Mit Gefühl

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Tag 190 von 366 – Nachtrag zu gestern:

Es hat etwa eine Stunde gedauert und war eine gute Übung: Handlungen, die man selbst ohne Nachzudenken tut, so zu formulieren, dass jemand, die zum ersten Mal selbst einen neuen Computer einrichtet (den ersten neuen Computer seit 1999 und ja, so hab’ ich auch geguckt) versteht, wie es gemacht wird. Wer jemals eine Gebrauchsanweisung getextet hat, weiß, wie schwierig das ist. Und ich glaube, mir ist hier mal wieder die Dose mit den Kommas aus der Hand gerutscht, aber dazu zitiere ich mal diesen Tweet:

(Heißt es wirklich Kommata, oder kann man inzwischen auch Kommas sagen? Ich hatte nur Asterix-Latein.)

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Ansonsten gemalt, noch eine Waschmaschine vor den Ferien laufen lassen und aufgehängt, und am Omafiets ein wenig geschraubt und geputzt. Das Omafiets (oder doch Bärenfiets? Da bin ich noch etwas unschlüssig) ist eine rund 40 Jahre alte Koninklijke (Königliche) Gazelle, ein schwarzes Hollandrad, das ich mir unlängst für einen ziemlichen Spottpreis gebraucht gekauft habe; offenbar ist der Markt für über 20 kg schwere, originale Hollandräder mit Stempel- und Rücktrittbremse und ohne Gangschaltung oder Elektrounterstützung kein Verkäufermarkt. Die E-bike-Fernostkopien im look and feel des Originals gehen hingegen wohl ganz gut. Und warum das Teil Gazelle heißt wissen die Götter, „Elefant“ wäre treffender. Aber gut.

Ich habe den schönen Brooks-Sattel gefettet, das Birnchen in der Vorderlampe ersetzt und mir dabei fast den Finger abgesäbelt und danach erst mal eine halbe Stunde meine Luftpumpe gesucht, um die Reifen etwas aufzufüllen. Ansonsten ist es schon sehr lustig, wenn man bis dato immer nur Rennrad bzw. Randonneuse mit Schnellspannern an Sattel und Laufrädern fuhr, und jetzt erst einmal gucken muss, wo man den passenden Maulschlüssel herbekommt oder ob’s auch die Klempnerzange sein darf.

Wenn ich wieder zurück bin, hole ich mir einen schönen Bäckerkorb für den vorderen Gepäckträger und einen neuen Poncho, vielleicht noch eine zweite Lampe und dann bin ich wieder mobil – ohne Rückenschmerzen und ohne Genervtsein von Stadträdern, die nie zur Verfügung stehen, wenn man sie braucht und die aufzeichnen und weiß der Himmel wem alles detailliert Auskunft darüber erteilt, wann man wohin gefahren ist und welche Strecke dafür genommen hat. Datenschutz fängt ja im Kleinen an.

Die Strecke von mir zu Mama Bär hat rund 16 km (schnellster Weg) bzw. 18 km (hübschester Weg, den ich natürlich immer nehme) und dauert worst case rund eine Stunde bei gemütlicher Fahrt bzw. anderthalb zurück, denn da geht’s viel bergauf und das Omafiets hat nur einen Gang. Es geht auch schneller, aber die Strecke hat natürlich Abschnitte mit hunderten von Touristen, die das Konzept Fahrradweg nicht kapieren und darauf stehen bleiben, um die Alster, den Hafen, den Michel, die Speicherstadt, die Elbe, die Kräne, den Fischmarkt, die Schiffe, den Strand, die Kapitänshäuser in Övelgönne, den Teufel, das Airbuswerk, das Hotel Jacob mit der Liebermannterrasse zu fotografieren. Wäre ich auf dem Rennrad bzw. der Randonneuse oder selbst dem gemieteten Stadtrad unterwegs, würde mich das nerven. Auf dem Bärenfiets hingegen sitzt es sich so gemütlich, dass mir jeden Meter bewusst ist, dass ich in der schönsten Stadt der Welt, oder jedenfalls Deutschlands bin und dort wohne, wo andere Urlaub machen. Eine Gazelle zu fahren, das entspannt. Und die Klingel klingt so hübsch, da fühlt sich niemand von bedrängt.

Was auch recht entspannend ist: Dass sich die Fahrradwegesituation dramatisch verbessert hat mit den Jahren. Es gibt auf meiner gewählten Strecke nur noch drei eher unübersichtliche Punkte, an denen nicht so ganz klar ist, wo und wie der Radweg denn nun weiter verläuft. Ansonsten war das sehr entspanntes Reisen, von den erwähnten Touristenherden abgesehen.

Ich bin seit jeher passionierte Fussgängerin. Wer hier schon länger mitliest, weiß um meinen Rochus auf Radfahrer, der durch jahrzehntelange Erfahrung mit auf-dem-Gehweg-radelnden Rambos und zwei Unfälle mit Fahrerflucht genährt wurde, bei denen ich den Kürzeren zog. Der Fehler liegt nur halb in der zunehmend egoistischen „Ich! Ich! Ich!“-Gesellschaft, sondern natürlich auch in der verfehlten Verkehrspolitik der Kommunen: Wenn alles auf den Autoverkehr und besonders die Panzerwagen (SUV) zugeschnitten wird und Radfahrer und Fussgänger nur lästiger Wurmfortsatz sind, der nur kostet, aber nichts einbringt und die Panzerwagen nur dabei behindert, auf dem Gehweg zu parken, bzw. die ohnehin schmalen Gehwege noch halbiert werden um einen viel zu engen Radweg drauf zu malen, dann schwebt man als Radfahrer und Fußgänger halt in Lebensgefahr und ist grundsätzlich nur störendes Ärgernis für die Stärkeren. Ich wünsche mir, dass Corona uns in Hamburg Verhältnisse wie in Amsterdam, Kopenhagen, Paris beschert. Wünschen darf man ja, oder? Wenn Paris es schafft, schaffen wir es auch.

Und da ich mich als lebenslanges Projekt sehe und mir nicht zu schade bin, mich ständig in Frage zu stellen, habe ich beschlossen: Ich liebe jetzt Fahrradfahren. Nicht unbedingt die Radfahrer, das wäre zu viel verlangt, aber das Radeln durch meine wunderschöne Stadt. 2020 stellt alles auf den Kopf!

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