Nachtrag zu gestern

Paupertas mordet.

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Zwar war ich zu Studienzeiten nicht ganz so früh in der City wie jetzt zum Spocht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es in den 80ern nicht annähernd so viele Obdachlose gab, die in den Hauseingängen der Kauf- und Kontorhäuser lagen, in den Mülleimern nach Pfandflaschen oder etwas Essbarem suchten oder laut und wirr vor sich hin brabbelnd Einkaufswagen mit der-Himmel-weiß-was darin durch die Straßen schoben. Es gab auch keine schmutzig-weißen, fensterlosen Sprinter mit straff organisierten, osteuropäischen Berufsbettlerinnen, die im strikten Turnus von den jüngeren Mitgliedern ihres Clans vor Saturn, Karstadt oder dem Eingang zur U-Bahn abgesetzt und abends wieder abgeholt und um ihre Tageseinnahmen erleichtert wurden (während die Kinder auf Einbruchstour waren, da noch nicht strafmündig). Und nein, ich rede nicht von der Zeit, als die Handelskammer massiv und teilweise erfolgreich darauf gedrängt hat, dass solche Gestalten aus dem Auge und aus dem Sinn gekarrt werden, um das Einkaufserlebnis nicht zu stören, das war erst später.

Nicht, dass es kein sichtbares Elend in der Stadt gegeben hätte, nur halt nicht zu jeder Zeit und in jedem Stadtteil. Wer sich am Hauptbahnhof herumtrieb, z.B., weil man gern Kinofilme in der Originalfassung sah und deshalb über den Steindamm ins City ging, kam nicht drumherum, die Dealer, Berber und Bordsteinschwalben zu bemerken. Ein Bahnhofsviertel ist kein Ponyhof und zieht von jeher in jeder Stadt ein besonderes Stammpublikum an, schon klar. Und auch in klassischen Arbeitervierteln wie Barmbek, Ottensen, Altona und Sankt Pauli rechnet man mit einem, vorsichtig formuliert, bunteren Menschenschlag als in gutbürgerlichen und finanziell gesehen Edelvierteln wie Rotherbaum, Eppendorf oder Nienstedten. Aber man musste auch nicht zwingend damit rechnen, in einem vollkommen normalen Spießerviertel wie Winterhude oder Flottbek mehr als den einen Quotenbettler anzutreffen und Frauen im Rentenalter, die saubere, aber abgetragene Klamotten tragen, im Müll wühlen zu sehen.

Dieser Anblick, den man aus den USA seit mindestens sechzig Jahren kennt, aus anderen Metropolen ebenfalls seit mehreren Jahrzehnten, der ist hier noch relativ neu in dieser Massivität. Bei meinem letztjährigen Kurzbesuch in Dublin, wo ich davor zuletzt 1990 war, fiel mir das noch sehr viel deutlicher auf, vielleicht auch, weil Dublins City relativ klein ist. Wenn man kurz darüber nachdenkt, dass Dublin aus steuerlichen Gründen der Europäische Sitz von Google, Apple, Facebook und drölf Schrillionen weiterer Silicone Valley Firmen ist (das ja von diesen Heuschrecken ebenfalls ins Elend gestürzt wurde), dann möchte man deren Produkte und Dienstleistungen noch viel weniger nutzen, als ohnehin schon. Also, als denkender und fühlender Mensch.

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