Lieblinks 2/2023

Früher Morgen im März 2020
Früher Morgen im März 2020 | ©2020 Kiki Thaerigen

Auf tiktok ist es meist völlig egal, ob die Clips optisch und akustisch auf Hochglanz produziert oder einfach achtlos im Alltag nebenbei und mit Bordmitteln runtergefilmt wurden, hier geht es in erster Linie um Inhalte und nicht um die Verpackung, und alles in schön Generation-Ritalin-kompatiblen 20 Sekunden, und nicht in dreieinhalb Kinostunden. Was vielleicht gerade deshalb so gut ankommt, weil im Kino und auf den Streamingportalen alles im selben Plastiklook gesendet wird, ob nun ein Superheldenopus von Marvel oder ein „indy“-Film, es ist ermüdend und vorhersehbar. Deshalb ist es so erfrischend, wenn man einen kurzen Clip wie diesen sieht, der es an Perfektion mit jedem oscarprämierten Film aufnimmt. Ist der zufällig entstanden? Man mag es kaum glauben, so perfekt der Bildausschnitt, der Dialog, die Szene, die Darsteller, die Ausstattung. Wäre aber auch egal, ob zufällig oder geplant entstanden. Können 20 Sekunden episch sein? Ich denke, ja. Ton an!

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Christian geht „hätte, hätte, Fahrradkette“-Gedanken nach. Ich denke nach, an welchen Punkten mein Leben wohl eine völlig andere Wendung bekommen hätte und ob ich dem nachtrauern sollte. Es gibt so viele dieser möglichen Wendepunkte, ich kann mich kaum entscheiden. Mich machen solche Gedankenspiele nur müde, in solche Kaninchenlöcher abzutauchen kostet mich nur Kraft und Nerven. Mein Leben ist ok, ich will gar kein anderes führen. Ich hätte so ganz allgemein betrachtet gern weniger Zeit damit verplempert, für widerliche Leute in Firmen mit menschenverachtendem Geschäftsmodell zu arbeiten, aber es is’ ja wie’s is. 

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Die Tagesschau hält einen Rückblick auf drei Jahre Pandemie und ich überlege mal wieder, ob ich wirklich so komplett anders ticke als der Rest der Welt, weil ich noch Maske trage, Abstand halte, Hände wasche, zuhause bleibe und Menschenansammlungen  – insbesondere in Innenräumen – meide. Ich finde nicht, dass die Pandemie vorbei ist, meinetwegen ist es jetzt eine Endemie, das beruhigt mich kein Stück. Raider heißt jetzt Twix, same shit different year. Aber ich ahne langsam, wie diese Szenarios in diesen Zombiefilmen zustandekommen, die ich nicht schaue – bei denen eine winzige Gruppe noch-nicht-Infizierter sich verbarrikadieren und Munition verteilen, während die Untoten schleichend näher kommen. (Ich habe “The Thing”, “They live” und “Alien” gesehen und weiß: Das Grauen ist mitten unter uns.)

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Das letzte Wort, heute vom LostWordPoet:

„1983: Computer nehmen uns bald die meiste Arbeit ab, und das ist gut so, dann haben wir mehr Zeit für uns und Kultur.  2023: Wir müssen alle länger arbeiten, dafür haben wir jetzt Computer, die Songs schreiben und Bilder malen können.“ (Lostwordspoet auf Mastodon)