Neues vom Spocht

Von Hündsken auf Stöcksken

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tl;dnr: Ich geh’ ins Fitti und schweife ansonsten sehr umfassend ab. Das ist okay, ist ja mein Blog.

Wer hier schon ein paar Jahre mitliest, weiß, dass ich früher™ intensiv Golf gespielt habe. Intensiv heißt hier: etwa 100 Runden im Jahr, plus endloses Training, über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren. Nein, ich war nicht arbeitslos oder Millionärin, nur komplett besessen. Ein Zeit, die mir wunderschöne Erinnerungen, nette Bekanntschaften on- und offline und einen kaputten Rücken plus kaputter Schulter eingebracht hat. Das beides ist inzwischen Dank eines Schweizer Wunderheilers, zu dessen Kunden u.A. auch Teile des Schweizer Eishockeyteams, diverse brasilianische Fussballstars und der österreichischen Skinationalmannschaft zählen, wieder in Ordnung und ich könnte und dürfte jetzt wieder auf die Runde – aber ich traue mich nicht. Schmerzfrei leben fühlt sich einfach zu gut an, um das Risiko einzugehen und ich bin ja nun auch keine 47 37 27 17 mehr.

Über die letzten Jahre habe ich verzweifelt nach einem Sport gesucht, der mir Freude macht, den ich ohne größeren finanziellen und logistischen Aufwand und idealerweise ohne allzuviele Menschen dabei ausüben kann. Ich hab’s mit Laufen, Radfahren, Schwimmen versucht und bin kläglich gescheitert. Laufen ist totenöde ohne dabei Musik oder Hörbücher zu hören, aber – die Herren der Schöpfung dürfen jetzt gern mit den Augen rollen und ‚Weiber!‘ murmeln – als Frau alleine zu laufen ist auch ohne Kopfhörer riskant genug. Sich eines elemanteren Sinnes zu berauben, nur um nicht vor Langeweile zu sterben, sondern dann halt weil man den Angreifer oder Radfahrer oder das Auto nicht gehört hat, erscheint mir selten dämlich. Ich bin nicht besonders ängstlich, aber halt auch nicht besonders dämlich.

Radfahren finde ich mindestens so langweilig wie Laufen, aber in dieser Stadt zumindest ist es dramatisch gefährlicher. Für Autofahrer ist man bestenfalls unsichtbar, schlimmstenfalls Freiwild. Ab und an miete ich mir ein Stadtrad, wenn die Einkäufe doch zu schwer sind, aber als passionierte Fußgängerin sind Radfahrer für mich generell die Pestbeule auf dem Hintern der Gesellschaft und Radfahren irgendwie nichts, was mir Spaß macht. Nein, nein, Radfahren fällt aus.

Schwimmen ist grundsätzlich super, jedenfalls, so lange man dabei ein eigenes Schwimmbad oder Meer hat. Das öffentliche Schwimmbad, mit Leuten drin, das geht für mich überhaupt nicht. Dauernd dengelt einem so ein Depp in die Bahn und man kommt überhaupt nicht in einen Rhythmus, oder aber man muss sich einer Schwimmgruppe anschließen – brr! – um trainieren zu dürfen. Die Hölle, das sind die Anderen.
Das nächste Meer ist leider zu weit weg für tägliches Schwimmen und, seien wir realistisch, an mindestens 335 Tagen im Jahr auch zu kalt dafür. Man gewöhnt sich an alles, klar, und ich bin auch nicht aus Zucker – ich habe immerhin bei 16° Wassertemperatur meinen Freischwimmer gemacht – aber das Entfernungsproblem bleibt. Es gibt noch Seen, ich hätte da einen, quasi direkt vor der Haustür, ca. 300m Luftlinie entfernt. Der ist meist auch nicht sehr voll, abgesehen von Stehbrettpaddlern und alle Stunde mal ein Alsterdampfer. Aber es ist ein See. Man kann nicht auf den Boden sehen. Etwas, das mich im Meer nicht im Mindesten stört, aber … nun, jeder Mensch hat seine Macken. Ich hab’ ein paar mehr als andere, wie man unschwer feststellen kann. In einem See zu schwimmen fällt völlig aus.

