Sonntag kommt von Sonne

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Tag 88 von 366 – Der Papst hat einen Coronasegen der Sorte Urbi et Orbi gespendet. Oder so ähnlich, ich bin da im Detail nicht so bewandert, entschuldigt. Auf Twitter geht das Gewitzel los, oft auch das Gelästere. Religion ist der Antichrist etc.
Oft von denselben Menschen, die zwei Tweets zuvor noch ihren eigenen Heiligenschein zurechtgerückt haben und über Achtsamkeit und Respekt und den freundlichen Umgangston gepredigt haben, der jetzt allenthalben herrsche, und dass man den ja mal beibehalten könne, wenn der Spuk vorbei ist. Je nun, ‚merkste selber‘ denke ich, bzw. nee, merkense eben nicht selber.

“Bibles falling apart often belong to people who don’t” lautet ein altes Sprichwort. Und obwohl ich selbst nicht religiös oder auch nur getauft bin und extrem unangenehm werden kann, wenn mich jemand bekehren will, bei allem Respekt und oft großer Sympathie für ihre Vertreter aber herzlich wenig übrig habe für die Institution Kirche selbst, sowie eine gesunde Abneigung gegenüber evangelikalen Christen, habe ich auch schon diese Beobachtung gemacht: Menschen, die Halt in der Religion gefunden haben, fallen so schnell nicht auseinander, wenn ihre Welt ins Wanken gerät. Kann man sich drüber lustig machen, kann man aber auch einfach mal spannend finden. Und wenn man für sich nichts anderes daraus zieht als „Keep Calm And Carry On“ statt „Hyperventilate And Panic“. (In einer idealen Welt müsste niemand seinen Halt in Religion finden, sei es nun Christentum, Buddhismus, K-Pop oder Star Wars, aber es is’ ja wie’s is, nech.)

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Ich frage mich, woher der Gedanke kommt, die Leute hätten ja jetzt alle mehr Zeit. Ich zumindest habe das Gefühl, ich habe noch weniger Zeit als sonst, dabei hat sich mein Tagesablauf eigentlich gegenüber normalen Zeiten kaum geändert. Und wenn ich so in meine Twitterfilterblase schaue, dann wirkt da kaum jemand tiefenentspannt, weder die FreiberuflerInnen, noch die Angestellten und schon gar nicht die Familien, in denen beide Elternteile nunmehr von zuhause aus arbeiten sollen und die Kinder auf verschiedene Schulen oder in je Schule und KiTa gehen. Und das gilt global: Eine israelische Mutter macht ihrem Herzen Luft und bekommt Applaus aus der ganzen Welt.

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In Berlin ist es inzwischen verboten, sich mit einem Buch auf eine Parkbank zu setzen. Das fällt wohl unter dasselbe Aktenzeichen wie das Verbot, Golf spielen zu gehen. Es ist komplett sinnlos, aber halt verboten, also binden wir mit diesem Käse Ressourcen wie z.B. die Polizei, die einzelne Leute von den Parkbänken scheucht. Was für ein Irrenhaus. Teile meiner Timeline rollen genervt die Augen über Leute wie mich, die fassungslos der Demontage unserer Grundrechte zuschauen, und sie finden, wir sollten doch das Gesamtbild im Auge behalten und the fuck noch eins zuhause bleiben. Ich wiederum rolle meine Augen über diese Leute, die schafsgleich jede Anordnung der Büttel mitmachen, ohne den Sinn zu hinterfragen, Befehl ist schließlich Befehl. Ob der Befehl legal ist, oder auch nur sinnvoll? Scheißegal. Ich verstehe, dass diese Menschen vor Angst nicht mehr denken können, ich verstehe ja ihre Angst. Aber Angst ist eben auch ein sehr schlechter Ratgeber.

Ist es sinnvoll, jetzt zuhause zu bleiben? Auf jeden Fall. Ist es sinnvoll, frische Luft zu tanken, um die Abwehrkräfte und die Moral zu stärken? Auf jeden Fall. Kann man nicht lieber zuhause auf dem Sofa lesen? Nun, das kommt darauf an. Ich schon, natürlich. Aber ich habe auch einen Balkon mit einer Bank drauf und ich teile mir auch nicht die Wohnung mit Menschen, die entweder gerade heulend Hausaufgaben machen oder Videokonferenzen durchführen oder Blockflöte üben. Und dennoch möchte ich vielleicht einfach gern auf der Parkbank sitzen und dem Kirschbaum beim Blühen zuschauen. Und so lange sich niemand neben mich setzt, sehe ich darin auch kein Risiko, beim besten Willen nicht. Und wenn sich jemand anderes auf die Bank setzen möchte, dann stehe ich auf und gehe oder war halt zuerst da, je nach dem, wie sonst auch.

Ich hoffe sehr, dass sich der Sache langsam mal ein Verfassungsrechtler verschärft annimmt; ich für meinen Teil wäre jedenfalls nur sehr bedingt gewillt, dieses Aussetzen meiner grundgesetzlich garantierten bürgerlichen Rechte zu dulden, und es erschreckt mich ganz außerordentlich, wie nonchalant hier von der Öffentlichkeit über einen de facto coup d’ état hinweggesehen wird. Übertrieben? Ja, das finde ich auch. Also, das Verbot, alleine auf einer Parkbank sein Buch zu lesen. Bislang immerhin nur in Berlin und anderen failed states.

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Ich liege auf dem Sofa und gucke M*A*S*H-Folgen, es ist und bleibt meine ewige Lieblingsserie, für die ich mir vor über 30 Jahren meinen ersten und letzten Videorecorder gekauft habe. Es ist und bleibt die passende Serie zur Weltlage: Die Lage ist grundsätzlich hoffnungslos, aber niemals Ernst.

Whatever gets you through the night. (s.o.)

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Es schneeregnete den halben Tag lang, seither strahlender Sonnenschein.

Der Tweet des Tage kommt von Thomas: