Schiffe, Meer und Kinderbücher

Ein Besuch im Altonaer Museum

10

Als Kind war ich häufiger im Museum Altona, so Ende der 70er des vorigen Jahrhunderts. Es war logistisch betrachtet das zweitnächstgelegene Museum vom heimatlichen Nienstedten aus gesehen. Näher waren nur das Barlachhaus, das im Jenischpark (Flottbek) in seinem Dornröschenschlaf lag und der Museumshafen in Övelgönne, den ich lustigerweise nie als Museum wahrnahm, sondern halt als kleinen Hafen mit besonders schönen Schiffen. Ich war einige Male mit der Schule im Altonaer Museum und häufiger mit der Familie.

Ich fand das Museum irgendwie … unangenehm, möchte ich sagen. Es war klein und eng, hatte zwar einerseits eine Sammlung von hölzernen Galeonsfiguren, die im Souterrain in einem großen, fensterlosen Saal hingen. Barbusige Schönheiten, bunt uniformierte Kapitäne, König Neptun und Meerjungfrauen, unheimlich von unten beleuchtet, wie ein besonders dämlicher oder grausamer Vater, der sich eine Taschenlampe unters Kinn hält um seinen Kindern im Dunklen Angst einzujagen. In manchen Sälen roch es irgendwie moderig und muffig. Es gab Bilder und Zeichnungen von Fischern, Meeren und Seeschlachten. Die anderen Exponate aus jener Zeit haben andererseits keinen besonderen Eindruck bei mir hinterlassen; es gab noch die Nachbildung einer Bauernkate, in der sich auch ein kleines Restaurant befand, das rustikale und simple Speisen anbot, Erbsensuppe oder Schmalzbrote, aber deswegen musste man ja nun nicht zwingend ins Museum gehen, nicht wahr. Tat auch niemand. In jenen Tagen ging überhaupt niemand ins Museum.

Die Museen meiner Kindheit waren stets gähnend leer, ob im Frankfurter Staedel, dem Offenbacher Ledermuseum, in der Hamburger Kunsthalle oder der Münchner Pinakothek – meine Mutter und ich waren oft die einzigen Besucher (meinen Vater hätte man nur unter Androhung von Waffengewalt in ein Museum gekriegt, und nicht einmal dann), und was ich zuallererst mit dem Besuch eines Museums assoziiere ist der hallende Klang unserer Schritte auf dem Parkett und grimmig dreinblickende Wärter, die mich misstrauisch beäugten und uns hinterherschlichen. Ein Kind? In einem Museum? Das kann doch nur Lärm, zerstörte Bilder und fettige Fingerabdrücke auf den Vitrinen bedeuten! Ich starrte stumm, die Hände hinterm Rücken verschränkt aus der Mitte jeden Saals auf die Bilder, während ich zunehmend zu Eis erstarrte, nicht nur aufgrund der ungeheizten Räumlichkeiten. Das einzige Museum, das nicht so war, sondern wo man als Kind willkommen war und vieles anfassen durfte, ja, sogar explizit dazu ermutigt wurde, war das Deutsche Museum in München.

Das Altonaer Museum wurde 1980 durch einen Brand schwer zerstört und danach war ich ewig nicht mehr dort. 1994 zog ich in die unmittelbare Nachbarschaft am Anfang der Bahrenfelder Straße, einen Steinwurf entfernt und kam fast täglich auf dem Weg zum Bahnhof daran vorbei. Ich sah den Restaurateuren durchs Fenster bei der Arbeit zu und dachte ‚du musst mal wieder reingehen‘, aber es ergab sich nicht. Es wurde immer wieder mal durch Schließung bedroht, zuletzt 2010. Die Pfeffersäcke im Senat finden, Kultur müsse sich rentieren und ein Museum zu subventionieren, mit dem man nicht angeben kann und was nichts hermacht, das lohne sich nicht. (Das Geld wird dringender für Projekte wie die Elbphilharmonie benötigt.) Hinzu kommt, dass das Altonaer Museum eine Filetlage hat, die Begehrlichkeiten bei Investoren weckt. St. Pauli, Altona – und das benachbarte Ottensen, an dessen Rand das Museum liegt – sind von reinen Arbeiter- zu komplett durchgentrifizierten Trendstadtteilen à la Prenzlauer Berg geworden. Glücklicherweise gingen die Hamburger Bürger laut und deutlich gegen die Schließung auf die Straße und wir konnten das Unheil noch einmal abwenden.

Gestern schließlich ging ich spontan hin um mir die Ausstellung des dänischen Malers Anton Melbye anzusehen. Die Bilder füllen drei Säle und sind – außer im letzten Saal – perfekt ausgeleuchtet. Und auch die Rahmen waren mehrheitlich perfekt zum jeweiligen Bild gewählt (ich weiß, das liegt nicht zwingend in der Hand der Kuratoren, aber es ist auch keineswegs üblich). Ein einziges Bild ist ungerahmt und wirkt umso wuchtiger und eindringlicher.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich von diesem Maler noch nie zuvor etwas gehört hatte und zumindest bewusst nie ein Bild von ihm gesehen hatte. Das ist andererseits nicht wirklich verwunderlich, denn ich habe keinen Kontakt zu den Reedern und privaten Sammlern, die – neben dem dänischen Königshaus, wo ich ebenfalls eher selten zu Gast bin – einen Gutteil der Exponate zur Ausstellung beigetragen haben. Am faszinierendsten fand ich die Nachtbilder und die Bilder, auf denen nur Meer und gar keine Schiffe, höchstens noch eine Möwe zu sehen sind. Ein unerhörtes Konzept für die Zeit um 1870. Und auch die Federzeichnungen waren sehr inspirierend, einen so lockeren Strich mit einem so sperrigen Gerät hinzubekommen ist nicht einfach. Selten sah ich Federzeichnungen vom Meer, auf denen es lebte.

Es gibt eine online Begleitausstellung auf melbye.altonaermuseum.de für alle, die nicht selbst hingehen können.

Nach dem Besuch der Ausstellung und einem leckeren Stück Himbeerkuchen im Museumscafé – das nun nicht mehr in der Bauernkate sondern in einem hellen Raum im Erdgeschoss residiert – besahen wir uns noch das Kinderbuchhaus, ein Museum im Museum. Dort ist aktuell eine Ausstellung von Ole Könneckes Bildergeschichten zu sehen. Mir gefiel gut, dass die Exponate in Kinderhöhe hingen (wie auch im Saal zum Thema Laterna Magica). Am Eingang stand ein Tischchen mit einem Gästebuch und einem Becher Buntstifte. Darin musste der Bär sich natürlich umgehend verewigen, eh klar.

Der Bär zu Besuch im Kinderbuchhaus, Museum Altona ©2018 Kiki Thaerigen, e13.de

Es war ein wunderbarer Nachmittag und ich werde sicher nicht wieder so viel Zeit verstreichen lassen, bis ich zurückkehre.

Der e13-Newsletter
Etwa vier- bis sechsmal im Jahr Neues von mir und meiner Arbeit. Außerdem interessante Links und Themen aus Illustration, Design und Kunst. Kein Spam, jemals. Versprochen.