Fürs Skaten bin ich inzwischen nicht zu alt, aber etwas zu … darf ich sagen: ungeübt? Ich rollbrettere zwar gelegentlich noch durchs Viertel, aber fühle mich zusehends unwohler dabei. Auf der Straße darf man hierzulande nicht fahren und es wäre in dieser Stadt auch lebensgefährlich (siehe Fahrradfahren). Die Gehwege sind hingegen voll von Radfahrern (s.o.) und generell auch in eher beklagenswertem Zustand. Die Radwege wären eine Option, die werden von Radfahrern bekanntlich wie die Pest gemieden, aber das hat auch seine Gründe: Entweder sie sind vollgeparkt von rücksichtslosen Autofahrern oder aber tödlich für jedes Fahrzeug, das nicht auf Ketten unterwegs ist. ‚Infrastrukturapokalypse‘ nennt fefe das immer, und Recht hat er. Skaten, so richtig Langstrecke und mit Tempo, das geht eigentlich nur noch an der Elbe, hinterm Deich, draußen in der Haseldorfer Marsch.

Vor einigen Wochen bekam ich einen Gutschein für drei Monate „high intensity training“ und dachte mir ‚ach ja, nett, mach mal.‘ Das high intensity training – fortan mit HIT abgekürzt – ist eine Mischung aus Fitness und Personal Training und die Zielgruppe sind offensichtlich reiche und gestresste Manager, die in der City ihre Mittagspause 20 Minuten am Tag Gewichte stemmen, während der Trainer sie antreibt. Pro Einheit kostet das normalerweise etwa 50 EUR, und wenn man bedenkt, dass die Trainingsflatrate in manchen Fitnessstudios irgendwas zwischen 15 und 90 Euro im Monat kostet (allerdings ohne personal training, dafür mit umfassenden Kursangebot), dann nickt man als selbstständig arbeitender Mensch anerkennend, wenn man in der studioeigenen App die beiden Termine für die nächste Woche eintragen will, aber nur mit Ach und Krach noch einen abkriegt und sich für den zweiten auf die Warteliste setzen muss. In den Sommerferien, wohlgemerkt, der klassischen Saure-Gurken-Zeit für Fitnessstudios. Irgend etwas scheint dieser Laden jedenfalls verdammt richtig zu machen, denn es gibt ihn auch schon fast zehn Jahre.

Das stellte ich fest, als ich mir den Gutschein näher ansah und so bei mir dachte ‚das hast du doch schon mal gemacht vor ein paar acht Jahren, als du noch hauptberuflich High Intensity Golf gespielt hast?‘. Auch damals über einen Geschenkgutschein, allerdings nur einen Monat statt deren drei und auch die Adresse war anders, am Gänsemarkt … war das derselbe Laden, nur umgezogen? Oder war das inzwischen eine Kette?

Die neue Adresse liegt sehr zentral zwischen Spitalerstraße und Ballindamm und ich hatte einen gigantischen Flashback, als ich dort entlanglief. Zwei Straßen weiter, nämlich in der Ferdinandstraße, lag über sechs der acht Semester meiner Studienzeit dort die Kunstschule Alsterdamm (wie die Alsterdamm School of Visual Arts mindestens die ersten 50 Jahre ihres Bestehens hieß). Die beiden letzten Semester verbrachte mein Jahrgang dann über der damals brandneuen Wandelhalle des Hauptbahnhofs unterm Dach. Dort habe ich 1992 noch mein Diplom von den Herren Busecke und Walter empfangen (der legendäre Gründer Gerd F. Setzke verstarb, als ich im 3. oder 4. Semester war), aber kurz darauf ist die Schule wohl noch ein paar weitere Male umgezogen, in die Lange Reihe, wie ich 2006 sah, als ich in einer Agentur in St. Georg arbeitete, und inzwischen residiert sie im Medienbunker in der Feldstraße, wie ich überrascht feststellte, als ich vor ein paar Jahren meine Gitarre zur Reparatur in der Musikalienhandlung im Erdgeschoss abgab. Für mich war und ist der Alsterdamm jedoch fest mit der Ferdinandstraße verbunden; mit Mittagspausen an der Alster, Kinobesuchen im Passage und im City nach Unterrichtsende, einem schnellen Sprung runter zu Malzeit, die Künstler- und Zeichenbedarfshandlung im Erdgeschoss, wo man Letraset Rubbelbuchstaben bekam, Reinzeichenkarton und Ziehfedern, Fotokopien anfertigen lassen konnte und auch mal telefonieren – zu diesem Zweck stand das berühmte Mickey Mouse Telefon der Deutschen Bundespost auf dem Tresen, die Einheit für 50 Pfennige.

