert nur so lange, wie man selbst keine Hilfe braucht. Tut weh, aber ist so. Gibt es rassistische Übergriffe, hässliche Attacken gegen LGBetc…-Menschen, Übergriffe gegen Muslima? Ja. Sind die entschuldbar? Natürlich nicht. Aber wann habt Ihr das letzte Mal die Meinung geändert, weil man Euch als Nazis oder Idioten beschimpft hat? Ach so, Hass ist keine Meinung. Ja, dann … brauchen wir ja auch nicht mehr miteinander reden, oder? Ist ja alles gesagt. Ich gut, du doof, hugh, ich habe gesprochen.

Ich habe in den letzten Monaten keinen einzigen Beitrag eines anders denkenden Menschen, eines “Trumpianers”, in meinen Facebookmeldungen gehabt. Und dabei weiß ich von mindestens einem Menschen unter meinen in den USA lebenden Freunden und Bekannten dort, dass er politisch rechts von Attila dem Hunnen steht, Ex-Soldat und Militarist ist, schießgeiles NRA-Mitglied, Jäger, Sportschütze und mehr noch als Trump-Fan ein Hillary-Hater. Ein Rassist ist er nicht, sexistisch nicht mehr oder weniger als alle meine anderen männlichen Freunde auch. Um seine Beiträge zu sehen, musste ich dezidiert auf seine Profilseite gehen. Ich habe ihn nicht entfreundet, auch wenn ich mehrmals dicht daran war. Denn er ist eben nicht nur all das, sondern auch ein Mensch, den ich sehr nett finde und vor 30 Jahren als witzigen und herzensguten Menschen kennengelernt habe. Ich setze lieber auf den Dialog, und auf unsere Gemeinsamkeiten. Ich hoffe, zu überzeugen, und wenn ich das nicht kann, dann kann ich am Ende immer noch sagen: Wir können Freunde sein, weil uns mehr verbindet als uns trennt. Meine Welt ist nicht schwarz-weiß.

Aber es ist ein massives Problem, dass wir uns nur noch in unseren Filterblasen bewegen und Facebook & Co. entscheiden, welche Inhalte wir von den Menschen sehen, mit denen wir verbunden sind. Niemand kennt jemanden, der Trump gewählt hat, also geht man auf die Straße und protestiert. Und hätte Trump verloren, hätten seine Wähler mit demselben Recht protestiert – sie wissen um die theoretische Möglichkeit, dass es Hillaryanhänger da draußen geben muss, aber sie kennen und sehen tagein, tagaus halt nur Trumpfans.

Dass wir jetzt teilweise aufwachen und feststellen: Wir sollten wohl mal das Sofa und das Internet verlassen und da draußen mit „dem Gegner“ sprechen, das ist das eine. Aber das nützt auch nur so lange etwas, wie die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich dramatisch verändern, und zwar in Richtung einer leistungsgerechten Bezahlung für echte Arbeit, einer Besteuerung von Firmen und großen Vermögen, einer Rücknahme der Agenda 2010 und der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Das wird nicht passieren. Und dann?

Sehr lesenswert in diesen Zusammenhang: “How Half Of America Lost Its F**king Mind” und der wunderbare Rant des Reporters Jonathan Pie (einer Kunstfigur):

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