Zu heiß, zu lang, zu mühsam

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Tag 178 von 366 – Mir ist definitiv zu heiß. Alle Fenster auf Durchzug, ab unter die kalte Dusche, und dann ist es doch erst sechs Uhr früh und 18°C, es sollen noch 30 °C werden. Das Gewitter gestern Abend hat kurz Platzregen gebracht, aber keine Abkühlung. Um sieben bin ich im Supermarkt. Ein paar Handwerker mit Kinnwindel grabbeln ihr Frühstück aus dem Brötchenknast. Das Personal hat keine Masken um und räumt ein, steht in schönster passiv-aggressiver Art mit ihren Karren so im Weg, dass Abstand zu halten unmöglich ist. Sie sind genervt, dass schon Kundschaft da ist, je nun, es hilft ja nichts, man muss ja irgendwann einkaufen und es wird später zu heiß sein. Die Maske des Kassierers baumelt an einem Ohr. Ich überlege, noch einmal Toilettenpapier, Hefe und anderes zu bevorraten, denn das wird ein langer Lockdown im Spätsommer. Spätestens.

Warum sind Menschen so? So egozentrisch, so gedankenlos, so schwach? Ich habe das damals nach dem GAU in Tschernobyl beobachtet: Ein, zwei Saisons lang wurden Pfifferlinge und Wildbret verschmäht, Blaubeeren gab’s fortan – auch wegen des Fuchsbandwurms – nur noch aus Kulturen (und schmeckten fortan nach genau gar nichts mehr, waren dafür aber doppelt so dick), ein zeitlicher Horizont von zehntausend Jahren oder mehr ist dem Menschen nicht vermittelbar. Also, klar, man versteht es rational, aber nicht emotional. Zu enorm. Und da man das Unheil nicht sieht, fühlt, riecht, schmeckt, vergisst man es schnell wieder, zumal natürlich auch Verdrängungsmechanismen greifen. So wird aus dem bald folgenden „einmal ist keinmal“ kurz darauf wieder ein „ach, nun ist’s auch egal“, gepaart mit „wird schon nichts passieren“. Wer sich an die Regeln hält und weiter vorsichtig ist, etwa gar deutlich sichtbar – mit Maske – ist der Spielverderber, der Bote mit den schlechten Nachrichten, der Mahner in der Wüste. Das ist verständlich, das ist menschlich. Und das wird unser Untergang sein.