#wmdedgt September 2017

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“

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Jeden Monatsfünften fragt Frau Bruellen, was wir eigentlich den ganzen Tag so machen und das Internet antwortet.

Gegen viertel nach drei in der Früh werde ich wach: In der Wohnung über mir ist etwas mit lautem Bums umgefallen, vielleicht war es auch nur das Katz der Mädels-WG, das gerne mal nachts seine fünf Minuten kriegt und durch die Wohnung tobt. Ich kann nicht sofort wieder einschlafen, nutze die Gelegenheit, den heutigen Abo-Bären per WhatsApp zu versenden, denke kurz darüber nach, ob mich die EmpfängerInnen deshalb wohl für völlig gaga halten, beschließe, dass mir das egal ist und stelle mein aktuelles Hörbuch – Stephen Fry liest Sherlock Holmes – auf 15 Minuten, an deren Ende ich schon wieder im Tiefschlaf liege.

Um halb sechs werde ich wach, reiße alle Fenster und Türen auf und lasse die kühle, klare, Spätsommermorgenluft in die Wohnung, bevor ich unter die Dusche gehe. Der September ist mein Geburtsmonat und für mich noch Sommer (offiziell it er das ja auch bis etwa zur Hälfte); in den letzten Jahren war er – wohl Dank der Klimaveränderung – „der neue August“. Mir fällt auf, dass ich in diesem September noch gar keinen Pflaumenkuchen gegessen habe, der, wie die dazugehörige Schlagsahne und die darumschwirrenden Wespen sozusagen das Wappen des Monats bildet. Es ist wirklich merkwürdig, und ich weiß nicht, ob es mit meinem Geburtstag zusammenhängt, aber der September markiert für mich von jeher viel mehr das Jahresende als der 31.12. Wenn der Sommer stirbt und der Herbst da ist, dann beginnt die Erneuerung der Welt.

Nach der Dusche schaue ich auf Twitter, was die #SepteMeer-Beiträge so machen, dann male ich den morgigen Abobären und den heutigen #SepteMeer-Eintrag, dann gibt’s Frühstück, dann ab an die Arbeit: Auftragsmalereien, das wird ein Tag am Zeichenbrett.

Gegen Mittag spaziere ich eine Runde um den Stadtpark. Am Sonnabend kommen die Rolling Stones und seit Tagen wird die Bühne aufgebaut und ist die große Wiese abgesperrt, denn die Stones spielen natürlich nicht auf der kleinen Freilichtbühne im Miniamphittheater in der Ecke an der City Nord, wo ich am Freitag Michael Kiwanuka sehen werde, sondern wie weiland Pink Floyd auf der großen Wiese zwischen dem Planetarium und dem Stadtparksee. Es sollen irgendwas zwischen 80.000 und 100.000 Besucher kommen, die den erst 2014 anlässlich seines 100. Geburtstags gefeierten und renovierten (lies: teuer bepflanzten) Stadtpark vermutlich reichlich kaputttrampeln werden. Nach dem Pink Floyd Konzert 1989 lagen überall tote Vögel im Park, die dem ungeheuren Lärm und der nächtlichen Laserlichtshow nicht gewachsen und aus den Bäumen gefallen waren. Ich weine jetzt schon um die schönen Bäume, Pflanzen und Tiere, für die „This will be the last time“ einen besonders bitteren Beigeschmack haben wird. Aber meine Stadt ist eine Hure des Goldes, seit jeher zählt einzig der Mammon und so zuckten der rot-grüne Senat und die Bürgerschaft nur mit den Schultern und wischten entsprechende Einwände der Anwohner, die außerdem um ihre Vor- und Schrebergärten fürchten, vom Tisch. Warum das Konzert nicht wie sonst in der Arena des Volksparkstadions oder auf der Trabrennbahn in Bahrenfeld stattfinden konnte ist mir ein Rätsel. Angeblich darf der heilige Rasen der HSV-Fussballer nicht zerstört werden; es würde zu lange dauern, ihn neu anwachsen zu lassen so mitten in der neuen Saison. Mein bitteres Lachen dürft Ihr Euch jetzt einfach dazudenken.

Der Nachmittag wird weiter am Zeichentisch bzw. an der Staffelei verbracht und dann werfe ich die Waschmaschine an und gehe während sie läuft ebenfalls eine Runde laufen. Ich laufe eigentlich lieber morgens, da ist es leerer, sonniger und dann habe ich auch mehr Energie für den Tag. Nach dem Laufen bin ich immer so aufgeputscht. Andererseits ist morgens meine kreativste und beste Zeit, laufen kann ich immer noch später. Inzwischen merke ich jedoch, dass ich spätnachmittags/frühabends nicht mehr die Energie habe, noch loszulaufen und es dann meist bleiben lasse. Das wiederum kann’s ja auch nicht sein, also zwinge ich mich in die Schuhe um etwas zu tun, was ich ohnehin doof finde und mir alle Motivation abverlangt, die ich aufbringen kann. Es ist ein Kreuz.

Ich hänge die Wäsche auf und surfe nach einem frühen Abendessen noch mal die sozialen Netzwerke nach #SepteMeer-Beiträgen ab, schreibe diesen Eintrag und male noch ein, zwei Stündchen und falle ins Bett. Ich schätze, Sherlock Holmes muss morgen noch mal zurück zum Anfang des Kapitels gehen, ich wette, ich werde schon wieder die Hälfte nicht mitkriegen.

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