Oscarnacht

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Tag 41 von 366 – Sturmtief Sabine verlief recht glimpflich bei uns, es war pustig, aber nicht über den Rahmen eines üblichen Hamburger Januarsturms hinaus. Berichte aus dem Westen und Süden des Landes hören sich da schon schlimmer an. Der Frühling liegt in der Luft, da kann sich der Winter noch so anstrengen, den Duft kriegt er nicht mehr raus.

Rechtzeitig und wie vermutet zum Höhepunkt und Schluss der Oscarverleihung aufgewacht. Ein paar Richtige gehabt (Joaquin Phoenix, Brad Pitt, Parasite als Bester Film) und ein paar Vermutungen haben sich ebenfalls als richtig herausgestellt: Scorsese ist out und hat die Academy offenbar gleich doppelt verärgert – einmal, wegen seiner Bemerkungen zu Marvelfilmen und dann, weil er seinen Film von Netflix hat finanzieren lassen: Dem Erzfeind. Anders kann ich es mir wirklich nicht erklären, dass der Film nicht einmal in der eher irrelevanten, technischen Kategorie der ‘best visual effects’ gewann. Ich meine, wenn eine Kategorie geradezu erfunden worden zu sein scheint für diesen Film, dann ja wohl die. Und die Meryl Streep des Schnitts, Thelma Schoonmaker, ist auch leer ausgegangen.

Eminem hat überraschend 15 Jahre (ist des echt schon wieder so lange her?!) nach seinem Oscargewinn für ‘Lose Yourself’ einen Auftritt mit diesem Song hingelegt, der mit einer standing ovation bedacht wurde, warum, weiß niemand. Der Song ist super, klar, aber die Show war sehr mäßig, Eminem hat inzwischen einen Rettungsring und einen dunklen Bart, trug eine dieser lächerlichen Hipsterhosen, in denen ihm der Hintern rausquoll und er aussah wie ein Storch in einer Windel, und war völlig außer Form – sein Gesang kam zumindest in Teilen vom Band, das nicht synchron mit seinen Lippenbewegungen lief. Wer und wo sind die Eminems von heute? Dieser hier kann weg, der riecht schon etwas ranzig, oder? Aber dem Publikum scheint es gefallen zu haben und das ist ja die Hauptsache.

Die In Memoriam Minuten wurden untermalt von einem live gesungenen ‘Yesterday‘-Cover, die Künstlerin bzw. das Duo war mir unbekannt, hinterließ jetzt aber auch jenseits der grünen Haare keinen bleibenden Eindruck, muss ich gestehen. Dass Robert Evans, Stanley Donen, André Previn, Bibi Andersson, Branko Lustig und Seymour Cassel letztes Jahr verstorben sind, war an mir vorbeigegangen. Luke Perry wäre mir noch eingefallen, aber er war vermutlich kein Academy-Mitglied. (Ich finde diese Regelung, nur Academy Mitglieder in die Montage aufzunehmen, einerseits ja bescheuert – andererseits darf man nicht vergessen, dass es eine Insiderveranstaltung der Branche ist, und vermutlich bestimmte Hairdresser oder Make-Up Artists, deren Namen „draußen“ kaum jemand jenseits des Nerdtums kennt, genau die Leute sind bzw. waren, mit denen die Stars vor der Kamera am Set nicht selten die meiste Zeit verbracht haben. Es ist schön, dass ihrer so prominent gedacht wird.)

Joaquin Phoenix hat wie erwartet gewonnen und wie erwartet eine weitere virtue signalling Rede gehalten. Die war gut, fraglos, aber herrje … Ich weiß ja nicht, aber ich halte es diesbezüglich eher mit Ricky Gervais, wie ja hier schon neulich gesagt: “Wenn Ihr gewinnt, tut mir einen Gefallen und haltet keine politischen Reden. Ihr seid wirklich nicht qualifiziert, die Öffentlichkeit über irgend etwas zu belehren. Wenn ihr einen Award gewinnt, dann holt euren kleinen Preis ab, dankt eurem Agenten und eurem Gott, und verpisst euch.”

Wir erinnern uns: Phoenix’ Beitrag zur Klimakatastrophenabwendung lag dieses Jahr darin, für die gesamte Award Season (zwischen September und Februar) denselben Smoking zu tragen. Gott, die Opfer, die der Mann bringt, geradezu übermenschlich! Auch Natalie Portman ließ es sich nicht nehmen, auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt hinzuweisen und  ließ die Namen der nicht nominierten Regisseurinnen in Goldlamé aufs Revers ihres Dior-Mantels sticken. Mehr geht nicht. Mehr geht echt nicht.

Und klar, warum sollen sie nicht die Gunst der Stunde und die zur Verfügung stehende Plattform und Reichweite für seine Agenda nutzen? Auch die Stars sind Mitbürger, Wählerinnen und von Katastrophen betroffene Menschen. Aber ihre privilegierte Position ist so dermaßen weit weg vom Rest der Welt, da greift ja dann doch irgendwie die Analogie vom Kamel und dem Nadelöhr, finde ich. Und es sind Schauspieler, herrje. Alles, was ihre paar Tage an der Sonne verlängern könnte, wird durchgezogen. Die Heuchelei ist dicker aufgetragen als das Make-Up des Jokers.

Der Rest des Tages bestand aus Malerarbeiten.