Guten Morgen, gute Nacht, adieu, Uderzo

700 Aufrufe

Tag 84 von 366 – Früh um viertel vor fünf stehe ich auf dem Balkon und gucke gen Osten, wo es zaghaft hell zu werden scheint. Ich hab’ das falsche Objektiv drauf, egal, 50mm f/1.8, ISO 100, die U3 fährt in Richtung Saarlandstraße, ca. 1 km entfernt. Focus? Wer braucht schon Focus? Ich liebe es, wenn aus Unfällen Kunstwerke werden. Naja, oder wenigstens schöne Bilder, wie das hier im Header.

Erst mal Tee kochen.

***

Albert Uderzo ist tot. Dreiundvierzig Jahre nach René Goscinny, dem Autoren des Duos, das Astérix aus der Taufe gehoben hat, ist nun auch der Zeichner von uns gegangen.

Astérix war der erste und lange einzige Comic, den ich als Kind lesen durfte. Meine Mutter hielt Comics für wertlosen Schund und hat nie gelernt, wie sie zu lesen sind, wie sie funktionieren. Heute bedauert sie ihre harte Haltung mir gegenüber und ist froh darum, dass sich mein Vater durchgesetzt hat. Von seinen oft wochenlangen Auslandsreisen nach Indien, Venezuela, Mexico und Brasilien brachte er mir stets einen Band mit, wenn wir ihn am Flughafen abholten. Ein Astérixheft war ein Schatz, ich kann heute noch jeden Band auswendig, jedenfalls bis zu „Astérix bei den Belgiern“, dem letzten von Goscinny geschriebenen Band. Die nachfolgenden Bände waren zwar wie immer top gezeichnet, aber inhaltlich war die Luft raus aus den Geschichten; Uderzo schrieb nun auch die Drehbücher und, man muss es leider sagen, das war definitiv nicht sein Forte. Der feinsinnige Humor Goscinnys war Welten entfernt vom äußerst platten Stammtischwitz Uderzos. Ich habe noch „Der Grosse Graben“ und „Die Odyssee“ gelesen,  aber die nachfolgenden Bände dann nicht mehr, nur noch oberflächlich durchgeblättert, wenn ich mal einen in die Hände bekam. Der Qualitätsabfall war einfach zu steil.

Uderzo hat meinen Zeichenstil nicht sonderlich beeinflusst, da würde ich eher Morris oder Franquin nennen, aber sein Werk hat mir unglaublich viel Vergnügen geschenkt. Danke dafür.

***

Da ich, ich erwähnte es bereits, seit über einem Jahrzehnt hier in diesen heiligen Hallen Home Office mache, habe ich den Rhythmus der Nachbarschaft recht gut drauf. Ich bin morgens die erste; wenn ich aufstehe schlafen noch alle, dafür bin ich fast immer auch abends die erste, die schlafen geht. Morgens ist dieser Tage bis etwa acht, halb neun (statt wie sonst gegen halb sieben) Uhr in der Nachbarschaft alles ruhig, erst dann werden Rollos hochgezogen und Vorhänge und Fenster aufgerissen. Seitdem wegen Corona alle zuhause sind, sich mein eigener Tagesrhythmus aber naturgemäß nicht nennenswert geändert hat, sehe ich abends viele Schlafzimmer in den Häusern gegenüber, in denen bereits um 21 Uhr das Licht ausgeht. Ich bin nun zwar abends gegen halb zehn, zehn nicht die Letzte, aber keinesfalls mehr – wie vor Corona –  die Erste, die schlafen geht. Ganz offensichtlich setzt die Quarantäne den Menschen sehr zu, viele flüchten sich in den Schlaf, vielleicht vor den Sorgen, vielleicht auch vor dem Partner oder der Partnerin oder den Kindern, die Erschöpfung ist allenthalben groß – auch ich war gestern so dermaßen durch, dass ich schon um halb neun im Bett lag.

Schlaf, der alte Zauberer.