Über den Goldene Blogger Award 2018

Eine Nachlese und Replik

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Thomas Knüwer vom Blog Indiskretion Ehrensache und Mitorganisator und -begründer des „Goldene Blogger“-Awards, schreibt drüben bei sich über die diesjährige Veranstaltung und lässt seiner Verwunderung über die Ergebnisse der Abstimmungen freien Lauf. Diese Antwort wollte ich erst ins dortige Kommentarfeld tippen, aber dann ist sie etwas ausgeufert, daher schreibe ich das mal hier rein:

Es war eine wunderbare Veranstaltung und ich möchte mich auch hier noch einmal bei Euch Machern sowie den Sponsoren für den tollen Abend bedanken, den Ihr per Livestream auch den „Zuschauerinnen und Zuschauern an den Geräten zuhause“ ermöglicht habt. Danke!

Dass Frl. ReadOn gewonnen hat kam auch nur für diejenigen überraschend, die sie nicht lesen oder kennen. Mir war sonnenklar, wenn dieser Award auch nur ansatzweise noch etwas mit Bloggern und der Blogosphäre zu tun haben soll UND wenn wir per Klick abstimmen dürfen und nicht die Jury oder das Saalpublikum entscheidet, dann wird sie mit über 60% der Stimmen gewinnen – und so geschah es ja auch, ich glaube, es waren sogar über 65%. Und warum das so ist, wurde wohl dem letzten im Saal und am Bildschirm klar, als sie ihre Karte an Deniz verlas.

Dass ihr „Bananentext“ bei der Art der Abstimmung nicht gegen den ebenso fabelhaften Text der Notaufnahmeschwester gewinnen würde war mir auch klar: Der ist einfach zu lang und zu komplex und trotz des glücklichen Ausgangs der Geschichte nicht feelgood genug für ein Livepublikum. Trotzdem er gekürzt war und auch sehr charmant vorgelesen wurde, hatte der Text daher keine Chance gegen das herrlich schnodderige und in diesem Kontext publikumskompatiblere „Ihr Lappen!“.

Immerhin waren es drei Texte von drei echten Bloggerinnen, die zur Abstimmung standen. Dass der Text vom Nuf nicht ganz so viel Beachtung fand hat mich ein wenig gewundert, aber andererseits ist das Thema Fatshaming (unter dem ich den Text mal subsumieren möchte) ja nun auch ein Dauerbrenner und sie und andere, wie Journelle oder La Gröner, haben in den letzten Jahren schon so viele Megabytes darüber geschrieben, dass man des Themas vielleicht auch ein klein wenig überdrüssig geworden ist. Nur um das klarzustellen: Das Thema ist leider nach wie vor relevant, aber es ist auch inzwischen omnipräsent, im Allgemeinen und in der Blogosphäre im Besonderen. Berichte von vorderster Front aus der Notaufnahme oder auch der Pflege hingegen gibt es dort noch viel zu wenige und ich hoffe mal, das war ein Startschuß für diese Themenfelder und ein Staffelstabwechsel.

Frl. ReadOns beiden bzw. drei Mitbewerber in der Kategorie „Beste Blogger“ waren hingegen keine ernsthafte Konkurrenz, wenn man einmal rein übers Bloggen spricht. Der von mir sehr geschätzte Raul ist ein bereits recht bekannter Aktivist, der auch bloggt. Das ebenso geschätzte Übermedien-Team hat vielleicht ursprünglich mal gebloggt, aber ist inzwischen auch eher ein größeres Medium mit journalistischem und kommerziellen Anspruch geworden (kein Wunder bei den beiden) und hat nicht mehr wirklich viel mit der „Lehre des reinen Bloggens“, dem Spirit zu tun, wie wie ich das mal augenzwinkernd nennen möchte.

Das ist bitte ausdrücklich nicht als Kritik an den anderen Nominierten zu verstehen und natürlich auch keine qualitative Wertung! Es ist nur ein wenig wie bei Olympia, das ja einst als Wettkampf der Amateure begann: Wenn man medienerfahrene Profis mit in den Wettbewerb holt, lockt man zwar mehr Zuschauer (und Sponsoren) ins Stadion aber verfälscht eben auch ein Stück weit den Wettbewerb. Amateur ist dabei kein Schimpfwort, Amateure schreiben, filmen, podcasten halt im Wortsinn „aus Liebe zur Sache“ und nicht, oder zumindest nicht in erster Linie gegen Geld oder aus reiner Eigen-PR.

