Sonntagsspaziergang

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Tag 286 von 366 – Um den Park gegangen, so ganz normal spazieren, mit der Kamera. Keine große Ausbeute hinsichtlich der Kamera (s.o.), aber die Seele hat Luft geholt. Auch was wert.

Auf dem Rückweg gehe ich an der Packstation vorbei. Dort ist inzwischen die Tastatur verschwunden; jetzt geht alles nur noch via Touchscreen. Die Plastikkarte, noch eine der ersten, braucht man schon länger nicht mehr; man kann sich inzwischen auch „manuell“ (ohne den bei meiner Karte nicht vorhandenen Chip oder den seit Jahren nicht mehr lesbaren Magnetstreifen auslesen zu lassen) anmelden. Meine Post-ID kann ich eh auswendig; nun muss ich mir nur mehr den jeweiligen Code merken, oder zur Not in der App nachsehen. Ich befreie eine Sendung mit einem Ersatzakku für die Kamera – ein Päckchen nicht größer als eine Postkarte – aus einem Fach, in dem man problemlos einen Smart parken könnte. Nunja.

Mitten auf den Gehsteigen versperren Leihfahrräder und -roller einer neuen Firma den Weg, ich zähle deren sechs auf einer Strecke von anderthalb Kilometern. Das finde ich ja besonders asozial: Nichts gegen Leihfarräder oder -roller, aber den öffentlichen Raum so, pardon, zuzukacken mit privatem Eigentum, das nervt einfach nur. Und so, wie die Dinger stehen, sind das keine Mieter gewesen, die sie abgestellt haben. Ich vermute sehr stark, dass es das Aufladeprekariat war – die Leute, die die Teile abends mit einem dieselgetriebenen Transporter einsammeln und zuhause auf eigene (Strom)kosten laden, dafür ein Taschengeld von dem kalifornischen Startup kriegen und sie am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe an strategischen Stellen platziert wieder abladen. Der Kampf um die Marktanteile findet auf den Gehsteigen statt. Nachdem ich zwei an den Straßenrand gestellt habe, war ich beim Dritten kurz davor, ihn umzutreten und laut brüllend auf die Straße zu schleudern, Thors Hammer ähnlich. Ich musste an das berühmte Zitat von Banksy denken:

People are taking the piss out of you everyday. They butt into your life, take a cheap shot at you and then disappear. They leer at you from tall buildings and make you feel small. They make flippant comments from buses that imply you’re not sexy enough and that all the fun is happening somewhere else. They are on TV making your girlfriend feel inadequate. They have access to the most sophisticated technology the world has ever seen and they bully you with it. They are The Advertisers and they are laughing at you.

You, however, are forbidden to touch them. Trademarks, intellectual property rights and copyright law mean advertisers can say what they like wherever they like with total impunity.

Fuck that. Any advert in a public space that gives you no choice whether you see it or not is yours. It’s yours to take, re-arrange and re-use. You can do whatever you like with it. Asking for permission is like asking to keep a rock someone just threw at your head.

You owe the companies nothing. Less than nothing, you especially don’t owe them any courtesy. They owe you. They have re-arranged the world to put themselves in front of you. They never asked for your permission, don’t even start asking for theirs.

In eine ähnliche Richtung geht auch das passiv-aggressive Schweigen Christians, wenn ihn Werbedrücker unaufgefordert anrufen.

Aber ich finde es eben erst einmal unhöflich, wenn jemand versucht, diese meine Stammhirn-Reflexe zu benutzen – und deswegen bin ich dann nach gängigen Maßstäben halt nicht nett, sondern versuche, die Kontrolle über das Gespräch zu bekommen. Etwas, was man sonst seltenst tut, aber was hilft, ohne neuen Handyvertrag da rauszukommen.

Er ist natürlich immer noch zu höflich, eh klar.

***

Fahrrad geputzt, ein bisschen gefilmt und dann zum Tee mit Shortbread die Neuverfilmung von „Mord im Orient-Express“ geschaut. Visuell stark, recht gut besetzt, wie schon das Original, aber obwohl ich das Original wahrlich nicht sonderlich super finde, war es doch irgendwie charmanter anzusehen. Aber vielleicht ist das auch nur die pure Nostalgie, das ist in meinem Alter gut möglich.

Nach so viel sitzen entsann ich mich der Sportapp in meinem Handy, die mich dazu animieren möchte, am Tag 200 Situps und 100 Liegestütze zu machen. Ich hab’s bei 50 und 20 belassen, man kann’s auch übertreiben, und das war dann auch schon der faulste Sonntag seit langer Zeit – ich hab’ keinen Stift angefasst. Muss auch mal sein.