You live, you learn

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Tag 289 von 366 – Die Werkstatt hat Reparaturannahmestop „wegen der aktuellen Situation“, der Randonneur bleibt also meine Aufgabe. Es sei denn, ich klappere sämtliche Fahrradwerkstätten in der Umgebung ab, ob sich niemand erbarmen will. In der Zeit kann ich natürlich auch drölf YouTube Videos gucken und lernen, wie man eine Kette und ggf. eine Kassette austauscht und mich anschließend alternativ wie Wonder Woman oder aber die letzte Versagerin fühlen.

Oder aber ich stelle den Randonneur wieder in den Keller und fahre mit ja bei trockener Straße grundsätzlich prima funktionierenden Bremsen der Gazelle durch Hamburgs Herbst und Winter, in der Hoffnung, dass es nicht regnet und die Straßen trocken bleiben. Haha. Wobei … noch vor wenigen Jahren wäre das ein guter Witz gewesen; inzwischen kann man auch in Hamburg die Regentage im Jahr langsam an den Fingern abzählen. Dem Klimawechsel sei Dank wird man in noch weniger Jahren dazu nicht einmal mehr beide Hände brauchen.

Ich mag übrigens den Randonneur, auch wenn er mir inzwischen zu klein ist und ich ihn in den letzten 30 Jahren nicht sehr häufig gefahren bin. Zum einen ist er mein Fahrrad, seit dem Sommer 1983, und wir sind zusammen zur Schule, zum Studium, zur Arbeit, sogar einmal in den Urlaub gefahren. Ich habe ihn von meinem Taschengeld, Babysittergeld, Zeitungsaustragengeld, Weihnachts- und Geburtstagsgeldgeschenken etc. zusammengespart, er kostete damals rund 1000 DM, aber ich musste ihn einfach haben. Die gelbroten Markenaufkleber und das Logo habe ich ziemlich sofort abgeknibbelt, da ich befürchtete, Begehrlichkeiten von Langfingern zu wecken. Mein namenloser Schatz besticht durch die schlanke Silhouette. Über die Jahre baute ich das Rad vom klassischen Rennrad zum Randonneur um – es wich als erstes der klassische Rennlenker einem Schwalbenlenker, der weiße Sattel einem Brooks Swallow, ich spendierte ihm zwei rote Schutzbleche (damals regnete es noch in Hamburg) und wechselte von 19 mm Schlauchreifen auf 23 mm Conti Grand Prix 4 Seasons, man wird ja nicht jünger. Und den erwähnten Radurlaub bestritten wir mit einem Carradice Nelson Longflap plus Zelt obendrauf. Minimalismus vom Schönsten.

Randonneur heißt auf Deutsch „Wanderer“, klingt aber ein bisschen nach „Herumtreiber“ und zwar mit französischem Flair. Es ist ein Wort, das mich sofort träumen lässt (nicht, dass es dazu viel bedürfte). Ich sollte ihn wirklich nicht mehr fahren, ich kriege ziemlich schnell Rückenschmerzen auf ihm, ich bin jenseits jeden vertretbaren Alters für Stadtfahrten auf so einer Rennmaschine, selbst mit fetten 23mm Pneus. Und ich fahre grundsätzlich eher ungern Fahrrad, das ist noch der größte Witz an der Sache. Klugerweise sollte ich ihn verkaufen, schließlich ist er ein echter Oldtimer, vintage sozusagen, es wollen eh wegen Corona alle Fahrrad fahren und wahrscheinlich würde man ihn mir aus den Händen reißen. Aber noch bringe ich es nicht so recht übers Herz. Es ist komisch, wie sehr ich an manchen Dingen hänge und auch, dass es mir erst jetzt so richtig klar wird, wo ich darüber schreibe. Und dass ich ihn erst jetzt so richtig zu schätzen weiß.

Er ist nicht nur verdammt schnell, sondern auch so hübsch und ja, auch so vertraut. Er hat noch einen Stahlrahmen, natürlich gemufft. Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass heutige Fahrräder keiner Rahmenmuffen mehr haben? Ist billiger, schätze ich. Vielleicht auch technisch nicht mehr notwendig, das weiß ich nicht. Aber die wulstigen Schweißernarben an modernen Fahrrädern sehen so brutal, billig und aggressiv aus wie … nun ja, wie die meisten modernen Fahrräder selbst. Mattschwarz und dick, mit Namen wie CANNONDALE! CUBE! COWBOY! statt filigran und bunt wie Colnago, Bianchi, Cinelli, bei denen man direkt in eine Opernarie ausbrechen möchte. Vielleicht sind die modernen Italiener und auch die legendären Franzosen wie Peugeot, Motobécane, Gitane inzwischen längst fest in chinesischer Hand oder Teil eines US-Konglomerats, das ansonsten auch Kochtöpfe und Ukulelen im Programm hat.

Egal. Ich wühle mich dann wohl mal durch die Gelben Seiten der Fahrradhändler im Stadtteil. Und durch YouTube.

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Gemalt, gelaufen (die Knie protestieren jetzt häufiger, so viel Bewegung sind sie gar nicht mehr gewohnt), gefilmt. Kichererbsencurry gekocht.

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You live you learn, you love you learn
You cry you learn, you lose you learn
You bleed you learn, you scream you learn
I recommend biting off more than you can chew to anyone

Der heutige Titel wird Ihnen präsentiert von Alanis Morissette:

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Von ihrem Album “Jagged Little Pill”, das ich bei Erscheinen neulich¹ monatelang rauf- und runtergehört habe, seither allerdings nie wieder, und von dem ich, wie ich heute feststellen durfte, bei jedem Lied noch jedes Wort fehlerfrei mitsingen kann. Wie auch von den drei anderen Alben aus jenem Jahr, die in der Werbeagentur des Grauens™ 24/7 in schwerer Rotation liefen: 2Pac “Me Against The World”, Oasis “What’s The Story (Morning Glory) und Fettes Brot „Außen Top Hits, innen Geschmack“. Es war ein Vintage Jahrgang.

¹ 1995

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Lieblinks:

‘I worked in horror films. Now I’m an undertaker.’

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Has China peaked already?