Die Schule lag zwischen einem Parkhaus und einer dieser merkwürdigen Kirchen, die man als nichtreligiöser Mensch manchmal am Rande wahrnimmt und bei denen man sich fragt, was das denn nun wieder für eine skurrile Sekte sein mag … Adventisten? Mormonen? Baptisten?  Presbyterianer? Ich bin da nie so recht durchgestiegen. Ich teile Religionen grob ein in die fünf Weltreligionen Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus und Hinduismus und die haben für mich ungefähr dieselbe Bedeutung wie die Weltreligionen der Neuzeit: Star Trek, Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, Scheibenwelt und Anhaltertrilogie (in fünf Bänden). Ich nehme sie zur Kenntnis, kenne mich mit einigen (Christentum, Judentum, Harry Potter, Herr der Ringe) besser aus als mit den anderen (Anhaltertrilogie), stehe manchen wohlwollend-indifferent gegenüber (Buddhismus, Star Wars) und einige sind mir dermaßen fremd (Islam, Hinduismus, Star Trek, Scheibenwelt), da weiß ich einfach: Das wird nix mehr mit uns in diesem Leben. Ganz generell gilt: Organisierter Glaube, ob nun kirchlich oder beim Cosplay oder LARP ausgelebt, ist mir ein wenig suspekt und ich halte gebührenden Abstand.

Das Gebäude Ferdinandstraße 17 – also meine ehemalige Kunsthochschule – und das Parkhaus daneben sind inzwischen abgerissen und einem Hotel gewichen. Es sieht nach nichts aus, ein seelen- und schmuckloser Glaspalast, aber das mögen die Reisenden heute ja wohl so, sonst würde es nicht so viele davon geben. Nicht daß das Parkhaus oder das alte Haus sonderlich dekorativer gewesen wären, aber Ihr wisst, wie es ist: Zuhause ist halt Zuhause, egal wie schraddelig. Und die ehemalige Uni, Schule, Ausbildungsstätte ist eben für einige Jahre das Zuhause.

Die Kirche nebenan gibt es noch, der verlauste Tante-Emma-Laden ein paar hundert Meter die Straße hinunter in Richtung Thaliatheater jedoch existiert nicht mehr. Das ist alles schon vor vielen Jahren im Zuge des Baus der Europapassage gewichen, etliche kleiner und mittlerer Läden haben den Sprung ins neue Jahrtausend nicht geschafft, so auch ein paar Straßen weiter Brinkmann, die Hamburger Institution und ehedem Deutschlands größtes technisches Kaufhaus. Immerhin gibt es Michelle Records noch, bei denen ich im Studium gefühlt täglich eine LP kaufte, denn die wurden damals für kleines Geld rausgeworfen, da CDs jetzt der heiße Scheiß waren.
Eine wunderschöne, alte Apotheke in derselben Straße ist nun ein vietnamesisches Restaurant, ihr gegenüber gibt’s eine Filiale der berüchtigten Schnellimbisskette Vapiano und ein paar Meter weiter hat nun „Manta, Manta“-Schauspieler Til Schweiger ein Restaurant mit Gedönsshop eröffnet, so sagte mir mein Trainer.

Trainer? Ach ja, eigentlich wollte ich ja über mein HIT erzählen. Das Studio liegt gegenüber des Vapiano, neben einem Waxingstudio und ich meine mich zu erinnern, dass hier früher ein Waffen- und Jagdgeschäft residierte, etwa zu Zeiten, als ich meinen Jagdschein machte. (Solche special interest Läden, bei denen die Lage eigentlich auch wurstegal ist, weil die Kundschaft gern jeden Umweg macht, nimmt man ja sonst überhaupt nicht wahr, also ich jedenfalls nicht.) Ja, bestätigt der Trainer, hier war früher mal ein Jagdgeschäft, aber das Haus wurde ebenfalls abgerissen und sein chromblitzendes, auf 18°C heruntergekühltes Studio ist alles, was die ausgehenden 80er Jahre nicht waren. Das Studio hat sich verdoppelt; am Gänsemarkt damals gab es nur einen Trainingsraum, wenn ich mich richtig erinnere. Nun sind es zwei, aber zumindest in den Zeiten, in denen ich da bin, bin ich die einzige Kundin.

Das Prinzip Personal Training kommt mir sehr entgegen: Ich hab’ den Laden für mich und den Trainer auch. Der hat im Idealfall jedes Gerät auf meine Körpergröße und mit meinen Gewichtswiderständen eingestellt, wenn ich komme, so dass es keine Wartezeiten gibt. Das Training dauert etwa 20 Minuten und jeder angesprochene Muskel zittert, wenn ich fertig bin und wieder rauswanke. Das Lustige ist, dass ich jede Woche denke, ich sei ein kraftloses Puddingmädchen, und dann frage ich in Woche drei erstmals „kann es sein, dass da mehr Gewicht drauf liegt als letzte Woche, oder stelle ich mich an?“ und der Trainer lacht und sagt, es sind immer ein paar Kilo mehr als beim letzten Mal. Ich bin also gar nicht so schlapp wie ich dachte.

