Nicht systemrelevant

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Ich lese einen Artikel über St. Pauli, in dem rüberkommt, was diesen Stadtteil so ausmacht. Ich nicke bei jedem Absatz, bis ich zu diesem hier komme:

Es gibt Hoffnung, weil unsere Kulturbehörde versprochen hat, auf die Kunst aufzupassen, und auf die kleinen Läden und Bars soll auch aufgepasst werden, aber erst mal müssen wir jetzt auf die Menschen aufpassen, auf die Ärzt*innen und Pfleger*innen und auf die Schwachen und Alten, das ist wichtig, das ist uns allen klar, aber uns ist auch klar, dass wir nicht systemrelevant sind.

Nicht systemrelevant? Da will ich doch mal energisch widersprechen. Wir sind alle systemrelevant, jede/r von uns, und das war doch nie klarer als genau jetzt. Klar, zuallererst fallen auch mir beim Stichwort ‚Systemrelevanz‘ Ärztinnen*, Pflegerinnen, Rettungspersonal bei DRK, THW, Bundeswehr, Polizei und Feuerwehr ein. Ja, ich nehme die Bundeswehr mit rein, denn auch, wenn sie in jüngster Zeit in erster Linie durch Skandale um kaputtes Material, kaputte Rechtsaußen-Typen, kaputte PR-Maßnahmen wie zur re:publica in den Medien war, so hat sie doch immer noch auch Rettungshubschrauber, Krankenhäuser, Infrastruktur und fähiges Personal um systemrelevant zu sein. Und gerade Hamburg denkt immer noch an die Hilfe bei der Sturmflut 1962, die Tage, die Helmut Schmidt „gemacht“ haben und seinen Ruf als fähigen, besonnenen Macher noch mehr definiert haben als später seine Haltung in RAF-Zeiten.

Aber was ist mit denen, die das Material herstellen, mit dem im Krankenhaus gearbeitet wird, den Menschen in den Labors und Werkstätten? Mit den Menschen in den Kraftwerken, die dafür sorgen, dass die Lichter nicht ausgehen, mit denen, die sicherstellen, dass Wasser aus dem Hahn kommt, wenn man ihn aufdreht? Mit den Menschen in den Serverräumen, den Programmierern, Entwicklern, Ingenieuren, die Sorge dafür tragen, dass das Internet, das Handynetz funktioniert und wir alle Home Office machen können? Wie systemrelevant sind die Verkäuferinnen und Lagerarbeiterinnen und Post- und Paketboten, den Menschen in Bäckereien, die uns Brot backen, in Gärtnereien, die uns Erde, Samen, Pflanzen für unsere Balkons, Gärten, Schrebergärten besorgen, damit wir uns entweder selbst versorgen oder zumindest unsere Seelen an den Blumen erfreuen können? Was ist mit unseren Journalistinnen, die in Redaktionen für Zeitungen, Fernseh- und Radiosender sitzen und jenen, die vor Ort berichten, wie die Lage aussieht? Die Fake News aufdecken, Aluhüte lüpfen und Fakten einzuordnen helfen und sich dafür oft als Staatsmedienknechte beschimpfen lassen müssen? Sind die nicht systemrelevant?

Die Nerds, die mit dem 3D-Drucker medizinisches Material reverse engineeren und dafür sorgen, dass die Beatmungsgeräte laufen können. Wer hätte gedacht, dass ihr komisches Spielzeug plötzlich systemrelevant wird?

Was ist mit den Menschen, die in Behörden sitzen, Jobcentern, Finanzämtern, Gesundheitsbehörden? Den Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen? Die uns Mut machen, jetzt unbürokratisch Hilfe zukommen lassen, in ihrer Freizeit und von zuhause aus und auf eigene Kosten, vom eigenen PC aus über die Webcam ihre Schülerinnen versorgen und den überforderten Eltern, die plötzlich nicht nur den eigenen Job von zuhause aus machen, sondern nebenbei den aus den Fugen geratenen Haushalt schmeißen, ihre älteren Nachbarn mitversorgen, ihre Kinder beschulen sollen? Sind die nicht systemrelevant?

