Norden

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Tag 187 von 366 – Gestern war ich auf dem Deich, die Schafe sind in diesem Jahr viel zutraulicher als sonst. Wahrscheinlich, weil sie monatelang die Gegend für sich hatten, Tagestouristen waren ja nicht erlaubt. Sie gucken etwas skeptisch auf meinen großen Hut, der fortzuwehen droht, es ist bannig pustig, dazu Sprühregen. Macht ’nen schönen Teint. Also, bei mir. Schafe haben nicht viel Teint. Der Mohn hier im Bild, woher kommt der? Es sind die einzigen Mohnblumen weit und breit, der Wind hat sie hergeweht, die Disteln und die Schafgarbe sind knurrend etwas beiseite gerückt, die Weiden und Pappeln neigen bedächtig die Köpfe. Sommer im Norden, mein Herz geht auf.

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Der Sonntagmorgen beginnt heute um kurz nach vier. Es regnet, aber das ist okay, es ist großer Nachholbedarf da draußen.
In der Küche wird das Kaffeekochen zum Slapstick: Ich habe frischen Kaffee gemahlen und muss plötzlich niesen, den vollen Siebträger in der Hand. Das Kaffeemehl verteilt sich auf Tresen, Kaffeemaschine, Holzfußboden, Socken, Hemd, Toaster … es ist 04:20 Uhr und ich werfe den Staubsauger an, meine Nachbarn werden mich hassen, aber mit Kehrblech und Besen komme ich nicht weit hier, das Kaffeemehl ist zu fein. Ich mahle erneut, mit wachsendem schlechten Gewissen, denn die Mühle ist infernalisch laut, dagegen ist der Staubsauger ein Flüsterer. Schließlich ist der Kaffee fertig und ich bin eigentlich schon fast wieder bereit, mich hinzulegen. Aber das geht nicht, die Arbeit ruft. Ab an den Zeichentisch.

Ich überlege, was mich davon abhält, häufiger Videos zu machen und hochzuladen und komme auf das gute, alte Impostor Syndrome. Ich hatte eigentlich gedacht, das hätte ich lange hinter mir gelassen, aber die Psyche ist ein heimtückisches Teil. Ich muss es mir tatsächlich immer wieder selbst ins Gedächtnis rufen: Du bist nicht nur gut genug, du bist gut, Punkt. Du brauchst niemandes Erlaubnis, irgend etwas zu tun, ganz besonders nicht, um etwas zu malen, zeichnen, schreiben, filmen, veröffentlichen. Es gibt immer Leute, die etwas besser können als du, aber sehr viel mehr Leute, die es nicht so gut können wie du, schon deshalb, weil sie gar nichts tun. Es gibt Leute, die alles super finden, was du tust, das ist nett, aber komplett aussagefrei im Hinblick auf die Qualität deiner Arbeit. Es wird außerdem immer Leute geben, die alles doof, peinlich oder lächerlich finden, was du tust und einige darunter verwenden sehr viel Mühe und Energie darauf, dich das wissen zu lassen. Sie ziehen ihre Energie daraus, dass sie dir den Tag versauen. Diese Leute wirst du niemals erreichen, sie sind nicht deine Zielgruppe, es ist albern, sie auch nur zur Kenntnis zu nehmen, ihre Meinung hat keinerlei Relevanz. Ignoriere sie.

Und ansonsten: Tu, was dir Spaß macht – ganz besonders dann, wenn es sowieso niemand bezahlt.