Stans und der Cancel Culture Club

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Tag 223 von 366 – Weiterhin zu warm. Oben der Sonnenaufgang vorm Balkon.
Anonsten: Gemalt, geschrieben.

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Die ehemaligen Sozialdemokraten haben beschlossen nu’ ist’s auch schon egal, und schicken Olaf Scholz ins Rennen ums Kanzleramt. LOL.

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Zwei Tweets gefunden, die mich gedanklich länger beschäftigt haben, als gut für mich ist und die inhaltlich enger verwandt sind, als man denken sollte. Zunächst den hier:

Unabhängig davon, wie man zu egal welchem Thema denn nun stehen mag: Menschen dazu aufzufordern, sich via Google zu informieren wird nicht wirklich funktionieren. Googles Algorithmus sorgt sehr gut dafür, dass die eigene Meinung bestätigt wird, googeln Sie dazu das Stichwort confirmation bias. Wer also nicht gerade Handstand Überschlag macht um gezielt Informationen der Gegenseite zu finden, wird seine Meinung ganz sicher nicht ändern, da Googles Suchergebnisse Links zu Quellen vorziehen, die seine bereits feststehende Meinung unterstützen oder aber mit hoher Wahrscheinlichkeit der Meinung seiner Kontakte und Freunde entspricht.

Eine Möglichkeit unter zivilisierten Menschen wäre es dann, sich darauf zu einigen, dass man sich nicht einigen kann (“agree to disagree”). Das wird gerade im Internet häufig von mindestens einer Seite abgelehnt, weil … nunja, weil Internet. Oder weil deine Meinung von der Gegenseite als Hass oder Hatespeech etikettiert wird und das Totschlagargument „Hass ist keine Meinung“ kommt. Klappe zu, end of discussion, du bist gecancelt.

Cartoon eines Menschen, der vorm Computer sitzt und tippt. Aus dem Off fragt jemand “Are you coming to bed?” („Kommst du ins Bett?“). Antwort: “I can’t. This is important.“ („Ich kann nicht. Das ist wichtig hier.“) Rückfrage: “What?“ („Was?“) Erneute Antwort: “Someone is WRONG on the internet.“ („Jemand hat UNRECHT im Internet.“)

Cartoon: Randall Munroe, xkcd.com. Licensed under CC BY-NC 2.5

Und je aggressiver du Menschen im Internet angehst und wegwedelst wie lästige Fliegen, sie generell als Idiot bezeichnest und zum Feind Der Guten Sache™ erklärst, weil sie anderer Meinung sind als du, andere Erfahrungen gemacht haben als du, andere Werte haben als du … desto begeisterter und schneller werden sie sich deiner Meinung anschließen und deine Meinung als einzig gültige Sicht der Dinge akzeptieren und freudig in die Welt hinaustragen – lass dir da nur nichts einreden.

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Der andere war dieser hier:

(Ich weiß nicht, ob Twitter für den verlinkten Screenshot eine Bildbeschreibung für Sehbehinderte anzeigt, falls nicht, der Text lautet: “I think if you can’t be nice about it and you believe the book warrants less than 3 or 4 stars, you should try to contact the author directly and let them know. They probably want to know, even if it hurts, but trashing them publicly doesn’t serve anyone, IMO.”)

Ich habe keine Ahnung, wie man darauf kommen kann, das sei eine gute Idee. Das ist auf so vielen Ebenen ein völlig abartiger, soziopathischer und narzisstischer Vorschlag, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Falls Sie das jedoch naiver Weise für eine gute Idee halten und jetzt wissen möchten, warum Sie das lieber nicht tun sollten: Ich zitiere hier einfach mal ein paar der besten Kommentare dazu, vielleicht fällt der Groschen dann:

Letzteres ist auch mein Problem mit Fans, oder Stans, wie sie immer häufiger und nicht ganz zu Unrecht genannt werden. Natürlich ist nicht jeder Fan ein Stan, aber Menschen, die es für eine gute Idee halten, die Mailadresse oder gar Wohnadresse von Kreativen etc. herauszufinden um ihm oder ihr ganz persönlich und en detail mitzuteilen, was sie von seinem oder ihrem letzten Werk halten, zeigen mindestens eine beunruhigend falsche Einschätzung der Relevanz ihrer eigenen Meinung für andere Menschen.

