Zeichen der Zeit

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Tag 206 von 366 – Das Café Seeterrassen in Planten un Blomen, ein Vorzeigeobjekt der Nachkriegsarchitektur in Hamburg, ist wohl dem Untergang geweiht. Die Stadt hat das Gebäude verkommen lassen, es soll abgerissen werden, die Sanierung/Restaurierung rechne sich nicht. Eine Petition zur Erhaltung ist eingerichtet und ich bin hin- und hergerissen: Einerseits finde ich die Nachkriegsarchitektur in Hamburg alles andere als erhaltenswert; sie ist meiner Ansicht nach an Hässlichkeit kaum zu überbieten. Außerdem hat dieser Planet halt nur begrenzt Platz; wenn wir alles erhalten, nur weil’s alt ist und irgendwas symbolisiert, haben wir immer weniger Raum für Neues.

Andererseits wohne ich jetzt gerade mal etwas über 40 Jahre hier und gefühlt verschwinden jährlich Gebäude, die gerade erst neu gebaut oder wenig älter als 5-10 Jahre waren, als ich hier ankam. Oder sie sollen verschwinden/abgerissen werden … die Köhlbrandbrücke (eröffnet 1974), der Fernsehturm (fertiggestellt 1968), das Hanseviertel (eröffnet 1980), um nur einige zu nennen.

In den 50ern, zur Stunde Null im zerbombten Hamburg – und dem Rest von Deutschland – fielen solche Entscheidungen meist nicht schwer, denn es gab halt nicht mehr viel, auch wollte man sich ganz bewusst für die Zukunft entscheiden, denn die Vergangenheit war in jeder Hinsicht völlig kaputt und nichts, nach dem man sich zurücksehnte oder woran man erinnert werden wollte. Inzwischen hat man sich so gemütlich eingemuckelt in der kruden Mischung aus Backstein und Glas, die meine Stadt inzwischen ausmacht.

Visionäre Architektur kann ich jedoch hier nur selten finden; einige Jahre lang habe ich am jährlichen Tag der Architektur Führungen durch oder zu Hamburger Neu- und Rohbauten mitgemacht. Schon bei der Auswahl der Führungen für den Tag fiel es mir meist schwer, auch nur ansatzweise Begeisterung für das jeweilige Objekt zu empfinden. Ich gestehe, ich mag „Schumacherland“, die Jarrestadt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, die Speicherstadt natürlich oder auch die berühmten Kontorhäuser wie das Chilehaus. Ich habe vor einigen Jahren ein paar Monate lang für eine Firma mit Sitz im Afrikahaus gearbeitet, und das Gebäude ist nicht nur die schönste und herausragendste Erinnerung an ein komplett überflüssiges Projekt und sinnlose Lebenszeitverschwendung, sondern jeder Tag dort war ein sensorisches Ereignis und der Gang durchs Treppenhaus dort rückblickend betrachtet das jeweilige Highlight des Tages.

Bei den neueren Werken, wie der Hafencity, den Medienhäusern an der Rothenbaumchaussee (wo früher der Übungsplatz des HSV war), dem verrückten Haus an der Elbchaussee/Ecke Fischers Allee oder dem Gebäude der Nordakademie im Dockland (Fischereihafen Ottensen) habe ich das Gefühl, das ist mehr gewollt als gekonnt, eher modisch als modern, die altern schlecht und sehen schon nach zehn Jahren so aus, als könne man sie besser abreißen als erhalten. Vielleicht liegt es auch an den verwendeten Materialien, billig schlägt immer noch nachhaltig, ganz besonders, wenn öffentliche Gelder im Spiel sind. Positive Ausnahme sind für mich die „tanzenden Türme“ auf St. Pauli, die ein in Beton gegossenes Bowlingcenter mit rattenverseuchtem Chinarestaurant und einer Musikalienhandlung ablöste, in dem ich einen herrlichen Sommerjob hatte und in dessen Räumlichkeiten ab Anfang der 90er der Mojo Club einzog. Der ist nun wieder da, unter den Türmen. Vielleicht kommt ja wirklich alles Gute wieder.