Was schön war KW40/2017

Begegnung in der S-Bahn

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Zwischen Altona und Sternschanze ist am Wochenende mal wieder Schienenersatzverkehr, wie ich morgens feststellen darf, als ich in den Hamburger Westen fahre. Das nervt reichlich, nicht zuletzt dank der stinkstiefeligen Hamburger Busfahrer, und nein, das ist keine unzulässige Verallgemeinerung. In bald 40 Jahren Hamburg habe ich höchstens drei freundliche oder gar lustige Busfahrer erlebt. Nun müssen die in erster Linie Bus fahren und mich nicht bespaßen, aber ein ‚Moin‘ sollte auch früh um halb sieben schon drin sein, und man muss auch nicht jedes Mal stöhnen, als zöge man am Schicksalsberg in die Schlacht um Mittelerde, wenn man hinten die Rampe für einen Rollifahrer rausholt.

Doch ich wollte ja sagen, was schön war. Schön war, dass mir nachmittags bei der Heimfahrt in Altona rechtzeitig einfiel, dass ich nicht umsteigen muss sondern stehenbleiben und bis Landungsbrücken fahren kann, um dann dort umzusteigen. Stehenbleiben deshalb, weil ich olle Klaustrophobikerin gern in der Bahn an der Tür stehe und mich höchst ungern hinsetze. Dafür bediene ich dann halt ab und an den Türknopf für Leute, die suchend davor stehen und fasse auch mit an, wenn ein Kinderwagen rein will. (Radfahrer, die ihr Gefährt noch mit in die proppenvolle Bahn quetschen wollen, können hingegen von mir aus verrecken, aber auch das hat eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

An der Station Königstraße steigen zwei junge, kopftuchtragende Mütter mit zusammen einer Karre ein, das eine Kind sitzt in der Karre, das zweite Kind sitzt auf einem mütterlichen Arm. Beide Mütter sind höchstens 18 Jahre alt. Zuerst denke ich, es sei ein Stofftier, so klein ist Kind 2. Es trägt einen für die frühherbstlichen 18° C viel zu warmen Plüscheinteiler mit Leopardenfleck und Katzenohren auf der Kapuze, auch das lässt es mehr wie ein Stofftier wirken, zumal es sich null bewegt. Das Kind in der Karre krakeelt und tritt um sich, die eine Mutter ist sichtlich bemüht, das Kind hat sich irgendwie an irgend einem Riemen der Karre verfummelt und brüllt den knallvollen, genervten Wagen zusammen. Inzwischen habe ich gemerkt, dass das Stofftier auf dem Arm der zweiten Mutter ein Kind ist, nicht zuletzt, weil es mich anstrahlt und losgackert. Ich grinse zurück, geht gar nicht anders, das Lachen ist so ansteckend und ich bin offenbar ein großer Spaßfaktor für das Leopardenbaby, wie ich es im Geiste getauft habe.

Mutter Nummer zwei guckt mich prüfend an, dann drückt sie mir ihr Baby in den Arm. „Halt mal“, sagt sie und widmet sich dem brüllenden Kind 1, das inzwischen die Gesichtsfarbe einer überreifen Erdbeere angenommen hat. Ich halte mal.
Das Baby quiekt vor Vergnügen und greift mit beiden Händen beherzt nach meiner Nase. Fehlt nur noch, dass es ‚trööt‘ sagt.
Die beiden Mütter zerren hilflos an dem Gurt der Karre und Kind 1 herum. Kind 2 lacht und drückt an meiner Nase herum. Die Umstehenden sind wahlweise genervt, wahlweise belustigt, ein junger Mann steht auf und macht irgendwas an der Karre, jedenfalls ist Kind 1 plötzlich ruhig und die Lage normalisiert sich wieder.
Mutter 2 macht null Anstalten, sich ihr Kind zurückzuholen, es amüsiert sich offensichtlich prächtig auf meinem Arm und mit meiner Nase. Die Mütter unterhalten sich angeregt in einer mir fremden Sprache, Kind 1 kriegt ein Stück Apfel in die Hand gedrückt.

Landungsbrücken. Ich tippe Mutter 2 an und sage, meine Nase und ich müssten hier aussteigen. Sie nickt, nimmt ihr Kind zurück, das nur ungern loslässt und dann bin ich draußen und die Türen gehen zu.

Ich habe ja bekanntlich keine Kinder, insofern weiß ich nicht, wie üblich das ist, wildfremden Menschen einfach seins in den Arm zu drücken. Aber die Selbstverständlichkeit, die einerseits verblüffend, andererseits sehr schön war, ist eigentlich total erklärlich. Das Kind fand mich offensichtlich nett und ich umgekehrt das Kind, also was sollte schon passieren? Die Bahn war knallvoll, sie wollte ihrer Freundin oder Schwester helfen, das andere Kind zu beruhigen, was hätte sie sonst machen sollen?

Die Notaufnahmeschwester schreibt hier, wenn auch in anderem Zusammenhang „Vielen Eltern scheint die Selbstverständlichkeit im Umgang mit kleinen Kindern verloren gegangen zu sein.“ Vielleicht ist das nur bei uns Westeuropäern so?

Jedenfalls: Das war schön.

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