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Die gibt’s natürlich nicht erst seit dem Internet oder Eminems Song “Stan” (2000), Leserbriefe sind so alt wie die Zeitung selbst, Die Filme “The Fan” von 1981 bzw. 1996 (kein Remake des 1981 Films) und Stephen Kings Buch “Misery” (Dt. „Sie“, 1987) drehen sich u.A. um die falsch verstandene, obsessive „Liebe“ von Fans, die zu gewalttätigem Hass gegenüber sich selbst, Dritten oder dem ehemaligen Objekt der Verehrung wird. Ich finde das einen der dunkelsten und gruseligsten Aspekte der menschlichen Seele und kann das überhaupt nicht nachvollziehen.

Aber es ist in Zeiten von Social Media völlig normal geworden, gewisse Grenzen zu verschieben, nicht anzuerkennen. Manche KünstlerInnen befeuern das unwillentlich, weil sie eher extrovertiert sind und an oversharing oder gar Persönlichkeitsstörungen leiden, die ihnen einerseits ihre Arbeit erleichtern, andererseits einen blinden Fleck bescheren, was die Kommunikation zu ihren Fans angeht.

Vor Social Media waren die Gatekeeper in PR-Agenturen und Redaktionen, Plattenfirmen, Medienhäusern nicht nur Gatekeeper in Richtung der Stars, sondern eben auch in Richtung der Fans: Nicht wenige Stars wurden vor sich selbst geschützt, indem InterviewpartnerInnen und Medien sorgfältig kuratiert wurden und nicht wenige Fans wurden vor dem gelegentlichen Mitteilungsbedürfnis der Stars bewahrt (wenngleich meist weniger um das Image des Stars als Selbstzweck zu schützen, sondern die Investition in das Produkt des Stars, den neuesten Film, das neueste Buch, das neueste Album). Man kam nicht so einfach an den Star, aber der Star kam eben auch nicht so einfach in Kontakt mit seinen Fans, da waren Kommunikationsprofis zwischen. Und dass das kein grundsätzlich schlechtes Konzept sein muss, sieht man an den Tweets des aktuellen U.S.-Präsidenten.

Gleichzeitig sind wir bei Social Media aber eben alle Stars und erwarten, dass sich die Welt um uns dreht. Wir messen unsere Beliebtheit in Favs/Likes, Retweets, Kommentaren und das führt dann zu so lustigen (und mit lustig meine ich traurig) Reaktionen wie der von Twitterer Nils Heisterhagen (immerhin fast 9.000 Follower!!!eins11), dessen Ego gestern klirrend in neuntausend Scherben zersprang, weil SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken im ARD-Sommerinterview keine Ahnung hatte, wer das bitte sein soll. Aber sie hatte ihm doch auf Twitter schon mal geantwortet!!!eins11

Viele KünstlerInnen sind froh und dankbar für die Möglichkeit, ohne größere finanzielle Investition selbst ihre Kunst publizieren zu können und unabhängig von den Gatekeepern in Verlagen, Plattenfirmen oder Filmstudios und TV-Sendern zu sein. Ich übrigens auch. Auf der anderen Seite wird allerdings inzwischen auch von Künstlerinnen erwartet, dass sie alles selbst machen – nur das Buch zu schreiben, nur den Comic zu zeichnen, nur in einem Film oder einer Serie mitzuspielen, nur die Musik zu komponieren und zu spielen, das reicht nicht mehr.
Nun müssen sie auch selbst das Budget erstellen, die Produktion und die Vermarktung übernehmen, die Pressearbeit machen und den direkten Dialog mit dem Publikum führen. Nicht nur dann, wenn sie keinen Verlag etc. haben und Selfpublisher sind, sondern auch dann, wenn sie bei einem Studio oder Verlag unter Vertrag stehen oder einen Agenten haben.

