Sonntagsgedanken

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Tag 138 von 366 – Sonntag. Der frühe Morgen auf meinem sonnigen Balkon ist ein Geschenk. Die Vögel lärmen herum, kein Flugzeug, seit Wochen nicht. Heute nicht einmal ein Helikopter auf dem Weg zum AK Barmbek auf der anderen Seite des Parks, der Soundtrack der letzten Wochen. (Das macht Mut.) Noch kein Schrebergärtner wach. Die Minze duftet. Meine Wildblumensamen, von denen ich vor vier Wochen ohne großes Gewese fast eine ganze Dose voll in die Blumenerde in einem langen Kasten gekippt habe, gucken inzwischen übern Rand. Das wird verdammt eng da drin, na, nur die Harten kommen in’ Garten. Vor zwei oder drei Jahren (?), als es so irre heiß war, hab’ ich das genauso gehandhabt und der Kasten war ein Refugium für Hummeln, Schmetterlinge und Bienen. Letztes Jahr hab’ ich null gepflanzt oder gemacht, nicht einmal Lust oder auch nur Energie gehabt, um die toten Reste des Vorjahres aus den Kästen zu räumen, einfach alles stehen gelassen und den Balkon gar nicht betreten. Bis Mitte April war es eh noch viel zu früh, und danach begann der Albtraum, der nur noch eine schemenhafte Erinnerung an eine emotionale Achterbahnfahrt aus Arzt- und Krankenhausbesuchen, aus durchgeheulten Nächten, ein gigantisches, schwarzes Loch im Gedächtnis ist. Als ich wieder in der Spur war und alles überstanden, war es zu spät fürs Pflanzen. Große Teile des Frühjahrs 2019 sind glücklicherweise komplett gelöscht aus meiner Erinnerung. „Alesia? Wir wissen nicht, wo das liegt.“ heißt es bei Asterix im Avernerland. „2019? Es gab kein 2019.“ heißt das bei mir. Für viele Menschen wird es hingegen 2020 sein, das ihnen mit etwas Glück später in der Erinnerung komplett fehlen wird. Aber 2020 ist easy-peasy, was mich betrifft. Jedenfalls bislang. Hoffentlich bleibt es so.

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Leute im Netz posten das letzte „normale“ Foto vor COVID-19, vor dem Lockdown, bevor das Alltagsleben irgendwie anders wurde. Ich gucke mein Handy durch; die Kamera darin nutze ich allerdings fast ausschließlich dazu, das tägliche Bild fürs Bärenabo zu fotografieren, bevor ich es dann bei Mailchimp bzw. WhatsApp an die AbonnentInnen schicke. Oder mal für eine besonders schöne Wolkenformation vom Balkon aus. Das bringt mich also nicht so wirklich weiter, hm. Ich schaue auf die Speicherkarte in der „richtigen“ Kamera. Auch dort finde ich hauptsächlich Fotos aus dem Park, von Spaziergängen. Ansonsten nur Videos für meinen Zeichenkurs oder YouTube. Ich kann natürlich anhand der Daten bestimmen, was das letzte Bild aus „normalen“ Zeiten war, aber es unterscheidet sich weder in Sujet noch Technik von denen, die ich seither geknipst habe. Womit wohl eindrücklich belegt ist: Für mich hat sich im Alltag wenig bis gar nichts geändert. Ist das jetzt traurig oder lustig? Oder fotografiere ich einfach falsch? Ich weiß es doch auch nicht.