Ah, ich höre Euch: Anwälte, Banker, Berater: Die braucht ja nun wirklich kein Mensch, oder? Nun, wenn die aktuell sicherlich sinnvollen aber massiven Grundrechtsbeschneidungen und Notstandsgesetze nach Ende der Krise wieder zurückgenommen werden sollen, ist es gut, wenn man Anwälte hat, die sich darum kümmern, dass das auch wirklich passiert. Oder aktuell energisch darauf hinweisen, dass das gerade alles nur so mittel verfassungskonform ist, was da abgeht. Erfahrene und gute Beraterinnen werden vielleicht so dringend benötigt wie noch nie, wenn eine ganze Weltwirtschaft, große und kleine Geschäfte, aus diesem Crash hervorgehen sollen wie Phoenix aus der Asche. (Ja, ich hab’ auch erst sehr gelacht, aber es gibt sie.) Banken sind fraglos systemrelevant, wie wir ja schon beim letzten Crash gemerkt haben, hahaha. Aber lassen wir mal den Sarkasmus beiseite – die Banken könnten sich jetzt mal revanchieren für ihre letzte Rettung, die wir ja finanziert haben, und nun wiederum uns retten. Ob sie’s tun werden, steht auf einem anderen Blatt, ob sie’s bei jedem Einzelnen tun können auf noch wieder einem ganz anderen, aber diese Frage stellt sich ja auch auf der Intensivstation den Ärztinnen. Gebraucht werden sie jedenfalls dazu.

Die LKW-Fernfahrerinnen sind ohne Frage so systemrelevant wie die Menschen, die Flugzeuge, Busse oder Züge lenken. Sie müssen an Raststätten und Bahnhöfen halten, die wiederum instandgehalten und geöffnet sein müssen. Saubere, hygienische Waschräume und Toiletten sind dafür nicht nur in diesen Tagen essentiell. Tankstellen brauchen Sprit, wo kommt der her? Pilotinnen müssen sicher gehen können, dass ihre Infrastruktur funktioniert, dass jemand im Tower sitzt, jemand das Rollfeld und die Landebahn kontrolliert hat, das Fahrwerk rauskommt, wenn gewünscht, die Treppe oder der Rüssel anliegt, wenn man angekommen ist. Die so oft geschmähte Saftschubse, über deren Frisur du dich lustig machst, ist in erster Linie für deine Sicherheit zuständig und erst dann für deinen Tomatensaft in 10.000 Metern Höhe.

Und dann Leute wie ich: Künstlerinnen, Autorinnen, Musikerinnen. Wir sind oft die Letzten, die sich selbst als systemrelevant ansehen würden, aber ganz ehrlich? Auch die Seele braucht Nahrung und Zuspruch und manchmal finden wir mit unseren Mitteln Wege, das auszudrücken, für das es keine Worte gibt. Oder zumindest das, wofür viele Menschen keine Worte mehr finden können. Oder wir sorgen einfach nur für Unterhaltung, z.B. per Streaming, wir spielen dein liebstes Lied, drehen deine liebste Serie, zeichnen deinen liebsten Comic, schreiben die Bücher, die du magst und sorgen so dafür, dass du nicht komplett am Rad drehst und mal abschalten kannst, indem du uns einschaltest. Sind wir wirklich entbehrlich?

Wir alle sind systemrelevant. Diese Tage zeigen es uns.

 

P.S.: Das Motiv hier oben im Header ist mein beliebtestes T-Shirtmotiv, Ihr könnt es hier in meinem Spreadshirtshop bestellen und so helfen, dass ich meine systemrelevante Vermieterin bezahlen kann. Oder meine systemrelevante Krankenkasse. Meinen systemrelevanten Supermarkt. Meinen systemrelevanten Künstlerbedarfsdealer. You get the idea. (Ende der schamlosen Eigenwerbung.)

 

* Männer sind natürlich mitgemeint.