Splendid Isolation

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Tag 82 von 366 – Ich lese gute Tipps von U-Bootfahrern und Astronauten, wie man monatelange Isolation übersteht, ohne sich oder andere umzubringen. Ich überprüfe Punkt für Punkt, inwiefern ich diesbezüglich gefährdet bin. Meine Wohnung ist größer als ein U-Boot, bzw. das natürlich nicht, aber ich habe deutlich mehr Platz für mich als jeder U-Bootfahrer und vermutlich auch jeder Astronaut für sich hat. Ich muss meine Wohnung auch nicht mit anderen Menschen teilen, ich habe mein Leben ja sehr bewusst so eingerichtet, dass ich niemanden täglich um mich herum haben muss. Ich habe keinen Chef, der mich herumkommandiert, auch das habe ich sehr bewusst so eingerichtet. Ich habe jede Menge sinnvoller Routineaufgaben in meinem Alltag, ich habe jede Menge kreativer Ideen und Möglichkeiten, sie umzusetzen. Ich habe interessante Aufgaben zu bewältigen und in meinem ganzen Leben noch keine Sekunde lang Langeweile gehabt, im Gegenteil: Meist hat mein Tag zu wenig Stunden für all das, was ich gerne machen würde.

Ich beschließe also, dass ich in keiner akuten Gefahr bin, mich oder andere aufgrund von Zeltkoller umzubringen und mache mir zufrieden einen Tee.

Was ich allerdings nicht habe, fällt mir siedendheiß beim Umrühren der Milch ein, ist ein tägliches Fitnessprogramm. Das ist in der Tat ein wunder Punkt; ich treibe zu wenig Sport, seit ich nicht mehr golfe. A propos: Ich las letzte Woche, dass die Polizei irgendwo wütend Leute vom Golfplatz geholt hat, weil die sich nicht an die Ausgangssperre gehalten hätten, der Platz sei geschlossen.

Bidde?! Es gibt ja nun wirklich wenige Sportarten, die besser gerüstet wären für die aktuelle Situation, als Golf. Größtmöglicher Abstand zu den Mitspielern ist nicht nur empfohlen sondern essentieller Bestandteil des Spiels; die Gruppe oder der Spieler vor einem selbst sollte selbstverständlich außer Reichweite sein, bevor man schlagen darf und das sind in der Regel gut 200-300 Meter. Wenn man mit mehreren in einer Gruppe spielt, ist man insgesamt maximal zu viert und wirklich nahe kommt man sich genau zwei Mal: Zu Beginn und zum Ende der Runde, wenn man sich begrüßt und verabschiedet. Dazwischen hat man zehn, zwanzig, dreißig Meter oder mehr Abstand zueinander, schon deshalb, weil jeder woanders hingeschlagen hat. Selbst auf dem Grün, also rund um die Fahne, hat man mehr Platz als vermutet; so ein Grün hat im Schnitt eine Größe von 400 qm oder mehr, das finde ich jetzt nicht zu beengt für vier Leute. Man ist über 2-5  Stunden lang an der frischen Luft, in körperlicher und geistiger Bewegung  – jedenfalls hierzulande, wo Golfcarts nur etwas für den Platzmarshal während eines Turniers sind und selbst Rentner mit zwei künstlichen Hüftgelenken meist gerne zu Fuß gehen und ihr Besteck selbst, wenn schon nicht tragen, so doch wenigstens schieben. In den USA ist Golf hingegen in erster Linie ein Geschäft und es herrscht meist Cartzwang, weil damit die Runden nur anderthalb bis zwei Stunden brauchen und man so mehr zahlende Golfer über den Platz kriegt. Jede Runde kostet, und Zeit ist Geld. (Bei uns gibt es sehr viel mehr Clubgolfer als pro Runde zahlende Gelegenheitsgolfer, und die Clubgolfer zahlen halt ihren Jahresbeitrag und können sich für die Runde so viel Zeit nehmen, wie sie wollen, das ist historisch gewachsen. Man schaut hier sehr verächtlich auf die Cartgolfer in den USA).

Warum, um Himmels Willen, sollte man also jetzt nicht auf den Golfplatz dürfen?! Das ist garantiert so eine typisch-deutsche „Sportanlagen sind ab sofort geschlossen und das hier ist nun mal eine Sportanlage!!11“-Nummer. Sinnlos, aber regelkonform.

Laufen, Radfahren, Schwimmen, Surfen, Skateboarden …auch  alles Sportarten, die man ebenfalls perfekt in “social distancing”-Zeiten ausüben kann, wobei jede davon für die Sportlerin risikobehafteter ist als Golf. Natürlich will man jetzt noch weniger als sonst mit gebrochenem Knochen, vom Haifisch angefressenen Bein oder vom SUV überfahren in den überlasteten Notaufnahmen erscheinen müssen. Aber jetzt andererseits aus völliger Angst seine sportliche Betätigung auf “FIFA20” zu beschränken, das erscheint mir keine sinnvolle Alternative.

Ich gehe raus und spaziere um den Park, gern auch mit Kamera, allerdings ohne Golfzeug. Es ist nicht viel, aber besser als nur auf dem Sofa zu sitzen.