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Der Katalog von Gerstaecker ist da, oder, wie ich ihn nenne, der Türstopper. Dick wie zwei Telefonbücher, randvoll mit Künstlermaterial. Vor fünfunddreißig Jahren noch war es ein Festtag, wenn der Katalog kam, ich habe stundenlang darin geblättert und überlegt, was ich womit so alles machen würde: Zeichnen, malen, töpfern und modellieren (nee, is’ klar …), airbrushen oder bauen – das Ding hat mich beflügelt, selbst wenn ich so gut wie nie etwas daraus bestellt habe. Ich glaube, meine Mutter hat gelegentlich dort Pinsel oder Ölfarben für ihre Hinterglasmalerei bestellt, aber meist hat sie lieber vor Ort in der Stadt gekauft. Damals, als es noch Künstlerbedarfsläden in der Stadt gab … heute gibt es nur noch sehr vereinzelt welche; Gerstaecker ist quasi der Amazon der Branche, nur mit absurd hohen Versandkosten. Und ich werfe kaum einen Blick in die dicke Schwarte, der Laden ist mir viel zu teuer und hat auch längst nicht alle Firmen im Angebot, deren Materialien ich viel lieber nutze. Ganz abgesehen davon, dass ich inzwischen eigentlich alles habe, was man so braucht und wenn nicht, kann ich improvisieren oder ich bestelle in England, bei Jackson’s Art. Ich schreibe Gerstaecker eine Mail, dass sie mich bitte aus dem Verteiler für ihren gedruckten Katalog nehmen möchten. Es ist eine Schande, den einfach so zum Altpapier zu tragen. Ich lege ihn oben auf den Container, vielleicht findet sich ja jemand, der gern stundenlang darin stöbern will und so viel Freude damit hat wie ich früher.

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Ein bisschen Gitarre geübt. Es ist so verdammt einfach, in die gewohnte Hängematte von Tricks zu fallen, sich durch all das zu schaukeln, was man im Schlaf kann, und das mühsame, echte Üben zu unterlassen, weil es anstrengend ist, weil es einem zeigt, wie viel man halt nicht kann, weil es einen wochen- oder monatelang frustriert, bis eines Tages der Knoten platzt und man den Dingen, die man kann, ein weiteres Bisschen hinzufügt. Aber so wird man nicht besser, weder am Zeichentisch noch an der Gitarre.

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Blusen bügeln, auch sowas. Gar nicht mehr gewohnt nach Monaten in Strickjacke oder Hoodie. In meinen Konzernjahren, in einem früheren Leben, hab’ ich Sonntags morgens vor dem Tag auf dem Golfplatz mal eben 5 Blusen für die nächste Arbeitswoche in unter einer halben Stunde weggebügelt und sie sahen aus wie für ein Vogue Fotoshooting, perfekt. Jetzt brauche ich für eine fast eine Viertelstunde. Hm.

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Überhaupt, Golf. Ich würde so gern wieder spielen, das tat mir so, so, so gut. Jedenfalls, bis der Rücken hin war. Der Rücken würde wohl inzwischen wieder mitmachen, aber ich trau’ mich nicht. Und ich habe ja auch kein Auto mehr, und selbst wenn ich eins hätte, ich bin nirgends mehr Mitglied. Auch wenn man mich sicherlich überall problemlos gegen Greenfee auf den Platz lassen würde, zumindest dort, wo ich ja für die Clubmannschaft gespielt habe, ich käme mir seltsam deplatziert vor. Ich könnte, nein sollte mein Golfgeraffel verkaufen, verschenken, entsorgen, aber loszulassen fällt mir schwer. Jetzt, wo ich es aufschreibe, kommt es mir lächerlich vor. Ich muss wohl nächste Woche mal den Keller ausmisten. Angeblich wird man ja alles los, wenn man es auf ebay-Kleinanzeigen als „zu verschenken“ reinstellt. Aber das würde bedeuten, Leute ins Haus zu lassen. Urks. Doch zum Recyclinghof damit? Ich bin unschlüssig. Und so werden diverse Golfbags mit diversen Schlägersätzen wohl noch diverse Jahre im Dunklen stehen und sich gegenseitig von langen Tagen an der frischen Luft, von traumhaften Plätzen, von epischen Matchplayschlachten und HuLoPos zuwispern und erwartungsvoll klappern, wenn plötzlich die Kellertür aufgeht und ich die Balkonmöbel runterbringe.

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Ein neues Skizzenbuch angefangen. Die Zeit verfliegt.