Ozelot und Friesennerz und die Insel

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Tag 210 von 366 – Ich habe in den Ferien seit langer Zeit einmal wieder ein deutschsprachiges Buch gelesen, und zwar mit einer Mischung aus großem Vergnügen, Ratlosigkeit und Melancholie. Das Buch  heißt „Ozelot und Friesennerz“, ist geschrieben von Susanne Matthiessen und dreht sich um ihre Kindheit auf Sylt. Sie ist nur ein paar Jahre älter als ich, also haben wir sehr viele ähnliche Erinnerungen an die Kindheit in den 70ern, dem wohl schrägsten und dekadentesten Jahrzehnt seit der Weimarer Republik und bis zur Wiedervereinigung. Ihre Erinnerungen sind etwas spezieller als meine, denn sie ist nicht nur Mitglied eines zunehmend exklusiveren Klubs, dem der gebürtigen SylterInnen, sondern auch Kind einer Kürschnerdynastie, mit einer Kindheit, in der sich, wenn nicht unbedingt die Schönen, so doch die Reichen im Pelzgeschäft ihrer Eltern die Klinke in die Hand gaben.

Pelz aber, Pelz ist heute nicht nur verpönt, Pelz zu tragen ist inzwischen das ultimative Tabu, Pelz geht gar nicht. Natürlich trugen unsere Eltern Pelz, meine jedenfalls, ja, auch mein Vater, meine Omi liebte ihren Nerz und auch ich habe noch meine echte Waschbärenfellmütze à la Davy Crockett, die mich als Kind durch jeden Skiurlaub in St. Moritz begleitet hat. Es war eine andere Zeit, eine andere Welt, ich bin froh, dass sie vorbei ist und genauso froh, sie miterlebt zu haben.

Mein erster Sylturlaub fand 1975 statt, ich war gerade in die dritte Klasse gekommen und ich war umgehend unsterblich verliebt in diese Insel. Es waren Herbstferien, Mitte Oktober, die Insel war bereits nach der Saison heruntergefahren und es hatte so ziemlich alles zu, was man sich vielleicht sonst gerne angesehen hätte. Meine Mutter war mit mir und ihrer Münchner Freundin sowie deren Tochter raufgefahren, die Männer blieben daheim. Keine Ahnung, wer die Idee zu diesem Urlaub hatte und warum, unsere Mütter wollten wohl mal eine Auszeit haben, die Kinder würden sich schon irgendwie beschäftigen.

Sylt war „zu“: Niemand saß am Strandübergang und wollte Kurkarten sehen, die Kampener „Kupferkanne“ war dichtgemacht bis zum nächsten Sommer, Fisch-Fiete hatte zumindest unter der Woche nur mittags auf, in List gab’s nur Heide, Sand, Möwen und Bundeswehr bzw. -marinesoldaten, wir Kinder kletterten auf dem angerosteten Anker vor unserer Ferienwohnung im „Lotsenhof“ in Kampen herum. Die Sansibar war eine reine Pommes- und Würstchenbude am Strand von Rantum, ohne jegliches Flair, ich vergesse nie den Lachanfall meiner Mutter, als sie Jahrzehnte später hörte: Das ist jetzt DAS Inlokal der Insel. „Im Ernst?!“ *pruuust*

Wir Kinder spielten Geschichten aus dem Buch über Klaus Störtebeker nach, das wir gelesen hatten und langweilten uns keine Sekunde lang bei den endlosen Strandspaziergängen: Das war hier Abenteuer pur. Wir stemmten uns im Friesennerz zu viert lachend in den Wind, sammelten Steine am Strand, aßen Rote Grütze mit flüssiger Sahne und atmeten, atmeten, atmeten. In diesen Ferien, in der Sauregurkenzeit im Oktober 1975 war von Promis, High Society oder Reich & Schön auf der Insel nichts zu spüren und unsere Mütter legten auch keinen gesteigerten Wert darauf. Sie wollten ihre Ruhe haben, lange Strandspaziergänge machen, Pullover stricken und Tee mit Rum und Klömbjes trinken.

Der Wind war unglaublich, der Regen, das ganze Wetter war eigentlich eine bodenlose Frechheit, aber ich hatte das Gefühl, ich war Zuhause. Damals hätte ich das nicht in Worte fassen können, aber ab diesem Moment, in diesen Ferien wusste ich: Ich gehöre in den Norden, idealerweise auf eine Insel. Heute, fünfundvierzig Jahre später, hat sich das nicht wesentlich geändert, auch wenn ich Sylt inzwischen nach ungezählten, zumeist in der immer kürzer werdenden Nebensaison im Februar oder November verbrachten, jährlichen Ferienwochen nur noch mit Mitleid ansehe (ich glaube, ich war erstmals überhaupt im Jahr 2001 im Sommer dort und ehrlich geschockt ob des Almauftriebs … wenngleich auch angetan von der Sonne: Sylt ohne dicke Jacke, Schal und Gummistiefel, war das überhaupt erlaubt?).

Die Insel hatte alles und hat alles verkauft, die Sylter kennen von allem den Preis und von nichts den Wert. Vielleicht, vielleicht, vielleicht erkennen sie ihn jetzt, in Coronazeiten, wo sie zwangsweise alles runterfahren müssen. Zu spät. Inzwischen mag ich fast schon nicht mehr hinfahren, es schmerzt zu sehr und zu tief zu sehen, wie sie dort wirklich alles kaputt gemacht haben, was mir heilig war. Wie muss es erst den echten SylterInnen gehen! Und auch darüber schreibt Susanne Matthiessen lesenswerte Zeilen. (Passend dazu eine schöne Sendung des NDR, noch in der Mediathek verfügbar: Sylt – Trauminsel im Touristen-Trauma.)

Was mir jedoch beim Lesen des Buchs aufging: Wie kaputt diese Nachkriegsgesellschaft war und welche Parallelen zur heutigen Zeit es gibt. Influencer, Schlagersternchen, Models, im Hauptberuf Papas Tochter oder Sohn und die Haare schön, Pädobären, Eintagsfliegen, Hochstaplerinnen und skurril-dubiose Promis mit erfundener Biografie (hallo, Iwan Rebroff?!) … alles schon da gewesen, natürlich. Alte Seilschaften aus Nazizeiten in Politik, Verwaltung, Behörden … jo, isso. Über allem der Alkohol als Sanitäter in der Not. That’s Entertainment, ein ewiger Kreislauf. Alles schon mal da gewesen, nur halt etwas schicker und stilvoller.

Sehr lesenswert, sehr unterhaltsam, sehr nachdenklich machend: Susanne Matthiessen, „Ozelot und Friesennerz“, Ullstein Verlag.

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