Smells like good Music

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Über Christian stieß ich auf silenttiffys Aufruf, die erste eigene Begegnung mit Nirvanas Smells like Teen Spirit zu bloggen.

Ich habe leider keine prägende Erinnerung mehr an meine erste Begegnung mit diesem Lied. Es war wohl Anfang der 90er (d’oh!), ich habe keine Lust zu googeln, aber das muss etwa um die Zeit gewesen sein, als ich im letzten Semester war und mich meiner Diplomarbeit widmete. Vielleicht auch etwas eher, diese Zeit ist in meinem Gedächtnis nur noch sehr verzerrt und verschwommen abgebildet. Das Video lief bei MTV rauf und runter, und ich fand den Song großartig. Das war endlich wieder anständige Rockmusik, nicht dieser Teeniescheiß wie EMF oder die Happy Mondays und nicht dieser nölende Jammerpop von R.E.M., der sonst die Kanäle verstopfte.

Das Video war auch toll, schön skurril, schön dunkel, Cheerleader mit Achselhaaren und Tattoos, ein im Takt wischmoppender Hausmeister, prima. Aber meine volle Aufmerksamkeit gehörte der meergrünen Fender des Sängers, einer Mustang oder Jaguar, so genau weiß ich das lustigerweise gar nicht mehr. Die war endgeil, so eine hätte ich damals gerne gehabt, und dabei spielte ich zu jener Zeit nur meine Gibsons und rümpfte die Nase über den Fendersound. Gitarrensnobs sind ganz, ganz schlimm, ich sag’s Euch.

Ich mochte diesen Grungerock, wobei mir nicht ganz klar war, was daran jetzt so besonders grungy, also dreckig und schmierig sein sollte. Rock ist Rock ist Rock, fertig. Hauptsache, es knallt. Ich mochte Soundgarden und Pearl Jam, Alice in Chains und eben auch Nirvana. Am besten gefielen mir allerdings aus jener Zeit die Stone Temple Pilots, deren Album „Core“ konnte ich auswendig, die trafen für meine Ohren mehr den Nagel auf den Kopf und der Sänger hatte die interessantere Stimme, wie ich fand und, schlagt mich, finde.

Aber da ich kein Teenie mehr war sondern Mitte Zwanzig, seit zehn Jahren selbst Rockmusik machte und musikalisch mit den Helden von Woodstock und ihren Nachfolgern aufgewachsen war, traf mich der Song, so erfrischend wie er war und ist, nicht so wuchtig und unvermittelt wie ganz offensichtlich die jüngere Generation. Das hatten halt zehn Jahre zuvor schon die Doors, The Who und die Stones erledigt, ganz zu schweigen von ihren Nachfolgern Springsteen oder The Clash (so unterschiedlich die auch waren). Ich wusste halt schon, daß es eine musikalische Welt jenseits von Paula Abdul und Roxette gab. Nirvana & Co. erzählten mir nichts neues.

Ab ich erinnere mich an den Sommer ’92 bei meiner Familie in Vancouver, als wir einen Ausflug nach Seattle runter machten. Seattle, das stand allgemein für Holzfällerei, Boeing und Microsoft (Starbucks war noch nicht so wichtig), für mich allerdings in erster Linie für Hardcore- und Metalbands, vielleicht noch für Quincy Jones und Ray Charles und natürlich Hendrix. Die recht isolierte Lage da oben am Arsch der Welt, das meist regnerische und kalte Wetter und die Über-Spiessigkeit der Familien, deren Väter direkt oder indirekt für den militärisch-industriellen Komplex arbeiteten, waren der Nährboden für eine rebellische Gegenkultur nicht nur musikalischer Art.

Ich durchforstete die Stadt nach Comics, natürlich allen voran die von Peter „Hate“ Bagge, aber auch anderer junger Künstler. Seattle war ein Comic Mekka und ich kaufte auf einer der vielen kleinen Events rund ums Thema viel ein, ließ mir einige Hefte signieren und sah einen spontanen Gig einer örtlichen Band. Die Band hieß Soundgarden und war so semiberühmt, an der Schwelle zum Erfolg. Sie hatten im Vorprogramm von Guns ’n Roses bei deren ziemlich genialer „Use Your Illusion“ Tour gespielt und liefen im US Collegeradio rauf und runter. Ein paar Jahre später, da war der Grunge Hype schon lange durch, hatten sie mit Black Hole Sun ihren wohl größten Hit und das Video dazu war mal wirklich bahnbrechend.

Irgendwann noch später hat sich dann Kurt Cobain die Lichter ausgeblasen. Es hat mich weder sonderlich überrascht und schockiert noch beeinflusst; ich weiß nicht mal mehr, in welchem Jahr das war. Ich weiss noch, daß ich milde erstaunt war, daß der Selbstmord eines Rockmusikers tatsächlich eine Erwähnung in der Tagesschau wert war. Wahrscheinlich war ich schlicht zu alt, oder schon zu abgehärtet — wann und wo ich vom Tode John Lennons erfuhr, weiß ich jedenfalls noch ganz genau. Und Cobain war nie auch nur ansatzweise interessant oder gar relevant genug für mich, um mich über seinen Tod zu echauffieren. Das Ereignis lag für mich emotional etwa gleichauf mit der Trennung Robbies von Take That: „Echt? Oh, shit. Was gibt’s im Kino?“

Die rohe Kraft von Smells Like Teen Spirit brauche ich aber gelegentlich immer noch. Laut. Sehr laut. „Die-Nachbarn-schreiben-böse-Briefe“ laut. Gute Musik ist gute Musik ist gute Musik. I know, I know, I know, I know. I know, I know, I know, I know.