Seltsame Zeiten

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Tag 181 on 366 – Es hat sich etwas abgekühlt, was mir sehr entgegenkommt. Auf dem Balkon geben die Erdbeeren jetzt richtig Gas, bisschen spät dran, aber vielleicht hat ihnen noch niemand verraten, dass ihre Saison eigentlich durch ist. Na, ich warte mal ab. Die erste neulich schmeckte jedenfalls sehr gut.
Der Lavendel blüht und erfreut nicht nur die Hummeln. Er passt auch farblich schön zum Abendhimmel.

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Gemalt, geschrieben, gefilmt, spazieren gegangen.

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Auf Twitter kann man wieder gut beobachten, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, ganz besonders in den USA gibt es da gerade täglich neue, faszinierende Beispiele. Heute geisterten Tweets mit Bildern eines weißen Ehepaars mittleren Alters aus St. Louis durchs Netz, er in rosafarbenem Polohemd mit khakifarbenen Chinos, sie mit gestreiftem Shirt und 7/8-Leggins, die auf ihrer Terrasse standen und ein Sturmgewehr und eine Pistole auf die auf der Straße vor ihrem Haus vorüberlaufenden DemonstrantInnen richteten. Es ist faszinierend, wie sich das Bild zusammensetzt: Hintergrund für die Demonstration war wohl, dass die – der Democratic Party angehörige Bürgermeisterin von St. Louis, Missouri, und erste Frau in diesem Amt – vor laufender Kamera die Namen und Adressen von zwei Dutzend ihrer BürgerInnen (inklusive Minderjährigen) verlesen und auf Facebook gestreamt hatte, welche bei einer völlig legalen Unterschriftenaktion zu “Defund the Police” mitgemacht hatten, also dem Begehren, der Polizei das Budget zu entziehen. Die bei dieser Unterschriftenaktion gesammelten Daten sind public record, also öffentlich zugängliche Informationen. Aber es hat natürlich eine völlig andere Dimension, wenn die Bürgermeisterin diese Informationen vor laufender Kamera verliest. Ganz besonders, wenn das zwei Tage vor einem angekündigten rechtsnationalen Aufmarsch passiert.

Der Aufschrei war entsprechend groß, das sei de facto ein Aufruf zur Hinrichtung dieser Menschen, die Bürgermeisterin solle zurücktreten und nach zwei Tagen nahm die Bürgermeisterin das Video mit den Namen und Adressen der Opfer aus dem Netz, begleitet von einer halbherzigen Entschuldigung. Immerhin ist Wahlkampf, ihre erste Amtsperiode endet im kommenden April. Am Sonntagnachmittag dann gingen die DemonstrantInnen einer “Black Lives Matter” Demo u.A. auch durch die private Straße des eingangs erwähnten, bewaffneten Ehepaars, auf dem Weg zum Haus der Bürgermeisterin, das wohl im selben Stadtteil liegt – einem sehr exklusiven, weißen Stadtteil. Ganz abgesehen davon, dass die beiden verwirrt, unglaublich ängstlich und ganz generell wie Figuren aus einem John Waters Film wirken, haben sie aufgrund des zweiten Zusatzartikels zur Verfassung selbstverständlich das Recht dazu, auf ihrem Grund und Boden Waffen zu tragen und sich ggf. damit zu verteidigen. So wie die DemonstrantInnen halt das Recht dazu haben, ihr im ersten Zusatzartikel zur Verfassung garantiertes Demonstrationsrecht auszuüben.

Soweit auf den Bildern erkennbar, hat niemand die beiden bedroht, der Zug ging nur an ihrer Villa vorbei. Aber ihre Villa, die wohl eher ein kleiner Palast ist, ehemals einer der Töchter der Familie Busch (von Brauereikönig Anheuser-Busch, der Budweiser-Brauerei) gehörte und als historische Stätte unter Denkmalschutz steht, liegt in einer Privatstraße, die allerdings für Fussgänger frei begehbar ist. Hinzu kommt, dass die beiden Anwälte sind, und zwar mit dem Fachgebiet “Personal Liability”, die man in den USA auch gern Ambulance Chasers nennt – Leute, die Unfallopfer dazu überreden, ihnen ein Mandat anzuvertrauen, um dann auf absurd hohe Schadensersatzforderungen zu klagen und im Erfolgsfall eine fette Provision einzustreichen. Das Geschäft scheint sich zu lohnen, wenn man das Haus und die Gegend so anschaut, in der die beiden residieren. Flugs waren ihre Namen und ihre Website gedoxxt, ihre Geschäftsadresse von findigen Witzbolden bei Google als „öffentliche Toilette“ markiert und es gibt Dutzende von Tweets, in denen sich über ihr Aussehen, ihre Klamotten und ganz besonders – und dies definitiv begründet – ihr höchst gefährliches und unsicheres Gefuchtel mit scharfen Waffen lustig gemacht wird. Der Mann ist offenbar Linkshänder und hält die Waffe so, dass ihm beim Schießen die leeren Patronenhülsen in den Bauch treffen würden, er hat sich wohl hauptsächlich mit dem Ding vor den Spiegel gestellt und versucht, so gefährlich wie Al Pacino in Scarface auszusehen. Immerhin schwenkt er die Mündung wiederholt nicht nur über die Demonstranten, sondern auch in Richtung seiner Frau. Diese wiederum hat die ganze Zeit den Finger am Abzug und bedroht damit die Vorbeilaufenden … es wäre ultrakomisch, wenn es nicht so gruselig wäre. Das erste “Ken & Karen” Poster war schnell entworfen:

Aber es ist nichts passiert, sie haben nicht geschossen. Beide Seiten fühlen sich von der jeweils anderen Seite bedroht. Beide Seiten haben sich aus dem jeweiligen Blickwinkel heraus völlig naheliegend verhalten. Die ganze Geschichte bzw. Szene ist ein herrlicher Rohrschachtest und wirft Fragen über Fragen auf. Ich bin gespannt, ob sie irgendwann verfilmt wird, denn natürlich ist auch das Amerika.