Und nicht wenige Verlage oder Agenten erwarten, dass man eine mindestens hohe, vierstellige Summe von Followern und Fans mitbringt, bevor sie einen überhaupt unter Vertrag nehmen. (Wozu genau man Verlage und Agenten dann eigentlich noch braucht, ich weiß es nicht. Vielleicht kann mir das ein Verleger oder eine Agentin erklären, ich würde es wirklich gerne wissen.)

Andererseits maßen sich aber eben viele Fans auch ein gewisses Mitspracherecht am künstlerischen Werk an, denn sie sind ja schließlich Fan und Follower und bezahlen mit Geld für die Arbeit ihrer Idole, wenigstens aber mit Shares und Likes und Retweets und Views.

Und dadurch, dass einerseits auf allen Ebenen die Mittelsleute, die Gatekeeper weggebrochen (s.o.) und die KünstlerInnen mehr denn je auf Mundpropaganda angewiesen sind, wir andererseits in einer Welt leben, in der die falsche Meinung zu äußern beruflichem und gesellschaftlichem Selbstmord gleichkommt, regelmäßig zu Arbeitsplatzverlust (oder dem Ruf danach), Doxxing und – Dank Google – ewigem Pranger führt, wird Stan-Kultur quasi aktiv gefördert und Kunst meist immer beliebiger und aussagefreier.

Es ist völlig normal geworden und löst kein Augenbrauenheben mehr hervor, dazu aufzurufen, die Bücher oder Filme einer Autorin oder eines Regisseurs nicht mehr zu lesen oder zu sehen und Verlage, Bibliotheken und Sender laut und offen aufzufordern, sie auszulisten bzw. aus dem Programm zu nehmen. Bücherverbrennungen sind längst nicht mehr nur Geschichte aus dem 3. Reich oder von irgend welchen skurrilen religiösen Fundis im US-Bible Belt sondern fast schon business as usual.

War J. K. Rowling vor zehn, zwanzig Jahren noch regelmäßig im Fadenkreuz der Evangelikalen, die ihre Bücher öffentlich verbrannten weil sie angeblich Hexenwerk und Magie propagieren, so sind es heute TransaktivistInnen, die meist mit „Harry Potter“ groß geworden sind und nun erst recht enttäuscht sind, dass die Autorin offenbar nicht auf ihrer Seite steht, was den Diskurs um Sex und Gender – biologisches und soziologisches Geschlecht – angeht, diese neue Religion namens „Genderwissenschaften“ und ihre ProphetInnen und KreuzzüglerInnen.

Cancel Culture ist real, und wer denkt, das sei doch nur eine Erfindung der Rechten oder #mimimi von Leuten, die halt keinen Gegenwind (mehr) gewohnt sind, wer denkt, das beträfe nur J. K. Rowling oder Salman Rushdie (der bekanntlich von höchster Stelle noch auf ganz andere Weise gecancelt werden soll), es ginge ja nur darum, deren Meinung (die als Hatespeech deklariert wird) keine Bühne zu bieten, der sollte noch einmal den Begriff “chilling effect” googeln und anschließend scharf nachdenken.

Wer die Unterschiede zwischen „jemandem keine Bühne bieten, keine Werbung für sie oder ihn und ihre oder seine Werke machen“ und „jemanden mit Buhrufen, faulen Eiern, Tomaten und Salat von der Bühne werfen und mit Fackeln und Heugabeln vor seiner oder ihrer Tür zu stehen“ nicht erkennen kann, der ist jedenfalls Teil des Problems.