Tagebuchbloggen

„Dienstag. Nix passiert.“

26

Ich sehe mit Freude, dass viele Menschen aus meiner Filterblase, Timeline, Leseliste, meinem virtuellen und teils tatsächlichen Bekanntenkreis das Tagebuchbloggen aufgenommen haben. Manche haben nie damit aufgehört, andere entdecken es gerade neu oder wieder. Ich überlege, warum ich eigentlich nie täglich über meinen Alltag gebloggt habe und stelle fest: Weil ich nix erlebe.

Ich arbeite von zuhause aus, ich sitze den ganzen Tag am Schreibtisch und zeichne, male, schreibe vor mich hin. Mir passiert rein gar nichts. Meine Tagebucheinträge würden in etwa so lauten: „Montag. Gemalt. Das Burnt Sienna neigt sich dem Ende zu. Mit X. telefoniert.“ – Das aufregendste Erlebnis ist es, wenn der Paketman klingelt oder halt auch nicht. Ich habe keine Kinder oder Partner, die verrückte Sachen anstellen, ich habe kein Haustier, Handwerker brauche ich keine denn hier ist alles okay, meine Kunden sind alle sehr nett und zahlen pünktlich, mein Auto habe ich vor Jahren verkauft. An Supermarktkassen und in der Bahn passiert mir auch nichts Erzählenswertes wenn ich denn mal das Haus verlasse, was selten genug vorkommt. Statt Teeküche im Büro habe ich Twitter, aber je nun. Alle bekloppt. Verreisen tu’ ich auch nur mehr selten, und wenn, dann irgendwo ans Meer, aber davon will ich nicht berichten, das gehört mir. Mein Leben ist ein langer, ruhiger Fluss, ich bin die personifizierte Langeweile.

Das stimmt natürlich so auch nicht ganz, ich lebe mit einem epikureischen Bären zusammen, der so viel erlebt und unternimmt, dass es für einen abendfüllenden Spielfilm pro Tag reichen würde. Meist kriege ich davon jedoch erst dann etwas mit, wenn er nach Hause kommt und mir Modell sitzt, steht oder liegt, denn die Zeichnung für den nächsten Morgen im #Bärenabo will ja gezeichnet werden, nicht wahr. Wenn er mir dann so erzählt, was er alles den Tag über gemacht hat, was er sich für morgen vorgenommen hat und wen er alles getroffen hat, dann werde ich schon gelegentlich etwas nachdenklich. Ich schreibe hektisch mit und überlege, wie ich das alles zeichnerisch umsetzen kann und mir wird schlagartig bewusst, dass niemand mein Tagebuchgeschreibsel lesen wollen würde, seines aber schon, und dann ist es Gin o’ clock und bald darauf zieht er sich mit irgend einer literarischen Neuerscheinung oder einem Klassiker in seine Gemächer zurück und ich sehe nach, ob ich noch genügend von seiner Lieblingsfellfarbe da habe.

Der e13-Newsletter
Etwa vier- bis sechsmal im Jahr Neues von mir und meiner Arbeit. Außerdem interessante Links und Themen aus Illustration, Design und Kunst. Kein Spam, jemals. Versprochen.