Urlaubsreif

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Das Gefühl, an den Rändern langsam, aber deutlich auszufransen.

Nicht schlafen zu können, aber auch nichts denken. Nachts um zwei auf dem Balkon stehen und sich mit den Blumen unterhalten. Hören, wie sie ‚hmmm? Geh wieder ins Bett, es ist mitten in der Nacht‘ murmeln und die Blüten wieder unter die Blätter stecken.

Minutenlang auf einen Bleistift zu starren und für den Bruchteil einer Sekunde denken, er zeichnet sicher gleich von allein. Ich kann ihn durch die Kraft meiner Gedanken bewegen und am Ende steht … irgend etwas. Das Ergebnis entzieht sich meinem Blick, wie eine dieser Minifliegen, die man aus dem Augenwinkel wahrnimmt, aber wenn man den Kopf dreht, dann ist da nichts. Den Bleistift leise kichern hören.

Gegen irgend etwas treten wollen. Nichts finden.

Eine Meeresrauschen app herunterladen, drei Sekunden anmachen und angewidert wieder löschen.

Eine Flasche Rosé öffnen, obwohl noch eine angebrochene, halb volle Flasche im Kühlschrank steht.

Nicht wissen, was man bloggen soll. Wissen, dass es eh keine Sau interessiert wenn man schreibt, was einen bewegt.

Einen dreißig Jahre alten Straßenatlas der USA finden und Buch- und Filmschauplätze suchen. Auf Google Maps gehen und nachsehen, wie es dort heute aussieht. Was total irre ist, denn ich habe keine Ahnung, wie es dort jemals ausgesehen hat, jenseits der Beschreibung im jeweiligen Buch oder Film. Umblättern und mit dem Finger in Kansas sein. An Capote und Harper Lee denken. Mit dem Finger nach Montgomery, Alabama reisen, auf den Nebenstrecken.

Überlegen, ob ich mir die Haare noch einmal blond färben soll. Wie damals, als ich noch  … nein. Feststellen, dass ich nie wirklich jung war. In dem Notizbuch lesen, in dem ich mit 8 Jahren meine zukünftigen Memoiren schrieb.

Mich den Nachrichten wieder verweigern. Das hat in den 90ern hervorragend funktioniert für mein Seelenheil.

Auf Twitter von Nichtigkeiten so gereizt werden, dass ich dringend da weg muss, bevor ich meinen Account im Affekt lösche oder alle entfolge.

Weg.

Weit weg.

Ganz weit weg.

Wissen, ich komme nicht weg, ich hab’ mich immer dabei.

Ein neues Blatt Papier nehmen und das Meer malen.