Tag 10 von 366 – Kofferrecherche

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Ich war ja beim Reisen seit ziemlich immer ein Taschen- bzw. nur-Handgepäckmensch. Also, weiches Gepäck, das man zur Not auch mal mit etwas gezieltem Drücken mit mehr befüllen kann, als geplant, z.B. weil der Shoppingtrip etwas eskaliert ist, oder man vor der Rückreise einfach nicht mehr die Nerven und die Zeit dazu hatte, die Schmutzwäsche so sorgsam wieder zusammenzurollen wie die frische Wäsche für den Hinweg. Und ich muss es selbst tragen können, ohne darunter zusammenzubrechen, auch wenn der Anschlusszug auf dem anderen Bahnsteig steht und in 1 Minute abfährt oder der „final call“ durch die Flughafen-PA schallt. (Letzteres ist natürlich ein Scherz: Wer nicht eine Viertelstunde vor Beginn des Boardings am Gate steht, ist zu spät. Ich bin Sternzeichen Jungfrau, mein Mädchenname ist Lufthansa.)

Koffer, das waren so sperrige Dinger in die nix passte und auf die man endlos warten musste am Gepäckband, das sich natürlich in genau die entgegengesetzte Richtung in Bewegung setzte, wie gedacht, so dass man am falschen Ende stand. Irgendwann Mitte der 90er, als sich abzeichnete, dass ich ziemlich viel geschäftlich verreisen würde und ich am Zielort nicht mit Klamotten „wie aus dem Hals gezogen“ (wie meine Mutter das nennt) rumlaufen konnte und wollte, stieg ich auf einen Rimowa Handgepäckstrolley um, so einen dieser Aluminiumdinger, die nichts wiegen und ziemlich unkaputtbar sind. Ja, sie haben nach kurzer Zeit Beulen und Kratzer, sofern man sie mal eingecheckt hat, aber das ficht sie nicht an, das nennt man bei den Dingern Patina und das macht sie höchstens attraktiver. Fortan gehörte ich zu den Businesskaspern, die der Clooney-Schorsch in “Up In The Air” so schön aufs Korn nahm. Weil ich zwar das wandelnde Klischee war, aber innen drin noch genügend Gegenkultur bewahrt hatte um noch in den Spiegel sehen zu können, klebte ich auf eine Seite des Koffers einen neonfarben schillernden  SEX WAX Aufkleber mit rund 30cm-Durchmesser. Der garantierte mir, dass ich mein Exemplar, sollte ich es einmal einchecken müssen, auf dem Band später zweifelsfrei identifizieren würde können. (Really tacky.)

Irgendwann vor ein paar Jahren lief mir jedoch ein Glas Honig im Koffer aus und das Futter war durch kein Hausmittel mehr zu retten. Keine chemische Reinigung wollte sich der Sache annehmen und Rimowa Köln mailte einen Kostenvoranschlag fürs Neufüttern, der in direkter Nachbarschaft zum ursprünglichen Neupreis lag. Ich trennte mich schweren Herzens von meinem ja doch inzwischen sehr geliebten Koffer. Komisch, wie man an Sachen hängt, wenn man nur genügend schöne Zeit an genügend schönen Orten mit ihnen verbracht hat. Ich hatte ursprünglich ja gehofft, die Kofferfrage für den Rest meines Lebens geklärt zu haben, aber je nun.

In den folgenden Jahren verreiste ich jedoch nicht mehr sehr häufig und flog noch seltener und so war ich wenn meist mit einem großen Kamerarucksack und einer großen Reisetasche unterwegs. Und das ging soweit auch gut, bis zum letzten Winter.

Der 30 l-Kamerarucksack (der ohne Kameragedöns und diese Polstertrennwände darin auch locker für eine Woche Strandurlaub gut war) ist mittlerweile ziemlich mitgenommen und die große Reisetasche ist mir, vollgepackt, inzwischen zu schwer zum Tragen. Ja, es kommt der Tag, an dem Frau keinen Bock mehr aufs Schleppen hat, auch wenn sie ein Leben lang Kamerarucksäcke, Reisetaschen oder vollbestückte Golfbags klaglos über die Schulter geworfen und durch die Welt geschleppt hat. Ich hätte gerne wieder was mit Rollen drunter. Vor fünf Jahren noch wäre das eines meiner Longboards gewesen. Inzwischen bin ich vielleicht doch alt etwas erwachsener geworden. Ein neuer Handgepäckstrolley musste her, und idealerweise ein neuer Kamerarucksack dazu.

Im Zuge der Ermittlungen erwies sich der ursprüngliche Plan, einfach wieder den Rimowa zu nehmen, als unerwarteter Weise undurchführbar. Zum einen passt weniger rein als früher, ich meine, hallo?! Runde Ecken? Und dann kosten die Dinger inzwischen so viel wie eine Boeing 737. Ich glaube, ich habe für das Ding ca. 1995 neu irgendwas um 400 DM bezahlt, bei Alligator auf dem Jungfernstieg. Das war doch gerade erst neulich!

Ein Blick auf ebay verriet mir außerdem, dass ich selbst mein verbeultes, verkratztes, honigverklebtes Exemplar für 300 Kracher als „vintage“ auf ebay hätte loswerden können, statt es zum Recyclinghof zu tragen. Schmerz, lass nach. Und dass die Kofferschlüssel, die bei den meisten vintage Exemplaren auf ebay fehlen und die hier irgendwo noch in einer Schublade rumfliegen, auch rund 20 Tacken bringen, schau an.

Am Ende fand ich, dass alle anderen Trolleys eh nichts taugen und ich deshalb auch genaus gut ein no name Aldi-Exemplar kaufen könnte. Ich landete bei irgend einem Online-Kofferpreisvergleichsdealer. Dort bestellte ich für unter 40 Euro (Sonderangebot) ein Hartschalenköfferchen mit Rädern drunter, das nach oberflächlichem Studium einer vierstelligen Anzahl an begeisterten Amazonrezensionen wenigstens die nächsten drei oder vier Trips überstehen sollte ohne völlig auseinanderzufallen. Was den Kamerarucksack betrifft, bin ich noch unschlüssig, den hab’ ich quasi täglich – oder zumindest, wann immer ich das Haus verlasse – über der Schulter. Da bin ich deutlich wählerischer.

Ich werde berichten.