Was mir nicht ganz so gut gefällt: Es ist jedes Mal ein anderer Trainer bzw. eine andere Trainerin. Bislang habe ich fünf kennengelernt und ich war jetzt neun- oder zehnmal da. Sie sind alle recht nett, aber es gibt schon Unterschiede in der Motivation und im Rhythmus und bei einigen stimmt einfach die Chemie nicht so recht, oder sie sind halt morgens um sieben, wenn ich meine Termine habe, noch nicht so ganz bei der Sache. Das ist zwar über 20 Minuten zu verschmerzen, aber ich freue mich trotzdem, wenn der Chef da ist, denn der ist einer der beiden, die sehr genau wissen, was sie tun und bei denen ich hinterher auch das Gefühl habe, das Training heute hat etwas gebracht.

Der Chef hat neuerdings einen Hund, einen sehr jungen, charmanten Muskelprotz der Rasse Französischer Bully. Das scheinen aktuell die In-Hunde der Saison zu sein; Möpse – die auf den ersten Blick ähnlich aussehen, nur deutlich kleiner sind und nicht diese Fledermausohren haben, aber dafür einen geringelten Schwanz über der Hüfte tragen – sind glücklicherweise wieder aus der Mode gekommen, genau wie Jack Russell Terrier und Whippets, die man einige Zeit wirklich überall sah. Nun hat es also den Frenchie erwischt. Der hier schnuffelte mich probehalber an, fand mich nett und ließ sich den Bauch kraulen, während sein Herrchen die Geräte einstellte. Danach legte er sich in die Mitte des Studios und schnarchte hinreißend, während ich meine Übungen machte, ohne dabei zu lachen. Gar nicht so einfach.

Zum Training fahre ich entweder mit dem Stadtrad oder dem 6er Bus, manchmal auf die eine Art hin und die andere zurück. Die Fahrt an der Alster entlang und durch St. Georg, das früh um dreiviertel Sieben – bis auf Herrn Buddenbohm natürlich – noch schläft, ist immer ein Erlebnis. Ich liebe den Morgen und mag es, dass die Leute sich um diese Zeit noch freundlich zunicken oder sogar laut grüßen. Das verfliegt rasch, aber wenn alle Geschäfte noch zu haben, der Erdbeerstand noch aufbaut, die Auslagen beim Bäcker noch appetitanregend aussehen, die Jungs von der Müllabfuhr noch laut singen, dann ist das schön.

Mein Gutschein läuft Anfang September ab und ich werde weder sonderlich abgenommen haben deswegen, noch plötzlich muskelmäßig zu Mrs. Incredible mutiert sein. Was es mir jetzt schon gebracht hat: Eine bessere Haltung. Ich habe eine wirklich schlimme Haltung, Jahrzehnte am Schreibtisch haben mich zu einem wandelnden Fragezeichen werden lassen, Schultern und Rücken rund und jetzt plötzlich nehme ich die Schultern mühelos zurück, Brust raus, Kinn hoch … doch, doch, das gefällt und tut gut.

Ich werde das Training dann nicht weitermachen, zum einen, weil ich es mir schlicht zum Normaltarif nicht leisten kann, zum anderen, weil es mir für den Herbst/Winter logistisch zu aufwendig ist: Eine halbe Stunde Anfahrt, zwanzig Minuten Training, eine halbe Stunde Heimfahrt … das scheint mir auf Dauer doch etwas unsinnig und unökonomisch zu sein. Aber ich habe mir am Primeday neulich im Internetkaufhaus ein paar auf 35 Euro reduzierte Superduper-Luxus-Laufschuhe gegönnt, mit denen ich mal wieder, haha, einen neuen Anlauf nehme um den Park zu rennen. (Erzählt mir nix von Laufanalysen im Fachhandel und so ‘nem Käse – wenn Rocky Balboa in Chucks erfolgreich für den Weltmeistertitel trainiert hat, kann ich auch fünfeinhalb Kilometer in No Balance Puschen um den Park trotten.) Ich bin da ja stur, vielleicht gefällt es mir ja irgendwann. Genau wie Neil Gaimans Bücher; auch da habe ich nun zum x-ten Male einen neuen Versuch gestartet und lasse mir nun Neverland von ihm selbst vorlesen. Vielleicht kann man das ja auch kombinieren, wir werden sehen.

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