Glücklicherweise waren jedoch noch jede Menge Amateure im Rennen; die Kaltmamsell, Juna, der Taxiblogger, der Kinderdoc, die „Worst of Chefkoch“-Jungs … das war wunderbar und man möchte jeder bzw. jedem einzelnen von ihnen den kleinen, keuschen Nackedei überreichen.

In diesem Zusammenhang hat mich übrigens der Sieg des MC Winkel mindestens so gefreut wie der von Frl. ReadOn, wenn auch auf eine andere Weise. Er ist der erste ursprüngliche Blogger, der hierzulande mit Ansage vom Bloggen leben wollte, der sich entsprechend professionell aufgestellt hat ohne sich selbst zu verkaufen und der Lifestyleblogging erfand, als Bibi und Lena noch in der Grundschule saßen. Er war Influencer, lange bevor der Begriff aufkam und ist so authentisch wie nur was. So kann man’s nämlich auch machen: Seine Produktlobpreisungen kommen von jeher mit einem Augenzwinkern, Kreativität und echtem Kieler Swag daher und sein Sieg in der Kategorie „Markenbotschafter des Jahres“ gegen Bibi’s Beatuy Palace und Lena Meyer-Landrut war folgerichtig der Sieg der Substanz über die Fassade.

Und weil Ihr nicht nur tolle Sponsoren rangerockt habt sondern in einigen Kategorien auch Profis bzw. Promis nominiert, die mit Bloggen so rein gar nichts zu tun haben sondern die höchstens einen Social Media Account irgendwo haben, den sie gelegentlich sogar selbst bedienen, war natürlich auch das Interesse der Medien entsprechend größer als sonst. Ich verstehe offengestanden nicht, warum Ihr Leute wie Gottschalk, Hummels, Becker oder Lindner etc. nominiert, so als Witz kann man das machen, aber was haben die mit Bloggen zu tun? Das ist entweder ein – mäßig guter – Scherz oder halt ein Kniefall vor den Sponsoren. Okay. Auch die re:publica findet längst nicht mehr in der Kalkscheune statt oder auch nur im Friedrichstadtpalast, schon klar. Aber dann wundert Euch auch bitte nicht über Anfragen der Tagesthemen. ;-)

Ich denke, Blogs werden 2018 wieder deutlich an Fahrt aufnehmen, denn die Goldgräberstimmung in den sozialen Netzwerken ist vorbei. Facebook ist aufgrund des Algorithmus’ schon für Privataccounts unattraktiv bis unbenutzbar geworden, für Firmen und Medien geht da ohne dickes Werbebudget jetzt gar nichts mehr, ihre Inhalte werden einfach niemandem mehr angezeigt. Instagram ist auch schon fast an diesem Punkt angelangt (etwas mehr dazu hatte ich neulich hier geschrieben, wie auch letztes Jahr schon einmal), Twitter ist auf dem besten Wege dorthin. Auch in den USA kehren die ersten den kommerziellen Plattformen wieder den Rücken (“Why we left Medium”), es geht halt nichts über das Eigenheim im Web, die eigene Homepage, das eigene Blog.

Die „Goldenen Blogger“ werden sich vermutlich künftig entscheiden müssen, ob sie den Spirit des Bloggens oder die Technik nominieren wollen. Denn ein Blog, Vlog, Podcast ist natürlich zunächst ganz nüchtern einmal nur ein Medium, eine technisches Gerüst, das es jedermann ermöglicht, für lau oder kleines Geld zu publizieren und theoretisch genau so ein Millionenpublikum zu erreichen wie eine Zeitung oder ein TV-Sender. Erst die Autoren dahinter machen es zu dem, was es ist, füllen es mit Leben. Dieses Jahr gewann der Spirit.

Update: Da hier gerade vermehrt anonyme Kommentare mit gefaketen Mailadressen einschlagen um den MC Winkel zu dissen: Die werden nicht freigeschaltet. Nicht, weil man den MC Winkel nicht dissen dürfte – haters gonna hate, doch jeder nach seiner Fasson – aber weil ich nicht auf Feiglinge stehe, die nicht die cojones haben, das mit offenem Visier und unter Klarnamen oder wenigstens mit echter Mailadresse zu tun.

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