Südkorea-Deutschland 0:0

Der Sommer ist zurückgekehrt, es ist wieder heiß in Hamburg, das heißt, über 26°C. Baden-Württemberger lachen da nur drüber, schon klar, aber hier oben sind das quasi Saharatemperaturen.
Ich bin nachmittags in Nienstedten zum Fussballschauen verabredet, Südkorea gegen Deutschland, das letzte Gruppenspiel, und ausnahmsweise muss ich mit dem Auto durch die Stadt. Im festen Glauben, das Spiel finge um 17 Uhr an, erledige ich noch dies und das, bevor ich gegen halb vier kurz bei Twitter reinschaue und darauf aufmerksam werde, dass das Spiel in einer halben Stunde beginnt. Wie man sieht, bin ich kein Fussballfan, aber es macht halt mehr Spaß, das Spiel mit mehreren zu sehen als alleine. Ich rufe an, dass ich später komme und setze mich ins Auto. 

Die Strecke Winterhude-Nienstedten ist unter optimalen Bedingungen in 40 Minuten zu bewältigen, wenn alle Ampeln auf Grün stehen und es Sonntagmorgen ist, die Straßen leer gefegt sind. Jetzt ist Rush-Hour, die Ferien haben noch nicht angefangen, überall sind Baustellen und ich stehe Stoßstange an Stoßstange bis Hagenbeck’s Tierpark, ab da wird es etwas entspannter, aber jede Ampel ist rot und schneller als 30 kann man fast nirgends fahren. Fünfzig Meter vor mir fährt der 22er Bus, drei Wagen hinter mir schon der nächste Bus derselben Linie, die nur alle 15-20 Minuten fährt. Diese Art Verkehr ist das. Mein geliehenes Auto ist ein über 20 Jahre alter Polo ohne Klimaanlage oder elektrische Fensterheber und ähnlichen neumodischen Kram. Immerhin hat er ein funktionierendes Radio, sogar mit Cassettenschacht.

Die Autofahrer um mich herum sind relativ entspannt, ich habe sie aggressiver erwartet, aber alle hören das Spiel im Radio. Ich auch. Ich muss erst eine Weile suchen, auf welchem Kanal es läuft, dann finde ich es auf NDR Info. Ein Moderatorenteam, eine Frau und ein Mann kommentieren, es fängt gerade an. Ich habe zuletzt vor einigen Jahren, als ich regelmäßig Sonnabends nachmittags vom Golfplatz nach Hause fuhr, die Bundesligakonferenz im Radio gehört, das war immer sehr spannend. Mir fällt jetzt auch wie Schuppen von den Ohren, warum ich den Hickhack um eine Fussballkommentatorin im ZDF so seltsam fand – im Radio gab’s immer mindestens eine Frau in der Bundesligakonferenz und mir selbst war gar nicht aufgefallen, dass mit Claudia Neumann eine Frau im TV kommentiert hatte.

Das Team im Radio ist gut, ich bin im Bilde, was passiert, die Koreaner scheinen mehr vom Spiel zu haben, aber alles noch kein Grund zur Panik, bei Mexiko gegen Schweden steht es auch noch 0:0 und die Blechlawine quält sich weiter in Richtung Stellingen. An einer Linksabbiegerampel stehend sehe ich eine verschleierte Muslima auf dem Gehweg gegenüber in dunklem, weiten Gewand anfangen zu rennen, sie will die Bushaltestelle erreichen, bevor der hinter ihr anrollende Bus kommt.

Sie rennt und rennt, die Haltestelle ist gut 200 Meter weit weg, der Bus steht, aber just als sie ihn erreicht fährt er ab. Er muss sie gesehen haben, er hat sie schließlich überholt und sie ist die einzige Fußgängerin weit und breit, aber er fährt an, lässt sie eiskalt in der flimmernden Hitze stehen und reiht sich in den Stau ein, die Türen fest verschlossen. Meine Ampel wird grün und ich biege um die Kurve und fahre spontan rechts auf die Haltestelle, wo die junge Frau steht und immer noch schnauft.

Ich kurbele das Seitenfenster hinunter und frage sie, ob ich sie ein Stück mitnehmen darf, da ich weitgehend dieselbe Strecke wie der Bus habe. Sie zögert kurz und steigt dann ein, wir reihen uns wieder in den Stau ein. Ihre Haltestelle liegt auf meinem Weg. Ich drehe automatisch das Radio leiser, sie fragt, wie es steht, immer noch 0:0. Sie erzählt, dass sie zu Freunden will, das Spiel sehen und dass sie schon einen Bus verpasst hat, die fahren heute irgendwie anders oder seltener, vermutlich wegen des Verkehrsinfarkts.

Sie kommt aus Afghanistan, erzählt sie, und ich frage sie, ob sie ein Lieblingsrezept hat bei so einer Hitze. Sie lacht. „Heißer Tee“ sagt sie. „Heißer Tee ist super erfrischend bei der Hitze. Obwohl es heute nicht besonders heiß ist, oder?“
Wir tauschen Samosasrezepte, meines – mit gebratenem Lachs und Kapern – gegen ihres – mit Lammhack und Rosinen – und plötzlich wird die Straße etwas freier und ich fahre auf die linke Spur und überhole den Bus, der sie nicht mitnehmen wollte. Zwei Kreuzungen später lasse ich sie aussteigen und wir wünschen uns ein schönes Spiel und noch einen schönen Tag und dann fahre ich weiter. Fünf Minuten später bin ich am Ziel. Es steht immer noch 0:0, Halbzeit. Unser Sportminister faselt von ‚Shuttleservice‘ und mir ist nach heißem Tee.